«Teufelskreis wird durchbrochen»

Was verhilft zu einem besseren Leben und bekämpft die Klimakrise? Das Grundeinkommen! Sagt Vordenker Philip Kovce.

Für manche ist das bedingungslose Grundeinkommen der Schlüssel zum Paradies auf Erden. (Rita Mühlbauer)

Für manche ist das bedingungslose Grundeinkommen der Schlüssel zum Paradies auf Erden. (Rita Mühlbauer)

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Die Schweizer Stimmbevölkerung lehnte es überdeutlich ab, ein Test nach dem anderen scheitert. Ist jetzt langsam gut mit dem Grundeinkommen?
Im Gegenteil. Die Schweizer Abstimmung war nicht das Ende, sondern der Anfang einer grossen Grundeinkommens-Debatte. In Deutschland ist mittlerweile jeder Zweite dafür. In den USA haben sich Barack Obama und der demokratische Präsidentschaftskandidat Andrew Yang dafür ausgesprochen. Und eine Mehrheit der Schweizer Stimmbevölkerung erwartet eine weitere Abstimmung. Das Grundeinkommen ist keine mediale Eintagsfliege, sondern ein politischer Dauerbrenner.

Die Schweizer Filmerin Rebecca Panian wollte sechs Millionen Franken sammeln, um in Rheinau das Grundeinkommen testen zu können. Es kamen nur 150'000 Franken zusammen. Die Leute wollen es nicht, Ihr Grundeinkommen.
Ich selbst habe für das Rheinauer Projekt keinen einzigen Franken gespendet. Eine spendenfinanzierte Insel der Glückseligen hat mit einem Grundeinkommen nichts zu tun. Auch das finnische Experiment mit 2000 Arbeitslosen, die zwei Jahre lang mittels sanktionsfreier Sozialleistungen zwangsbeglückt wurden, beweist in Sachen Grundeinkommen nichts. Das Grundeinkommen ist keine Glückspille, die sich an irgendwelchen Versuchskaninchen testen lässt. Es ist ein Grundrecht, das ebenso wie die Abschaffung der Sklaverei oder die Einführung des Frauenwahlrechts so lange unvorstellbar scheint, bis es plötzlich selbstverständlich wird.

Sie behaupten, die Unterstützung fürs Grundeinkommen komme von links wie rechts. Aber wenn Sie ehrlich sind, kommt sie nur von links, oder?
Falsch. In Deutschland befürworten sowohl Christdemokraten als auch Liberale das Grundeinkommen. Ausserdem sind viele Unternehmer dafür. Historisch gesehen hat das Grundeinkommen ebenfalls liberale Wurzeln: Zu seinen Vordenkern zählen beispielsweise Thomas Paine, einer der Gründerväter der USA, der liberale Tausendsassa Ralf Dahrendorf sowie der neoliberale Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman, der im Grundeinkommen die bessere Alternative zum modernen Wohlfahrtsstaat sah.

Für Friedman war die Einführung des Grundeinkommens der erste Schritt zu dessen Abschaffung.
In der Tat wollte Friedman das Grundeinkommen einführen und den Sozialstaat abschaffen. Ich will das nicht. Ich bin ein liberaler Befürworter des Grundeinkommens. Und ein sozialer. Ich will den Sozialstaat nicht abschaffen, sondern neu aufstellen. Der Sozialstaat versichert die Notlagen, das Grundeinkommen garantiert die Grundlage.

Die Einführung Ihres Grundeinkommens, dieses gewaltigen Umschichtungsprogramms, bedeutete das Ende der liberalen Demokratie.
Das bedingungslose Grundeinkommen stellt die Machtfrage, richtig. Aber innerhalb, nicht ausserhalb der liberalen Demokratie. Liberale Demokratien leben vom Wettstreit der Ideen und gemeinsamen Entscheidungen. Das Grundeinkommen verhilft der liberalen Demokratie zu neuer Blüte. Es setzt der zunehmenden Technokratie der Alternativlosigkeit eine postideologische Idee entgegen, die sowohl die Freiheit des Einzelnen als auch die Absicherung aller stärkt.

Postideologische Idee? Klingt technokratisch. Fehlt es dem Grundeinkommen letztlich nicht an Identifikationspotenzial, am Enthusiasmus einer politischen Bewegung?
Ich beobachte das Gegenteil. Das Grundeinkommen versöhnt den rechten Verstand mit dem linken Gemüt. Insofern ist es postideologisch. Und insofern begeistert es immer mehr Menschen ganz ohne populistischen Führerkult.

Zum besseren Verständnis: Was unterscheidet das glücklich realisierte Grundeinkommen genau vom glücklich realisierten Kommunismus?
Der Kommunismus ist auf dem liberalen Auge ebenso blind wie der Neoliberalismus auf dem sozialen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – die drei gehören zusammen wie Kopf, Herz und Hand. Im 20. Jahrhundert wurden sie gewaltsam auseinandergerissen und fatalerweise gegeneinander ausgespielt. Dies gilt es im 21. Jahrhundert wiedergutzumachen, weshalb das Grundeinkommen mit Arbeitszwang, Planwirtschaft und Parteidiktatur ebenso wenig zu tun hat wie mit einem skrupellosen Ellenbogenliberalismus.

Die Tech-Giganten saugen heute das grosse Geld ab und lassen dem Rest die Krümel. Muss da der Staat eingreifen, wenn er das Grundeinkommen realisieren möchte?
Monopole und Kartelle gefährden die freie Marktwirtschaft. Deshalb gibt es gute Gründe, sich von den Tech-Giganten nicht alles bieten zu lassen. Die Finanzierung des Grundeinkommens hängt jedoch nicht davon ab. Es kostet nicht mehr Geld, sondern weniger Misstrauen, und ist nicht auf Silicon-Valley-Almosen angewiesen.

Das dringendste Problem derzeit ist nicht die Umverteilung, sondern der Umweltschutz. Da hilft ein Grundeinkommen wenig.
Und ob! Der latente Arbeitszwang von heute fördert lauter Bullshit-Jobs, deren Sinnlosigkeit die Betroffenen als verzweifelte Schnäppchenjäger wettzumachen versuchen. Ein ökologischer Teufelskreis: Auf sinnlose Produktion folgt sinnloser Konsum. Und so weiter. Dieser Teufelskreis wird erst durchbrochen, wenn Freiwilligkeit das neue Gütesiegel der Arbeit ist. Die Freiwilligkeit, die das Grundeinkommen garantiert, beugt der Sinnlosigkeit vor, die den Planeten ruiniert.

Sie sind der bekannteste deutschsprachige Prophet des bedingungslosen Grundeinkommens. Würde es eingeführt, verlören Sie Ihre Lebensaufgabe.
Propheten verkünden das Wort Gottes. Ich verkünde weder das Wort Gottes noch die reine Lehre des Grundeinkommens. Und ich habe mit oder ohne Grundeinkommen genug zu tun.

Das Reden und Schreiben übers Grundeinkommen langweilt Sie nie?
Wenn sich niemand anderes dafür interessieren würde, dann würde es auf Dauer sicher langweilig. Da sich jedoch immer mehr Zeitgenossen für das Grundeinkommen begeistern, ist es jetzt so spannend wie noch nie, sich damit zu befassen.

Erstellt: 25.07.2019, 11:25 Uhr

Philip Kovce ist Ökonom und Philosoph. Er doziert an der Berliner Universität der Künste. 2017 veröffentlichte der Deutsche mit dem Schweizer Unternehmer Daniel Häni das Buch «Was würdest du arbeiten, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre? Manifest zum Grundeinkommen».

Kovce war einer der aktivsten Wahlkämpfer, als die Schweiz 2016 über die Einführung des Grundeinkommens befand. Die Stimmbevölkerung lehnte diese dann mit 77 Prozent Nein- zu 23 Prozent Ja-Stimmen ab. (Bild: Ralph Boes)

Bedingungsloses Grundeinkommen. Grundlagentexte. Herausgegeben von Philip Kovce und Birger P. Priddat. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2019. 514 Seiten, circa 38 Franken.

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Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein Chamäleon der Ideengeschichte: Man findet es in gewandelter Form an immer neuen Orten.

Das zeigen die Texte, die Philip Kovce gemeinsam mit Wirtschaftsprofessor Birger P. Priddat gesammelt und herausgegeben hat. Die Beiträge reichen vom frühen 16. bis ins fortgeschrittene 21. Jahrhundert, vom Sozialisten Paul Lafargue mit seinem «Recht auf Faulheit» bis zum Neoliberalen Milton Friedman. Das Mittel ist mehr oder wenig dasselbe, die Absicht und das dahinterliegende Bild vom Menschen teils komplett verschieden.

Im Vorwort zählt Kovce die Versprechen auf, die die Idee des Grundeinkommens seit Jahrhunderten attraktiv erscheinen und regelmässig in philosophischen Texten auftauchen lässt: Armutsbekämpfung, Antwort auf Arbeitslosigkeit und Freiheitsgarant. (lsch)

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