Ein Editorial zur Flüchtlingskrise – von William Shakespeare

Wäre der Dichter für oder gegen die Aufnahme von Flüchtlingen gewesen? Die British Library hat die wortgewaltige Antwort.

Stimmungsmache gegen Flüchtlinge: Protestmarsch in Bratislava.

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Die Flüchtlingsdebatte tobt, eine Lösung ist nicht in Sicht. Die Politik ist sich sowieso uneins, aber auch Professoren streiten, während auf Facebook und an den Familientischen zwischen Hardlinern und Gegnern von Grenzzäunen die Fetzen fliegen. Nun hat sich der wohl wortgewaltigste Mensch aller Zeiten indirekt mit einem Monolog in die Debatte eingemischt: William Shakespeare.

Wie die British Library bekannt gab, will sie das handschriftlich verfasste Dokument Shakespeares der Öffentlichkeit in einer Ausstellung präsentieren. Es handelt sich dabei um drei Seiten des Theaterstücks «Sir Thomas More». Zwar ist die Autorenschaft nicht eindeutig, weil es von Shakespeare nur sechs überlieferte Unterschriften gibt. Doch diese gleichen der Handschrift des Manuskripts aufs Haar.

In diesem Manuskript nun findet sich auch ein Monolog, in dem Thomas Morus fremdenfeindlichen Zeitgenossen ins Gewissen redet. Hintergrund ist die wachsende Unruhe in London um 1600, als in der Stadt immer mehr Ausländer ein besseres Leben oder Zuflucht vor religiöser Repression suchten: Als in Frankreich die Hugenottenverfolgung einsetzte, die in der Bartholomäusnacht von 1572 begann und zu einem Massaker mit 20'000 Opfern führte, kam es zu einer Emigration französischer Protestanten. Eine ähnliche Welle hatte schon vorher die Niederschlagung der niederländischen Protestanten durch Herzog Alba ausgelöst.

Natürlich sind die historischen Hintergründe nur begrenzt vergleichbar, aber die Reaktionen im «gelobten Land» fielen ähnlich aus wie heute – auf das spielt wohl auch die British Library an, die Shakespeares Text in diesen Tagen online stellt: Die Londoner nahmen gegenüber den Zuwanderern eine zwiespältige Haltung ein. Zwar lehnten viele die Fremden ab und fürchteten ihre Konkurrenz, andererseits erwiesen sich die fachlich Hochqualifizierten unter ihnen als nützlich und in vielen Bereichen als unentbehrlich. Die Regierung war sich dieses wirtschaftlichen Faktors bewusst und versuchte, den Fremdenhass und die pogromartigen Übergriffe in den Griff zu bekommen – wovon Shakespeares Zeilen zeugen:

Ihr wollt die Fremden niedermachen,
sie töten, ihnen ihre Häuser nehmen
und das Gesetz an eine Leine legen,
damit ihr ihm, wie einem Hund, entkommt!
Weh euch! Weh euch! Stellt euch doch einmal vor,
der König liesse Milde walten und
verbannte euch: wo suchtet ihr dann Zuflucht?
Bei welchem Volk, das sich verhält wie ihr,
bekamt ihr Schutz? Geht hin nach Frankreich, Flandern,
in deutsche Lande, Spanien, Portugal,
ja, irgendwohin, wo nicht England ist –
ihr wäret Fremde. Wie gefiels euch dann,
ein Volk zu finden, das, wie ihr Barbaren,
in furchtbare Gewalt ausbricht und euch
den Aufenthalt verwehrt, ja, euch stattdessen
das Messer wütend an die Kehle setzt
und euch wie Hunde fortjagt, so als ob
ihr nicht von Gott gemacht wärt und als fehlte
bei euch was, das nur sie alleine haben?
Was hieltet ihr von solcher Art Behandlung?
So ist das Los der Fremden hier bei uns,
und so ist euer Berg von Inhumanität!

Der britische Shakespeare-Mime und «Gandalf»-Darsteller Ian McKellen hat den Monolog an einem Filmfestival rezitiert:

Erstellt: 15.03.2016, 12:05 Uhr

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