«Überrollt es mit einer Dampfwalze!»

Der Schriftsteller Terry Pratchett hatte vor seinem Tod die Vernichtung seines unveröffentlichten Spätwerks verfügt. Jetzt wurde sein Wunsch durch «Lord Jericho» erfüllt. Soll man sich darüber ärgern?

Terry Pratchett  Starb 2015 überraschend an den Folgen seiner Alzheimer-Erkrankung.

Terry Pratchett Starb 2015 überraschend an den Folgen seiner Alzheimer-Erkrankung.

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Ein kurzes Knacken wird zu hören gewesen sein, mehr nicht, als die gesamten nachgelassenen Schriften von Terry Pratchett zerstört wurden. Nachdem die Dampfwalze mit dem schönen Namen «Lord Jericho» im englischen Dorset darüber gerollt war, blieb nur ein kleines Stück grün-silberner Elektroschrott übrig. Die Festplatte, auf der die letzten Texte des Fantasy-Schriftstellers Terry Pratchett gespeichert waren - sie ist nicht mehr. Der Nachlassverwalter Pratchetts veröffentlichte die Bilder der Dampfwalze und ihrer unwiderruflichen Arbeit mit dem Kommentar: «Ich komme meiner Pflicht gegenüber Terry nach.» Der Autor der weltweit erfolgreichen «Scheibenwelt»-Romane hatte sich ausdrücklich gewünscht, dass «woran auch immer er bis zu seinem Tode arbeitete» mitten auf eine Strasse gelegt und von einer Dampfwalze überrollt werden solle.

Abgesehen davon, dass sich in diesem Prozedere Pratchetts ausgeprägter Sinn für Humor manifestiert, stellt der schräge Wunsch die Nachwelt vor ein regelrechtes Dampfwalzen-Dilemma: Was, wenn Pratchetts grösstes Meisterwerk noch gar nicht erschienen ist, sondern auf der zerstörten Festplatte schlummerte? Hätte sich sein Nachlassverwalter über Pratchetts letzten Willen hinweg setzen dürfen?

Rechtlich betrachtet: natürlich nicht. Es ist allerdings schon vorgekommen. Pratchett war nicht der erste Schriftsteller, der die Zerstörung seines Nachlasses verfügte. Auch Franz Kafka legte in seinem Testament fest, man solle all seine unvollendeten Werke vernichten. Zeit seines Lebens plagten ihn Skrupel bei der Veröffentlichung seiner Schriften, gerade einmal 450 Seiten machte er auf Drängen seines Freundes Max Brod publik. Hätte Brod sich nach Kafkas Tod nicht dem Willen seines Freundes widersetzt und dessen Werke doch publiziert, wäre keiner der drei grossen Kafka-Romane erschienen. «Das Schloss» nicht, «Der Prozess» nicht, «Der Verschollene» nicht. Sie alle sind Fragmente.

Der todkranke Schriftsteller Wolfgang Herrndorf schrieb in seinem Testament: «Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente aufbewahren.» Trotzdem wurde die unvollendete Fortsetzung seines Erfolgsromans «Tschick» veröffentlicht. Dem hatte Herrndorf eine Woche vor seinem Suizid 2013 noch zugestimmt - seine Freunde hatten ihm am Krankenbett daraus vorgelesen. Andere unvollständige Schriften hingegen blieben, so wie es der Schriftsteller gewünscht hatte, unter Verschluss.

Wie also umgehen mit dem Werk eines geliebten Autors? Was ist wichtiger: Loyalität einem Verstorbenen gegenüber oder die Überlieferung wertvoller Literatur?

Die Publikation posthum geschieht zudem nicht immer bloss um der Grösse eines Werkes willen. Die Erben des Popstars Prince stoppten im April dieses Jahres die Veröffentlichung eines Albums mit bisher unbekannten Prince-Songs. Der verantwortliche Toningenieur wollte, da waren sich Erben und Gericht einig, finanziell ausschlachten, was noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen war.

Darf man sich dem letzten Willen eines Künstlers widersetzen?

Das ist auch kein Wunder: Nach dem Tod eines Autors veröffentlichte Fragmente reichen oft nicht mehr an die Qualität der noch von ihm selbst fertig gestellten Vorgänger heran. Immerhin überarbeiten Schriftsteller ihre Romane wieder und wieder, bis sie sie auch nur an einen Lektor weiterreichen. Mit der Publikation setzt man sich nicht nur über den Willen eines Autors hinweg, man verwehrt ihm auch die Möglichkeit, nur das an die Öffentlichkeit zu bringen, was seinem künstlerischen Anspruch genügt.

Kurz nach Terry Pratchetts Tod im Jahr 2015 ist der letzte Band seiner Scheibenwelt-Reihe, «Die Krone des Schäfers», glücklicherweise noch erschienen. Bereits 2007 gab der Schriftsteller bekannt, an einer seltenen Form von Alzheimer zu leiden. Mit dieser rasant voranschreitenden Krankheit ging sein Wunsch einher, die Schriften, an denen er zuletzt arbeitete, zu vernichten. «Lord Jericho» hat ihm nun die letzte Ehre erwiesen. Die Dampfwalze, die über eine kleine Festplatte rollt, mag man in der absurden Komik dieser Szene als sein allerletztes Kunstwerk betrachten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2017, 15:36 Uhr

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