«Unsere kleine Farm» entzaubert

Die Kinderbuchautorin Laura Ingalls Wilder wird postum entthront. Nicht so schlimm.

Laura Ingalls Wilder, links von Melissa Gilbert in der Serie «Unsere kleine Farm» dargestellt und rechts ein Originalbild der Kinderbuchautorin.

Laura Ingalls Wilder, links von Melissa Gilbert in der Serie «Unsere kleine Farm» dargestellt und rechts ein Originalbild der Kinderbuchautorin.

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Jetzt trafs auch Laura Ingalls Wilder: 1954 wurde sie erste Empfängerin und gleichzeitig Namensgeberin der «Laura Ingalls Wilder Medal» – eines Preises, den die American Library Association extra für herausragende Kinderbuchschöpfer ins Leben rief, deren Werk als substanzieller Beitrag zum Genre in den USA zu gelten hat. Doch ab sofort heisst die prestigeträchtige Ehrung «Children’s Literature Legacy Award».

Denn Wilders Bücher – die die Association im Übrigen weiterhin zur Veröffentlichung und Lektüre empfiehlt – würden nicht «universell umarmt». In ihnen kämen teils stereotype Haltungen zum Ausdruck, die mit den Kernwerten der Association nicht vereinbar seien. Man habe nun auf die berechtigten Beschwerden reagiert.

Wilder liess Textstellen ändern

Es geht dabei um die Darstellung von Native Americans und Afroamerikanern. Letztere werden da bisweilen «Darkies» genannt. Und dass Wilders Texte den Indianern nicht gerecht werden, wurde der 1867 in Wisconsin geborenen, tiefgläubigen, aber durchaus fortschrittsliebenden, spätberufenen Schriftstellerin mit der Zeit selbst bewusst. Sie entschuldigte sich für ihre Gedankenlosigkeiten und liess auch Textstellen ändern.

So im berühmtesten Buch «Little House on the Prairie» (1935): Schrieb sie einst, in Kansas habe es «no people», keine Menschen, gegeben, «only Indians», heisst es dort heute auf ihren Wunsch: «no settlers» – keine Siedler. Die 1957 verstorbene Autorin hätte wohl auch gar nichts gegen die Namensänderung beim Preis.

Anstand und Rückgrat bewahren

Ihre semiautobiografischen Storys rund um Laura handeln von harter Arbeit, Fairness, Moral; pflegen den Mythos vom weissen Siedler, dem Natur und Schicksal nichts schenken, der aber trotzdem versucht, Anstand und Rückgrat zu bewahren.

Wilder war die Tochter eines Farmers, der auf der Suche nach besseren Bedingungen von Wisconsin («Little House in the Big Woods», 1932) nach Kansas ins Land der Osage-Indianer («Little House on the Prairie»), zurück nach Wisconsin, dann nach Minnesota zog («On the Banks of Plum Creek», 1937).

Durch die Bücher und mehr noch die TV-Serie «Unsere kleine Farm» mit Michael Landon, die von 1974 bis 1983 lief, entdeckten auch europäische Kids ihr Faible fürs Pionierethos.

Wenn meine Handsgi-Lehrerin also aus «Unsere kleine Farm» vorlas, ertrug auch ich mein fürchterliches und fruchtloses Ringen mit der Wolle. Egal, dass der Preis – zu Recht – jetzt anders heisst, verdient hat Laura Ingalls Wilder ihn.

Erstellt: 26.06.2018, 18:46 Uhr

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