Überlebenskampf in einer neuen Welt

Krimi der Woche: «Fever» ist anders als die gewohnten Krimis des südafrikanischen Bestsellerautors Deon Meyer. Die Mischung aus Entwicklungsroman und Ökothriller spielt in der Zukunft.

Zwischen Krimi, gesellschaftspolitischem Epos, Psychothriller, Science-Fiction, Entwicklungsroman und Ökothriller: Die Mischung in «Fever» von Deon Meyer vermag zu fesseln.

Zwischen Krimi, gesellschaftspolitischem Epos, Psychothriller, Science-Fiction, Entwicklungsroman und Ökothriller: Die Mischung in «Fever» von Deon Meyer vermag zu fesseln. Bild: Brenda Feldtman/PD

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Der erste Satz:
Ich will euch vom Mord an meinem Vater erzählen.

Das Buch:
Der erste Satz deutet auf einen Krimi hin. Doch schon im zweiten Absatz erweitert der Ich-Erzähler den Rahmen: «Dies ist die Geschichte meines Lebens. Und es ist auch die eures Lebens, ihr werdet sehen.» Und der Mord am Vater geschieht denn auch erst ein paar Hundert Seiten später. Am Anfang ist der 13-jährige Nico Storm mit seinem noch lebenden Vater in einem Truck unterwegs durch eine fast ausgestorbene Gegend irgendwo im südafrikanischen Hinterland. Tatsächlich ist in «Fever», dem neuen Roman des südafrikanischen Autors Deon Meyer, die ganze Welt fast ausgestorben. Der Grossteil der Menschheit ist in kurzer Zeit von einem rätselhaften Fieber dahingerafft worden. Die wenigen Überlebenden organisieren sich neu. In kleinen Gemeinschaften etwa, wie sich im Verlauf der Geschichte zeigt, oder auch in marodierenden Banden. Als Ich-Erzähler blickt der erwachsene Nico zurück auf diese Zeit, in der sie ums Überleben kämpften. Der Vater gründet in einem verlassenen Städtchen einen neuen Ort, der immer mehr Menschen anzieht, was das Unterfangen zu einem gesellschaftlichen Experimentierfeld mit immer neuen Herausforderungen macht.

«Fever» ist anders als die bisherigen Romane von Meyer, die zwar eigenwillige, letztlich aber doch relativ konventionelle Krimis sind, die sich meistens um Ermittler in Kapstadt – wie den melancholischen Alkoholiker Bennie Griessel – drehen, die einen weitgehend aussichtslosen Kampf gegen das Böse und gegen die Bürokratie führen. Der neue 700-Seiten-Wälzer hat zwar Krimielemente, ist jedoch viel mehr ein gesellschaftspolitisches Epos, auch ein bisschen Psychothriller und Science-Fiction, aber ebenso ein Entwicklungsroman und ein Ökothriller. Eine wilde Mischung, die zu fesseln vermag.

Der Mord am Vater und die Ermittlungen dazu bilden sozusagen den Krimiteil. Der Aufbau einer neuen Gemeinschaft in einer Welt, in der es keine politischen und organisatorischen Strukturen mehr gibt, wird zum nicht minder spannenden gesellschaftspolitischen Stück, das beiläufig auch die ganzen Freuden und Probleme des menschlichen Zusammenlebens thematisiert. In der Schilderung des Erwachsenwerdens des Ich-Erzählers – mit Konflikten des mitten in einem Überlebenskampf aufwachsenden Jungen mit dem humanistisch gebildeten, idealistischen Vater – wird «Fever» zu einem richtigen Entwicklungsroman. Und eine unerwartete Wendung macht das Buch dann auch noch zum Ökothriller. Das sind aber keineswegs in sich geschlossene Teile, sondern all die Elemente hat Deon Meyer gekonnt zu einem eindrücklichen Ganzen verwoben. Und auch wenn nicht jedes Detail ganz schlüssig rüberkommt, spannend ist dieser ebenso vielschichtige wie umfangreiche Roman über die gesamte Strecke.

Die Wertung:

Der Autor:
Deon Meyer, geboren 1958 in Paarl in der südafrikanischen Kapprovinz, studierte Englisch und Geschichte an der damaligen Potchefstroom University for Christian Higher Education und war zunächst als Journalist, dann in Werbung und Marketing tätig. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 1994 in seiner Muttersprache Afrikaans; anders als viele südafrikanische Autoren, die englisch schreiben, schrieb er alle seine inzwischen mehr als ein Dutzend Romane auf Afrikaans. Die meisten seiner Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, und manche davon wurden Bestseller. Meyer ist der international bekannteste südafrikanische Krimiautor. Er lebt mit seiner Familie in Stellenbosch in der bedeutendsten Weinbauregion Südafrikas unweit von Kapstadt.

Deon Meyer: «Fever» (Original: «Koors», Human & Rousseau, Kapstadt, 2016). Aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer. Rütten & Loening/Aufbau-Verlag, Berlin, 2017. 703 S., ca. 29 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 10:26 Uhr

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