Tod und Nachleben einer Prostituierten

Elif Shafak erzählt in ihrem neuen Roman «Unerhörte Stimmen» von den Rändern der türkischen Gesellschaft.

Die türkisch-stämmige Autorin Elif Shafak reist nicht mehr in ihr Heimatland. Foto: Gian Marco Castelberg/13Photo

Die türkisch-stämmige Autorin Elif Shafak reist nicht mehr in ihr Heimatland. Foto: Gian Marco Castelberg/13Photo

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Das ist die Geschichte einer Istanbuler Prostituierten, und sie fängt mit dem Ende an. Im Augenblick ihres Todes erlebt Leila noch einmal, was sie als Erstes gesehen hat, Minuten nach ihrer Geburt im Jahr 1947. «In quälendem Schweigen und voller Ungeduld starrten die erste Frau, die zweite Frau, die Hebamme und zwei Nachbarinnen auf das Kind.»

Ein intensiver, gefährlicher Moment: Die Frauen des Dorfes belauern ein Neugeborenes, das nicht schreien will. Durch die Augen des Babys, suggeriert die Erzählperspektive, schaut sie quasi schon die Erwachsene an, die 43 Jahre später eines gewaltsamen Todes sterben wird.

Damit ist gesetzt, was Elif Shafak in diesem Roman vorhat: von den Rändern erzählen, den Rändern der Existenz, den Rändern der Gesellschaft, den Rändern der sogenannten Normalität. Das Interesse der Literatur am Marginalen ist nicht ungewöhnlich. Man sieht von den Rändern die Mitte besser: Daher die Idee, dass Gefängnisse oder Bordelle die Gesellschaft vom Rand her spiegeln, dass sie das zeigen, was die Gesellschaft verdrängt.

Romantisierung der Marginalisierten

Es gibt aber auch eine sentimentale Zuneigung zum Randständigen. Um das herrscht, so die populäre Vorstellung, ein aufregendes Zwielicht, das den Mächtigen unheimlich ist. Sie belegen diesen Bereich des Lebens mit Schweigen, weshalb es da «Unerhörte Stimmen» zu belauschen gäbe, wie der deutsche Titel des jüngsten Romans von Elif Shafak ansagt. Tatsächlich ist darin auch eine Tendenz zur Romantisierung des Marginalisierten zu spüren. Elif Shafak gehört zu den unermüdlichen Mahnerinnen wider den autokratischen Populismus. Als Kind türkischer Eltern in Strassburg geboren, ist sie zum Teil in Ankara aufgewachsen und inzwischen britische Staatsbürgerin. Sie lebt in London und schreibt ihre Geschichten über die Türkei seit Jahren auf Englisch. In die Türkei reist sie nicht mehr, seit dort heute Journalisten, Schriftsteller, Intellektuelle aus politischen Gründen inhaftiert werden.

Auch Frauen, Schwache, Queere leiden, wenn Autoritäre und religiöse Eiferer Oberwasser bekommen. Elif Shafak schreibt ihnen eine höhere Solidarität zu. Eine beliebte Vorstellung, obwohl es eigentlich nicht einleuchtend ist, dass ausgerechnet Menschen in Bedrängnis die Energie aufbringen sollen, mitfühlender, aufmerksamer und liberaler zu sein als andere.

Zehn Minuten und 30 Sekunden: So lange arbeitet das Gehirn nach dem Tod noch weiter.

Mit ihrer Geschichte der Freundschaft der Sexarbeiterin Leila mit einer Transsexuellen, einer Kleinwüchsigen, einer Sängerin und einem zartfühlenden Jungen beschwört Shafak die an den Rand Gedrängten, zusammenzustehen. Das ist ein guter, politisch begreiflicher Wunsch. Dem Roman gibt er eine etwas einsinnige Drift. Im englischen Original heisst das Buch «10 Minutes 30 Seconds in this Strange World»: Das bezieht sich auf neurologische Forschungen, denen zufolge das Gehirn noch genau so lange weiterarbeitet, nachdem ein Mensch gestorben ist. Daraus gewinnt Shafak das Schema des Romans. In der ersten Hälfte läuft mit jedem Kapitel eine Minute von Leilas letzter Zeit ab. Sie erinnert sich an ihre Kindheit unter der Fuchtel eines religiös verblendeten Vaters. Wie sie von einem Onkel missbraucht wurde und keinen Schutz fand. Leilas Freiheitswille kontrastiert mit der psychologischen Abhängigkeit, mit der sich auch die Frauen ihrer Familie gegenseitig fesseln. Kaum gelingt ihr der Ausbruch, landet Leila in der nächsten Misere, der «Strasse der Bordelle». Ab da wird die Geschichte dünner.

Auf dem Friedhof der Geächteten

Im Jahr 1968 stolpert ein linker Student zufällig aus einer Demo ins Bordell, verliebt sich in die Prostituierte und heiratet sie. Die Liebe endet tragisch. Eine zuckersüsse Geschichte. «Für den, der sich verliebt hatte, war die Welt nicht mehr die gleiche. Er befand sich nun genau in ihrer Mitte, und sie drehte sich fortan schneller», schreibt Shafak und malt die Topologie von Innen und Aussen noch einmal in Rosa.

In der zweiten Hälfte des Romans liegt Leilas Leiche auf dem «Friedhof der Geächteten», wo Terroristen, Flüchtlinge, Selbstmörder verscharrt werden. Ein Ort, den es wirklich gibt in Istanbul. Leilas Freunde wollen sie herausholen, sie würdig beerdigen. Die Frage, ob sie es schaffen, erzeugt eine etwas schale Spannung.

Ein Ton der Trauer durchzieht den Roman

Leilas Geschichte endet 1990, ein Jahrzehnt vor der Gründung der Partei, mit der Präsident Erdogan heute die Demokratie aushebelt. Und sie spielt an einem Ort, der viel chaotischer und hoffnungsvoller ist als alle simplen Ideen von Rand und Mitte: in einem Istanbul, das sich aus vielen Istanbuls zusammensetzt. Da gibt es «das hochherrschaftliche und das proletarische Istanbul, das weltoffene und das provinzielle, das kosmopolitische und das spiessbürgerliche, das dekadente und das fromme, das machohafte und das feministische Istanbul».

Unbegreiflich, dass Schriftstellerinnen wie Elif Shafak in diese Stadt, in der keine andere Zukunft als die eines heiteren Pluralismus möglich scheint, heute nicht reisen können, weil ein autoritäres Regime sie bedroht. Ein Ton der Trauer darüber durchzieht diesen Roman eindrucksvoll.

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen. Roman. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Kein & Aber, Zürich 2019. 432 S., ca. 32 Fr.

Erstellt: 12.07.2019, 13:56 Uhr

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