Und dann eskaliert das Interview mit dem «weltbesten» Autor

Der Schweizer Autor Paul Nizon sieht sich selber als die Krönung der Literatur-Schöpfung. Das kriegt eine Journalistin zu spüren.

Alter weisser Mann in Action: Der Schweizer Autor Paul Nizon im Interview. Quelle: Deutschlandfunk Kultur

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«Mir reichts», sagt Paul Nizon; die Journalistin wolle ihn «vor dem Mikrofon verleumden». Als dieser Satz fällt, hat man etwas mehr als die Hälfte des Radiointerviews mit dem bald 90-jährigen Autor gehört. Eine Ahnung, dass es zu einer solchen Eskalation kommen könnte, entwickelt man aber schon in den ersten Minuten des Interviews, das Deutschlandfunk Kultur am Montag ausstrahlte.

Denn Paul Nizon, Schweizer Autor und Flaneur-Darsteller in Paris, nimmt sich in seinem jüngsten Radiointerview ernst, sehr ernst. So ernst wie ihn sonst wohl niemand nimmt, obwohl der gebürtige Berner es doch so gern tut. Auch in seinen Büchern, in denen er sich selbst schon mal als eine «Art Literaturheiliger» porträtiert.

Von Nizons bombastischer Eitelkeit geprägt ist auch sein jüngstes Interview. Von Anfang an, als er gefragt wird, ob er nie daran gedacht habe, französischer Staatsbürger zu werden, da er doch bereits seit über vierzig Jahren in Paris lebe. Antwort Nizon: «Paris ist eh von Ausländern gemacht worden, nicht nur von Picasso und mir. Warum also brauche ich Franzose zu sein, wenn ich Pariser bin?»

«Gnädige Frau, ja!»

Picasso und Paul Nizon: Diese Flughöhe in Sachen Selbstüberschätzung, die zu Beginn noch als Selbstironie missverstanden werden könnte, verlässt Nizon nicht mehr. Darf er auch nicht, denn er muss all seine Energie in die Verteidigung seines verzerrten Selbstbilds investieren: Offensichtlich fühlt er sich von der Journalistin angegriffen, die ihn bei sich zu Hause in Montparnasse besuchte.

Schon die Einleitung zum Gespräch kränkt ihn – es heisst, er habe viel erlebt, viel geschrieben und sei doch «vielen unbekannt geblieben». Das kann ein Paul Nizon nicht auf sich sitzen lassen. Seine Bücher seien «in die Geschichte eingegangen», obwohl die Journalistin denke, dass er «ein unbekannter Schriftsteller» sei, «worin Sie sich natürlich zutiefst täuschen. Ich habe nur ein sehr erlesenes Publikum, ich bin kein populärer Schriftsteller, gnädige Frau, ja!»


«Ich bin ja populär, das wissen Sie nur nicht!» Paul Nizon, der lebende Widerspruch.

Angedacht war das Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur als «geistiger Spaziergang» durch Nizons Leben und Werk. Aber auch im weiteren Gespräch lässt Nizon keine Gelegenheit zum Affront aus. So fragt er die Journalistin, woher sie die Information habe, dass er seinen Pass verhökerte, als er in Barcelona im Nachtleben untertauchte (aus einer Einleitung zu einem Nizon-Buch).

Offensichtlich fühlt sich Nizon gegenüber der Journalistin im Vollbesitz seiner Lehrbefugnis – selbst wenn es um Allgemeinplätze geht, etwa dass er in seiner Zeit in Bern «Werkstudent» war: «Das kennen Sie nicht mehr, auch den Begriff kennen Sie nicht mehr.» Doch, kennen wir, denn selbstverständlich ist Nizon nicht der Einzige, der sich den Lebensunterhalt während des Studiums selbst verdiente.

Nizons Geliebte ist «Weltliteratur»

Den Höhepunkt in Sachen Selbstverliebtheit erlebt Paul Nizon ziemlich genau in der Mitte des Gesprächs: «Wissen Sie, meine Bücher gelten zum Teil als die besten der Welt. Das wissen Sie gar nicht, unvorbereitet wie Sie daherkommen.» Und als wäre damit nicht schon zu viel gesagt, setzt Nizon nochmals nach: «Ab und zu kann ich über mich lesen, dass ich einer der weltbesten Schriftsteller bin. Der Gegenwart.» So viel Einschränkung muss sein.

Später fügt Nizon hinzu, seine Geliebte Odile, die er als Freundin seiner Tochter kennen lernte, sei «in die Literatur und Weltliteratur» eingegangen. Will sagen: Sie kommt in seinen Büchern vor. Und als man denkt, es ginge nicht doller, versteift sich Nizon auf die Aussage, er sei ja wohl «der einzige lebende Schriftsteller», den die Journalistin kenne.

«Absolut, ja, genau!» Wer Nizon lobt, ist bei ihm immer im Recht.

Susanne Führer, die Nizon in Paris interviewte, macht das Beste aus dem Gespräch: Sie widerspricht Nizon, versucht ihn aber auch im Gespräch zu halten, indem sie Aussagen von ihm aufnimmt, etwa jene, dass er eben kein populärer Autor sei, sondern nur einer fürs ‹erlesene Publikum›. «Hat sie was gelernt, wa?», kommentiert Nizon das.

Spätestens als die Rede von Besuchen in Bordellen ist, wo man Nizon zufolge mit den Prostituierten «eine wunderbare Liebesbeziehung anzetteln» könne, wird deutlich, dass wir hier den Prototyp eines alten weissen Mannes in Action erleben können – und der Autor ein grundsätzliches Problem mit Frauen zu haben scheint: «Über lange Strecken meines Lebens dachte ich, die einzige Sprache zwischen Mann und Frau sei die geschlechtliche Liebessprache», sagt Nizon da. Ansonsten gebe es zwischen Frauen und Männern «nur so viel Unterschied, dass man fast nicht damit fertig wird».

Hier hören Sie das vollständige Gespräch mit Paul Nizon.

Erstellt: 11.09.2019, 20:41 Uhr

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