Über Engagement

Gestern begann das Buchfestival «Zürich liest». Einer der renommiertesten Schweizer Theatermacher macht sich Gedanken über den sinnvollen Gebrauch von Worten.

Was könnten sie uns alles erzählen! Afrikanische Arbeiter in einer illegalen Mine. Foto: Heidi Woodman (Barcroft Media, Getty Images)

Was könnten sie uns alles erzählen! Afrikanische Arbeiter in einer illegalen Mine. Foto: Heidi Woodman (Barcroft Media, Getty Images)

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Zurzeit organisiere ich in Berlin die «General Assembly», ein Weltparlament, für das über 100 Leute aus der ganzen Welt zusammenkommen und das mit einem Sturm auf den Reichstag enden wird.

Denn unsere europäischen Parlamente sind, immerhin was das Verhältnis der Ausdehnung ihrer Politik und die Repräsentation der Betroffenen in den Entscheidungsorganen angeht, etwa so absurd und damit kriminelle Organe wie der Staatsrat Ludwigs XIV., der aus einigen Adligen bestand. Gemäss eher konservativen Berechnungen hat nicht mal 1 Prozent der Menschen, die von den globalen Konsequenzen der Entscheidungen des Bundestags betroffen sind, das deutsche Wahl- und Stimmrecht. Der globale Dritte Stand – die Minenarbeiter Afrikas, die Arbeiter auf den Shrimpsfarmen und in den Textilfabriken Asiens und so weiter; also all die Leute, die auf zauberhafte Weise die Dinge abbauen und produzieren, die dann zu Billigstpreisen in unseren Regalen auftauchen – sind genauso wenig vertreten im Deutschen Bundestag wie der Dritte Stand des Ancien Régime im Staatsrat des damaligen französischen Königs.

Kein anderes Land ist so kriminell in die globalen Geld- und Rohstoffströme verstrickt wie unseres.

In der Schweiz ist es nicht anders als in Deutschland, das Weltparlament könnte also auch in Zürich oder Genf stattfinden. Kein anderes Land ist so kriminell in die globalen Geld- und Rohstoffströme verstrickt wie unseres. Ja, der Sturm auf den Reichstag müsste aufs Berner Bundeshaus zielen, was für mich als Regisseur den Vorteil hätte, dass das Betreten des Bundesplatzes nicht illegal ist wie das Betreten der Wiese vor dem Reichstag.

Sie können sich vorstellen, dass mein Team und ich zurzeit täglich mehrere Reden halten, wenn auch nicht vor einem Publikum aus Intellektuellen und Literaturfreunden, sondern vor Geflüchteten, vor Arbeitern, vor Aktivisten und Politikern. Und nächste Woche werden wir vor den Abgesandten der Kinder- und Jugendparlamente sprechen, wir werden vor den Vertretern der Ozeane und der Cyborgs sprechen, ja, wir werden sogar mit Vertretern der Toten und der Ungeborenen sprechen, oder besser: ihnen zuhören – da diese ja ebenfalls nicht wählen dürfen.

Schreiben hat eine Richtung

Damit wären wir beim Thema: der Frage nach dem Sinn von Literatur und von Worten überhaupt. Es gibt kein Schreiben ohne Lesenden, kein Sprechen ohne Zuhörer. Oder um es mit dem Literaturwissenschaftler Roland Barthes zu sagen: Schreiben heisst immer, auf etwas hin zu schreiben, heisst immer Engagement in eine bestimmte Richtung. Die Frage ist nur: welche Richtung? Und: Muss der Künstler diese Richtung kennen, muss er sie in seinem Werk bekannt machen? Heute früh habe ich zur Einstimmung die Eröffnungsreden der letzten zwei Jahre gelesen, gehalten von Peter Stamm und Jonas Lüscher. Und vielleicht gehören die beiden einem hegelianischen Geheimbund an, jedenfalls hatten sie sich dazu entschlossen, über den Zeitraum eines Jahres hinweg miteinander zu kommunizieren nach dem Modell der These und der Antithese. Jonas Lüscher forderte eine engagierte, Peter Stamm eine unengagierte Literatur. Und wie ich irgendwo gelesen habe, sollen sie sich als gute Schweizer später im privaten Mailwechsel darauf geeinigt haben, dass beide irgendwie recht haben.

Da ich auch Schweizer bin, würde ich mich gern anschliessen: Sie haben beide recht. Schreiben ist eine Anrufung der Welt, ein Sichnacktmachen vor dem Blick eines anderen. Es ist der Wunsch, den anderen zu verführen, ihn vielleicht zu überzeugen, aber ihn jedenfalls bei der Stange zu halten. Und das Schönste dabei: Das Ganze ist demokratisch organisiert, denn jeder kann schreiben oder sprechen und also gelesen oder gehört werden, man braucht nur einen Bleistift oder eine Stimme dazu. Der exilierte türkische Journalist Can Dündar, einer der Abgeordneten unseres Weltparlaments, schrieb kürzlich eine Kolumne über die ständig wachsende Gefängnisbibliothek von Silivri, dem grössten Gefängnis der Türkei, das voller Schriftsteller, Journalisten und Intellektueller ist. Can selbst entdeckte, als er dort einsass, vier seiner Bücher, und als er ein anderes Buch nicht finden konnte, sagte ihm der Bibliothekar: «Das Buch haben wir gerade nicht, aber sein Autor ist da.»

Denn – obwohl diese Freiheit gefährlich ist und zweischneidig: Vor der natürlichen, zwingenden, überbordenden Freiheit der Literatur kann sich nicht einmal ein Gefängnis verschliessen. Jeder hat Zutritt zu ihr, und so wie wir in unserem Weltparlament auch Abgeordnete der Toten und der Ungeborenen empfangen werden, so ist auch das Lesen ein Diskurs nicht nur mit den Lebenden, sondern auch mit den Abwesenden, der Zukunft genauso wie der Vergangenheit.

Alle können sprechen

Als ich Martin Walker, den Leiter von «Zürich liest» fragte, worüber ich heute sprechen soll, antwortete er: «Eigentlich ist das Thema ‹Fakten & Fiktionen›, aber es ist in der Menge der Veranstaltungen nicht mehr zu erkennen – sprechen Sie also, worüber Sie wollen.» Für mich die beste und demokratischste aller möglichen Antworten und damit Festivalkonzept: dass alle sprechen können und alle durcheinander. Natürlich hatte ich, als ich hierher eingeladen wurde, auch darüber nachgedacht, einen Abgeordneten der «General Assembly» an meiner Stelle zu schicken, einen Kongolesen, einen Cyborg, ein Kind. Denn wie absehbar ist das, was einem Milo Rau, einem Jonas Lüscher, einem Peter Stamm einfällt, im Vergleich zu dem, was ein Minenarbeiter aus dem Ostkongo erzählen kann?

Gleichzeitig – und jeder, der schreibt, kennt das – liegt im Akt des Schreibens etwas rein Innerliches, reine Zauberei, eine Art Selbstreproduktion der Sprache, bei der Kleinbürger wie Stamm, Lüscher und Rau oder ein kongolesischer Minenarbeiter nur Medien und als Medien immer gleich interessant sind. Was gibt es deshalb Schöneres, als eine Geschichte, ein Stück, ein Skript immer wieder zu überarbeiten, der Sprache bei ihrer Arbeit zuzusehen? Schreiben hat keine Gründe, es ist eine Praxis, ein Handwerk, ein Kennenlernen der materiellen und der fantastischen Welt, ein Kennenlernen ohne Absichten.

Mit Engagement ist nichts anderes gemeint als: etwas in Angriff nehmen.

Napoleons strategische Devise war: «On s’engage et puis on voit.» Das klingt nach Hasardeur, aber auf eine seltsame Weise trifft sich Napoleon mit dem anderen grossen Hasardeur des beginnenden 19. Jahrhunderts, nämlich Heinrich von Kleist. Kleist schrieb einen seiner schönsten Texte über das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Reden, also über die seltsame Tatsache, dass sinnvolles Sprechen nichts anderes heisst, als «in jenen Zustand zu kommen, der weiss». Als ich diese Rede zu schreiben begann, hatte ich keine Ahnung, wovon sie handeln sollte. Sie entdeckt sich mir und Ihnen in jeder Zeile, während ich sie schreibe oder sie vorlese. Mit Engagement ist also nichts anderes gemeint als: etwas in Angriff nehmen. Auf diese schweigende Welt einreden und hoffen, dass jemand zuhört. Schreiben, Inszenieren, das heisst: die Stimme ausprobieren, zu hören, was für ein Echo aus dem Wald zurückklingt. Wie Napoleon, der seine Truppen nach Russland marschieren lässt, nimmt man etwas in Angriff, ohne das Ende zu kennen. Man fängt einfach an, und man hofft auf den Grossmut und die Geduld der Zuschauer oder Leser.

So würde ich also, in Stamms und Lüschers Dialog einsteigend, sagen: Es kommt ganz drauf an, wer euch dabei zuhört. Wenn man es für nötig erachtet, sich beim Leser durch das permanente Absondern von Meinungen einzuschmeicheln oder indem man, wie Stamm es von Hermann Hesse erzählt, sich ihm sogar als Nacktkletterer präsentiert: warum nicht? Denn was man auch tut, es kommt drauf an, ob dabei eine Gemeinschaft der Lesenden entsteht, zusammengehalten durch den Text.

Ohrfeigen für die Mullahs

Was wissen wir Schreibenden, wir Inszenierenden schon, was mit unseren Sachen geschieht? Wenn am Schauspielhaus in Zürich ein Stück von Tschechow aufgeführt wird, dann ist das ein, wie ich finde, redundantes Statement über den westeuropäischen Stillstand im Wohlstand. Aber wird Tschechow im Iran aufgeführt, dann ist das ein zutiefst politisches Statement. Denken wir nur an seine Frauenrollen, an seine Feier des Gefühls und des Privaten – alles Ohrfeigen für die iranischen Mullahs. «Wir Iraner haben genug von der Politik, wir wollen Poesie», wie mir eine iranische Aktivistin kürzlich sagte, denn manchmal ist Innerlichkeit, redselige Vereinsamung, das Aufblähen des Spezifischen die einzige Rettung vor der Gefangennahme durch eine totalitäre Gesellschaft.

Peter Stamm, der Kritiker des Engagements in unserer kleinen Denkanlage, fragt sich in einem Interview, wie sich die Japaner wohl seine autistischen Kleinbürger vorstellen, die er im Thurgau herumirren lässt. Ich denke, für die Japaner ist Peter Stamms Thurgau das Tschechow-Russland der Iraner: ein Utopia der Innerlichkeit. Ein Land der poetischen Vereinsamung und der Flucht zu sich selbst, die zutiefst poetisch und damit politisch ist.

Sprechen bringt immer die Möglichkeit des Missverständnisses mit sich

Es kommt also immer darauf an, wer uns zuhört oder liest – übrigens eine weitere Lehre von Roland Barthes. Meine Attacken gegen die europäische Ausbeutungspolitik wird hier niemanden dazu bringen, sich dem Sturm auf den Reichstag anzuschliessen. Ich wirke, schwant mir, als eine Art Handlungsreisender in Sachen Salon-Sozialismus, vielleicht geht es uns, wie man so sagt, «noch zu gut». In Berlin dagegen haben sich unserem Weltparlament und dem Sturm auf ihr eigenes Parlament nicht nur die klassisch Unterrepräsentierten, sondern sogar schon bald zehn Bundestagsabgeordnete angeschlossen.

Genau umgekehrt war es übrigens bei «Lenin», einem Stück, das ich letzte Woche in Berlin aufführte: Es war derart detailverliebt, dass am Ende keiner der Zuschauer mehr wusste, was wir eigentlich sagen wollten. Die einen unterstellten uns «Verkitschung eines Massenmörders», andere verteilten vor dem Theatersaal Flugblätter, in dem sie uns Rufmord an der Revolution vorwarfen. Sprechen bringt immer die Möglichkeit des Missverständnisses mit sich – oder dass man nur zu sich selber spricht.

Gleiche Sprechzeit für alle

Womit wir zum letzten Punkt kommen: Warum spricht eigentlich der, der spricht? Warum schreibt einer und zwingt damit Hunderte, vielleicht Tausende Menschen, es zu lesen? In Peter Stamms Rede steckte, wenn ich sie richtig verstanden habe, ein Vorwurf – übrigens einer der häufigsten Vorwürfe, die gegen meine Arbeit vorgebracht werden: warum gerade du? Dieser Einwand ist wichtig, denn er hängt mit der grunddemokratischen Überzeugung zusammen, die auch im Weltparlament gelten wird: gleiche Sprechzeit für alle. Warum also sprechen und schreiben die einen – und die anderen lesen und hören zu? Ich glaube, wir Schreibenden schreiben, wir Inszenierenden inszenieren genau aus diesem einen Grund: weil wir um unsere Durchschnittlichkeit, um die Zufälligkeit unserer Existenz wissen. Wie Kinder, die im Lauf eines Tages alle möglichen Rollen spielen, so vertrauen wir auf diesen Zustand, der uns beim Schreiben, Sprechen, Spielen überfällt: diesen Zustand, der uns gleichsam aus unserer Mittelmässigkeit und in unserer Mittelmässigkeit fähig macht, einen Satz zu bilden, eine Rolle zu spielen, aus dem Nichts heraus.

Am Ende meiner Rede frage ich mich: Was ist das jetzt? Ein Abgesang aufs Engagement? Ich denke nicht. Zweifellos gibt es in der Kunst nur ein Verbrechen: zu vereinfachen, Stimmen zum Schweigen zu bringen. Ich bin kein Freund des reinen, puren Stils. Es mag ein Klischee sein, aber als Künstler schaffen wir Widersprüchlichkeit; literarische, filmische, theatrale, solidarische Räume, in denen sich Komplexität entfalten kann.

Denn der engagierte Künstler ist der, der einen Raum öffnet, in dem Dinge passieren, die er selbst nicht unter Kontrolle hat. Es ist, als würde man über eine wunderbare, utopische, und oft eben auch ekelhafte und grässliche Landstrasse voller Figuren und Stimmen gehen – eine Strasse, auf der man im Zweifelsfall auch verprügelt werden kann. Ein Schreibender ist jemand, der in sich Stimmen hört und, da er nur ein Mensch ist, ihnen nachgeht, ihnen vielleicht sogar nachgibt. Jeder, der schreibt oder liest, inszeniert oder zuschaut, spricht oder zuhört, gehört zu jener riesigen Gemeinschaft der Menschen und der Dinge, zu jenem imaginären Weltparlament, in dem jede und jeder gleich vollkommen oder unvollkommen ist und in dem deshalb jede und jeder zum sprechenden Beispiel werden kann dafür, was es heisst, auf dieser Welt zu sein. Was es heisst, in dieser Welt nach einem Sinn, nach Gerechtigkeit, nach Wahrheit und vielleicht sogar nach Erlösung zu suchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2017, 20:08 Uhr

Milo Rau

Der Regisseur, Autor, und Aktivist, gehört zu den wichtigsten Theatermachern Europas. 2018 übernimmt er das Nationaltheater in Gent. Rau ist Mitglied des «Literaturclubs».

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