Überlebenskampf eines einsamen Helden

Krimi der Woche: Der knallharte Roman «Der Retter» des jungen Autors Ben Sanders offenbart überraschende Qualitäten.

Wurde von einem amerikanischen Verlag in die USA gelotst, damit er Romane schreibe, die in Amerika spielen: Der neuseeländische Autor Ben Sanders.

Wurde von einem amerikanischen Verlag in die USA gelotst, damit er Romane schreibe, die in Amerika spielen: Der neuseeländische Autor Ben Sanders. Bild: ben-sanders.com

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Der erste Satz
Marvin Lisk vom Sheriffbüro in Los Alamos rief Cohen am Montagmorgen an und meinte, sie hätten Tommy Lee Warren verhaftet.

Das Buch
Weiss der Geier, warum dieses Buch auf Deutsch «Der Retter» heisst. Der Verlag hätte besser daran getan, den Originaltitel «Marshall’s Law» zu übernehmen. Beim ersten Roman von Ben Sanders um Marshall Grade wurde der Originaltitel «American Blood» im Deutschen übernommen. Die Geschichte aus dem Vorgänger ist zwar Auslöser für das, was im zweiten Roman passiert, doch man braucht den ersten nicht gelesen zu haben, um den zweiten zu verstehen. Und auch, weil der 28-jährige neuseeländische Autor von seinem insgesamt vierten zum fünften Roman erheblich zugelegt hat.

Marshall Grade ermittelte als Cop in New York undercover gegen die Mafia. Dabei liess er sich auch mit der Tochter eines Bosses ein. Die Sache lief aus dem Ruder. Inzwischen ist Marshall im US-Süden im Zeugenschutzprogramm verschwunden. Verschwunden auch für seine Beschützer – die ihm zugewiesene Wohnung hat er untervermietet und ist abgetaucht, weil er niemandem traut. Darum nützt es den Killern, die ihn suchen, auch nichts, den zuständigen Bundesagenten Lucas Cohen zu kidnappen, um an Marshall zu kommen. Doch er erfährt auf Umwegen davon. Und der einsame Held will nicht auf die Killer warten und macht sich auf die Suche nach der wahrscheinlichen Auftraggeberin – der Mafiaboss-Tochter, mit der er was hatte.

Es ist eine knallharte und rabenschwarze Geschichte, die Ben Sanders gradlinig und ohne psychologischen Firlefanz erzählt. Dafür mit beiläufigem trockenem Humor und immer wieder aufblitzender Ironie. Hier geht es nicht darum, Gefangene zu machen, hier geht es um das Überleben, und dafür wird Gewalt angewendet. Es ist eindrücklich, wie es der junge Autor schafft, seine Protagonisten – neben der eigentlichen Hauptfigur Marshall insbesondere Cohen, aber auch die Gangster – praktisch ausschliesslich über ihr Handeln zu definieren und so ihre Beweggründe verständlich zu machen. Sanders’ Art zu erzählen erinnert darin an amerikanische Noir-Grossmeister wie James Sallis («Driver», «Der Killer stirbt») und Donald Westlake (insbesondere an dessen Parker-Serie unter dem Pseudonym Richard Stark), aber auch an aktuelle Newcomer wie Wallace Stroby («Geld ist nicht genug»). Mag sein, dass auch der Übersetzer zur ebenso überraschenden wie erfreulichen Qualitätssteigerung seit dem Vorgängerroman beigetragen hat: Robert Brack zählt zu den interessanteren deutschen Krimiautoren und hat schon mit verschiedenen eigenen Romanen (insbesondere «Das Gangsterbüro» und «Nachtkommando») überzeugt.

«Marshall’s Law», pardon: «Der Retter», beginnt ziemlich drastisch und steigert sich dann stetig bis zum blutigen Finale. Ein starkes Stück.

Die Wertung:

Der Autor
Ben Sanders, geboren 1989 in Auckland, Neuseeland, war schon als Jugendlicher begeistert von Autoren wie Lee Child, Michael Connelly, Pete Dexter und James Ellroy und wollte selber Schriftsteller werden. Er schrieb schon als Teenager erste Romane, die unveröffentlicht blieben. Mit 21 Jahren, während er in Auckland Bauingenieur studierte, veröffentlichte er seinen ersten Kriminalroman «The Fallen». Dieser und die beiden Fortsetzungen waren Bestseller in Neuseeland. Danach nahm ihn ein amerikanischer Verlag unter Vertrag und lud ihn in die USA ein, damit er Romane schreibe, die in Amerika spielen. Daraus entstand «American Blood», der erste Thriller um Marshall Grade (auf Deutsch 2016 mit dem gleichen Titel bei Heyne). «Der Retter», im Original «Marshall’s Law», ist die Fortsetzung. Sanders’ sechster Roman «The Stakes» ist in den USA für März 2018 angekündigt. Ben Sanders lebt in Auckland, Neuseeland.

Ben Sanders: «Der Retter» (Original: «Marshall’s Law», Minotaur Books, New York, 2017). Aus dem Amerikanischen von Robert Brack. Heyne, München, 2017. 447 S., ca. 14 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2018, 14:01 Uhr

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