Tod im Boxring

Sport im Comic: In «Knock Out!» erzählt Reinhard Kleist von einem schwulen schwarzen Boxer, der seinen härtesten Rivalen umbrachte.

Boxer und Damenhut-Designer: Emile Griffith im Comic von Reinhard Kleist. Foto: PD

Boxer und Damenhut-Designer: Emile Griffith im Comic von Reinhard Kleist. Foto: PD

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Expressiver gehts nicht, steiler auch nicht. Wir blicken von der Seite her in einen New Yorker Hinterhof, der hauptsächlich aus einer schwindelerregend in die Tiefe stürzenden Feuerleiter besteht. Menschen sind da keine zu sehen, bloss zwei Sprechblasen. «Pass auf dich auf, Mann…» heisst es und: «…hast ganz schön einen sitzen.»

Mit dieser Warnung beginnt «Knock Out!», und man erkennt den Comic-Künstler schon in diesem ersten von vielen seitenfüllenden Panels: Niemand zeichnet schärfere Kanten, niemand nutzt den Schwarzraum intensiver, niemand hat ein ausgeprägteres Flair fürs Abgründige als Reinhard Kleist.

Der 49-jährige Deutsche hat in seinen bekanntesten Comics Musiker wie Johnny Cash oder Nick Cave porträtiert. Ein zweiter grosser Themenblock in Kleists Werk ist dem Sport gewidmet, beziehungsweise dem, was ihn mit Extremsituationen verbindet. In «Der Traum von Olympia» rekonstruierte der deutsche Autor die Geschichte der somalischen Leichtathletin Samia Yusuf Omar, die auf der Flucht nach Europa im Mittelmeer ertrank. In «Der Boxer» widmete sich Kleist dem Juden Hertzko Haft, der in Konzentrationslagern um sein Leben fightete.

Der Geist, der den Boxer am Leben hält

Ums Boxen gehts nun auch in «Knock Out!», genauer: Es geht um Emile Griffith (1938–2013), dem wir zunächst als älterem Mann begegnen, als er aus der Kneipe wankt und dann von vier Halbstarken als Schwuchtel beschimpft und fast totgeschlagen wird. Als Griffith wieder zu sich kommt, steht eine vermummte Gestalt mit Boxerhandschuhen neben ihm – es ist jener Geist, der ihn am Leben hält, weil Griffith genau davon erzählen muss: seinem Lebentrauma.

Griffith, das wird in «Knock Out!» deutlich, ist eigentlich alles andere als eine Kämpfernatur. Als junger Mann spielt er lieber Baseball und Pingpong und arbeitet sich in einer Hutfabrik zum Designer für Damenhüte hoch. Sein Chef erkennt jedoch, dass der Dunkelhäutige nur dann Aussichten auf eine Karriere hat, wenn er Boxer wird. In den Fünfzigerjahren gibt es in den USA keine Alternative.

Der sanftmütige Schwarze legt darauf eine erstaunliche Karriere hin. Alles scheint ihm zu gelingen, mehrere Weltmeistertitel inklusive. Aber dann kommt der 24. März 1962. Es ist jener Tag, als Griffith beim WM-Rematch in der 12. Runde seinen Gegner Benny Paret so schwer verletzt, dass dieser ins Koma fällt und zehn Tage später stirbt.

Dramatisches Ende: Millionen Menschen sahen 1962 am TV, wie Emile Griffith Benny Paret ins Koma boxte. Quelle: Strongboy1770

Kleist holt diese Szenen ganz nah heran, er blickt in die entsetzten Gesichter, schneidet zwischen den Zeitebenen hin und her und verlängert schliesslich den Hinterkopf des in den Seilen gefangenen Boxers zum alles zudeckenden Schatten.

Die Absicht dahinter scheint klar: Es geht in «Knock Out!» nicht primär um die Schuldfrage, sondern darum, wie sich die Gesellschaft verhält. Da ist ein Held, der ein Leben lang als schwuler Schwarzer diskriminiert wurde, und als er einmal die Kontrolle verliert und zurückschlägt (Paret sagte angeblich vor dem Match: «Hey, Schwuchtel!!! Heute mache ich dich fertig, dich und deinen Ehemann!»), muss er dafür büssen.

«Ich töte einen Mann, und die meisten Leute verstehen das und verzeihen mir. Ich liebe einen Mann, und so viele halten das für eine unverzeihliche Sünde.»Boxer Emile Griffith

Der echte Emile Griffith, der erst 2008 sein Coming-out hatte, zog ebenfalls ein bitteres Fazit: «Ich töte einen Mann, und die meisten Leute verstehen das und verzeihen mir. Ich liebe einen Mann, und so viele halten das für eine unverzeihliche Sünde.» Noch heute ist Homosexualität im Mainstreamsport ein Tabu, nur wenige schaffen ein Coming-out. Der Blick zurück auf einen wie Emile Griffith zeigt – gerade in Zeiten einer wieder erstarkenden Homophobie –, wie die Mechanismen dahinter funktionieren.

Reinhard Kleist: Knock Out! Carlsen-Verlag, Hamburg 2019. 160 S., ca. 28 Fr.


Die Nacht des Amateurs

Vor dem alten Hallenstadion: Szene aus dem Comic von Marc Locatelli. Foto: PD

Dass Sport zum Comic-Thema wird, kommt ja gelegentlich vor. Dass ein Sportler seine eigenen Erlebnisse zu Papier bringt, hat jedoch maximalen Seltenheitswert. Der Schweizer Marc Locatelli, der zehn Jahre lang aktiver Radrennfahrer war und später als Illustrator und Grafiker arbeitete, erfüllt sich nun mit «Die Nacht, in der ich Eddy Merckx bezwang» einen lange gehegten Traum.

Er erzählt in diesem Comic von der «Nacht der Superstars» im Februar 1978, als sich der Amateur Locatelli mit den damals grössten Namen im Radrennsport im Zürcher Hallenstadion messen durfte: Francesco Moser, Didi Thurau, Eddy Merckx. Doch wie sollte sich ein Aussenseiter in diesem Weltklassefeld beim «Blauen Band von Zürich» behaupten?

Der Tipp vom Mentor

Locatelli verrät es in seinem mit viel Lokalkolorit angereicherten Band: Er erhielt von seinem Freund und Mentor Sergio Gerosa den Tipp, sich ans Hinterrad des Italieners Felice Gimondi zu heften, um unter die Top 10 zu kommen. Und Locatelli nutzte die Gunst der Stunde, um sogar sein Idol Eddy Merckx auf den letzten Metern abzufangen. Auch wenn anderntags etwas anderes in der Zeitung stand.

War zehn Jahre Radrennfahrer: Comic-Zeichner Marc Locatelli. Foto: PD

«Die Nacht, in der ich Eddy Merckx bezwang» lebt vom Rennfahrer-Spirit, aber auch von der verrauchten, bierseligen Atmosphäre im alten Hallenstadion, wo nicht nur der langjährige Platzspeaker Charly Schlott, sondern auch drei ehemalige Rennfahrer das Geschehen im Oval kommentieren. Locatelli setzt Splash-Panels und Close-ups, reales Geschehen und Fantasievorstellungen in buntem Wechsel ein. Den Comic selbst vermochte er unter anderem dank Crowdfunding und dem Coaching von «Tages-Anzeiger»-Karikaturist Felix Schaad zu stemmen. So ist Locatelli im reifen Alter von 65 Jahren ein beachtliches Solodebüt gelungen.

Marc Locatelli: Die Nacht, in der ich Eddy Merckx bezwang. Edition Moderne, Zürich 2019. 48 S., ca. 30 Fr.

Erstellt: 02.10.2019, 20:35 Uhr

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