Michelle Obama schulterfrei – geht das?

Das Bild auf der Biografie «Becoming» polarisiert. Schliessen sich Kompetenz und Sex-Appeal aus? Zwei Antworten.

Am neuen Buchcover von Michelle Obama scheiden sich die Geister.

Am neuen Buchcover von Michelle Obama scheiden sich die Geister. Bild: Keystone/Keystone

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Ja

Ja, Michelle Obama könnte glatt als Anfang 40 durchgehen und nicht als so alt, wie sie wirklich ist – nämlich 54. Inwieweit ihre glatte Haut guten Genen oder guter Retusche geschuldet ist, wissen wir nicht. Und gute Gene soll man haben dürfen. Eine kleine Recherche anderer Aufnahmen der Ex-First-Lady zeigt nämlich: Die Frau sieht einfach gut aus, egal auf welchem Bild. Jemanden absichtlich weniger attraktiv auf einem Buchcover abzubilden, davon halte ich nichts.

Dann die nackte Schulter. Entzücken reimt sich leider nicht auf Schulter. Würde es das tun, plädiere ich für die Schulter wie für den Rücken. Man hätte diese Schulter auch bedecken können. Und die Frau hätte sich weniger feminin – da vermeintlich dümmlich aussehend – abgestützt an einen Schreibtisch setzen können, in hochgeschlossenem Rollkragenpulli, mit Lesebrille um den Hals, rund um sie herum Klassiker der griechischen Antike und amerikanischen Aussenpolitik. Dümmer erscheinen, als man ist, möchte man ja nicht.

Lieber sollten wir Frau Obama fragen, ob ihr das Cover gefällt.

Ich wehre mich aber gegen den impliziten Vorwurf, dass wenn man sich gestylt, locker und sexy gibt, nicht gleichzeitig auch kompetent und eloquent rüberkommen kann. Ist das so ein «Die sieht so gut aus, die darf nichts können, sonst wäre sie ja perfekt!»-Ding?

Neid gehört wohl zum Menschen. Das ist okay. Besonders eine Frau wie Michelle Obama muss sich diesen Neid gefallen lassen, sie, die eine steile Karriere hingelegt hat, ein Buch über ihr Leben geschrieben hat und auf dem Cover auch noch umwerfend aussieht. Da geht der Trotz mit uns durch – hätten wir einen Hofstab an Stylisten, Make-up Artists und Coiffeuren, der sich um unsere zerknitterten Gesichter und zerzausten Haare kümmert, würden wir auch so aussehen.

Selbstverständlich soll es erlaubt sein, als Frau ungeschminkt und in ausgelatschter Jogginghose auf einem Cover zu erscheinen. Wenn man etwas auf dem Kasten hat, ist es egal, wie man dabei aussieht. Doch die Gesellschaft hadert damit genauso wie mit dem oben genannten «Die sieht zu gut aus»-Ding. Einmal ist es zu viel, dann wieder zu wenig. Wer sind wir eigentlich, das zu beurteilen? Lieber sollten wir Frau Obama fragen, ob ihr das Cover gefällt, ob sie sich darin wiedererkennt und ob sie bestimmen durfte, wie es – oder besser gesagt sie – aussieht.

Nein

Nehmen wir an, die Frau auf dem Buchcover wäre eine Unbekannte. Was würde man wohl denken, wer sie ist? Miss USA 1981? Die Zahnfee der Nation? Eine Instagram-Beauty? Eventuell eine Autorin von So-wird-man-glücklich-Ratgebern? Ich käme jedenfalls nie auf die Idee, dass es sich bei dieser unbedarft lächelnden Dame im schulterfreien Pulli um die ehemalige First Lady der USA handelt. Um die souveräne, eloquente, menschlich und politisch engagierte Michelle Obama, die sich viele Amerikaner als zukünftige Präsidentin wünschen.

Es ist mir ein Rätsel, weshalb sich diese brillante Frau, Anwältin mit Harvard-Diplom, auf dem Cover ihrer Biografie wie ein harmloses Tüpfi präsentiert. Als wolle sie der Welt endlich beichten: Hey, ihr Millionen da draussen, ich bin im Fall trotz meiner Karriere eine ganz Liebe, Aufgestellte und Unkomplizierte. Smile.

Am schlimmsten finde ich aber, dass Michelle Obamas grosse Stärke – ihr authentischer Auftritt – überhaupt nicht zur Geltung kommt.

Es enttäuscht mich masslos, dass sogar eine wie Michelle Obama auf Weibchen macht. Dass sie offenbar als warmherzig und attraktiv und nicht als einflussreich und selbstbestimmt in die Annalen eingehen will. Natürlich sollen erfolgreiche Frauen attraktiv und warmherzig sein dürfen – keine Frage! Das geht aber definitiv besser: mit mehr Schmiss. Mehr Charisma. Mehr Frau-von-Welt-Attitüde. Vielleicht hätte es schon geholfen, wenn Michelle Obama das Kinn nicht so affektiert aufstützen würde. Und wenn ich schon bei den Äusserlichkeiten bin: Nicht einmal das Styling lässt erahnen, dass Frau Obama eine Klasse für sich ist. Jede 15-Jährige hat heute nachgezeichnete dicke Augenbrauen, lieblich gelocktes Haar und Lippen im Nude-Look.

Am schlimmsten finde ich aber, dass Michelle Obamas grosse Stärke – ihr authentischer Auftritt – überhaupt nicht zur Geltung kommt. Das Buchcover zeigt eine austauschbare Schönheit ohne Ecken und Kanten in einer künstlichen Pose festgefroren. Nie würde es mir in den Sinn kommen, dieses retuschierte Geschöpf mit dem aufgesetzten Lachen um Rat zu fragen. Na gut, vielleicht in Sachen Faltencremes. Aber ich würde dieser Frau nie die Zukunft meiner Kinder anvertrauen. Sehen weibliche Vorbilder heute so aus? Was ich auf dem Cover sehe, ist ein weibliches Klischee.

Erstellt: 19.11.2018, 10:18 Uhr

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