Verliebt in den «Kinogeher»

Walker Percy ist der geistige Vater von Jack, einem entrückten Romanhelden, der auf Frauen ungeheuer anziehend wirkt. Weil er über Zartsinn verfügt. Und obwohl er besitzergreifend ist.

Er gilt als wichtigster Südstaaten-Autor seit William Faulkner: Walker Percy 1980 in seiner Heimat Louisiana. Foto: Evelyn Hofer (Getty)

Er gilt als wichtigster Südstaaten-Autor seit William Faulkner: Walker Percy 1980 in seiner Heimat Louisiana. Foto: Evelyn Hofer (Getty)

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Gibt es das? Kann es so etwas geben? Einen erstklassigen Roman in moderner Zeit, der vom Gutsein handelt und gut ausgeht, von keinem Zuckerwölkchen Kitsch überstäubt, ja, nicht einmal vom Kitsch ein klein wenig behaucht? Einen Roman, in dem keine einzige bösartige Figur auf den Plan tritt, um den Helden bei seinen Umtrieben zu stören?

Es gibt dieses kleine Wunder. Gerade wurde Walker Percys Roman «Der Kinogeher» in der Bibliothek Suhrkamp neu aufgelegt. Viele Jahre war er vergriffen. Kein Kaventsmann von einem Roman, kein überschäumendes Schreibgewucher, eher ein Werk im üblicherweise bekömmlichen Format. 1960 wurde er erstmals veröffentlicht. Für den deutschen Sprachraum entdeckt und übersetzt hat ihn später Peter Handke.

Handke ist ja für so manche Entdeckung gut. Mag sein, dass seine Übersetzung des «Moviegoer» bisweilen ein klein wenig exzentrisch klingt, üblicherweise hätte man von einem Kinogänger und nicht von einem Kinogeher sprechen müssen. Mich stört das nicht. Das Buch liest sich auf Deutsch wie geschmiert. Jauchzendes Vergnügen an der Oberfläche bei der ersten Lektüre. Tiefergehendes Verstehen und satte Freude beim wiederholten Lesen. In der Erinnerung wird das Buch des amerikanischen Südstaatenautors Jahr um Jahr schöner.

Die Aura des Ungesagten

Jack Bickerson Bolling, der Kinogeher, ist anziehend. Nirgendwo ist gesagt, wie der junge Mann aussieht, aber es ist unmöglich, sich ihn anders als gut aussehend vorzustellen. Anziehend wirkt nebenbei bemerkt auch, dass er nicht allzu viel redet. Gibt es eine unerotischere Figur als den männlichen Schwätzer? Jack ist allerdings auch kein dröger Schweiger, dem man die Wörter aus der Nase ziehen müsste. Überhaupt ist das kein schwatzhafter Roman. Es wird geredet, es gibt Dialoge, aber sie sind sparsam gesetzt und dadurch äusserst wirkungsvoll, weil um sie herum die Aura des Ungesagten wirkmächtig bleibt.

Jack ist ein dem Koreakrieg entkommender Soldat, der einigen seiner Kameraden das Leben gerettet hat. Obwohl Jacks dramatische Erfahrungen im Verborgenen lauern und der Roman das Geschehen der Schlacht nicht explizit ausbreitet, bildet es eine mächtige Hintergrundstrahlung, denn Jack ist ein entkommener Kriegsheld.

Er fährt einen Sportwagen und übt den damals noch nicht anrüchigen Beruf des Börsenmaklers aus. Auf seine leicht verhangene Art wirkt er auf Frauen wie ein Fliegenfänger. Viel Geld scheint nicht in seinen Taschen zu klimpern, Jack wohnt zur Miete. Überflüssig zu erwähnen, dass er ein wohlerzogener Mieter ist, der keinerlei Scherereien bereitet. Für Frauen dürfte es schwer sein, nicht schon nach wenigen Seiten vom erotischen Flair des Mannes hingerissen zu sein. Und das geschieht subtil, denn der Held wird weder als erotischer Protz noch als Weltwunder männlicher Schönheit vorgeführt.

Jack ist fähig, sich im Gedächtnis  des geneigten Lesers für immer ­festzusetzen.

Was ist los mit ihm? Wir befinden uns in den 50er-Jahren in New Orleans. In den jüngeren Figuren hat sich eine Spielart des amerikanischen Existenzialismus festgesetzt. Da wird weniger an der prinzipiellen Schuld des Menschen herumgegrübelt als in Frankreich, auch nicht an der ontologischen Einsamkeit zugrunde gegangen, stattdessen permanent das Kino besucht.

Mit ihren zarten Schleiern bewirkt die Melancholie eine Entrückung des Helden von der Wirklichkeit, ohne ihn von ihr zu lösen. Melancholische Strömungen, die das Objekt der Begierde nicht von der Leine lassen, wirken Wunder bei der Verführung. Der Mann scheint manchmal nicht ganz bei der Sache zu sein, und das eröffnet den Frauen freie Interpretationsräume, auf die sie sich mit Wonne stürzen.

Jack ist vom Nachtfieber ergriffen, besucht mit Vorliebe leere Vorstadtkinos, die dem Ende geweiht sind. In dieser unwirklichen Sphäre fühlt er sich wohl. Und jedes Mal hält die Leinwand eine Stärkung bereit, die es ihm erlaubt, gekräftigt ins Leben zurückzukehren. Nein, das Kino ist nicht Suchtmittel, um ihn von den Geschäften, den Verwandten und Amouren abzuziehen. Wenn Jack einen seiner Lieblinge, William Holden etwa, im Film gesehen hat, glänzen seine Augen für eine Weile, die Schritte bekommen Schwung, um den ganzen Mann bildet sich eine auratische Sphäre. Er ist glücklich in einem Film, sogar in einem schlechten. Da fliessen einem wirklichen Helden vom unwirklichen Helden der Leinwand magische Kräfte zu.

Kurioserweise findet sich nun ausgerechnet bei einem Mann, der sich von driftenden Nachtideen nährt und in der Wirklichkeit nicht ganz zu Hause zu sein scheint, ganz und gar nichts Abgebrühtes. Im Gegenteil: Anstand, Fürsorglichkeit, Zartsinn und die Fähigkeit, im rechten Moment eine Pflicht anzuerkennen und sie zu erfüllen, machen aus ihm fast einen modernen Heiligen. Ich zögere nicht zu sagen: Jack ist ein guter Mensch. Ob es um seinen kranken Stiefbruder geht, ob um seine nervlich zerrüttete Cousine Kate, die er heiraten wird – Jack hat einen leisen, aber guten Einfluss auf Menschen, die Hilfe benötigen.

Ein Frauenfreund

Auch wenn er der Klasse der Asphaltjäger angehört, bei denen jede hübsche junge Frau einen Schwarm Gedanken freisetzt, denen der Leser mit hohem Vergnügen folgt, ist er ein Frauenfreund, kein Sadist. Seine Frauenjagden sind von der Malaise überschattet, jener Traurigkeit, welche die Liebenden und besonders den Jäger überkommt, wenn man sich plötzlich nichts, aber auch gar nichts mehr zu sagen hat.

Jack fährt einen Sportwagen. Die Fahrten in seinem kleinen MG sind die schönsten Passagen, die es in Sachen Automobil in Romanen zu lesen gibt. Eine gewitzte Liebesphilosophie entzündet sich an den Vorzügen und Mängeln verschiedener Wagen. Die Vorgänger von Jacks MG waren allesamt Brutstätten des Unglücks gewesen, besonders schlimm ein erzkomfortabler Dodge: «Obwohl er lief wie ein Uhrwerk, obwohl wir in vollkommener Bequemlichkeit dahinbrausten . . . wurde alsbald die Malaise akut. Wir erstarrten in eisiger Beflissenheit, die Wangen schmerzend von Gelächel. Wir wären füreinander beflissen gestorben.»

Gottlob ist im MG nun alles anders. Der Asphalt rast auf die Insassen zu, das Gerüttel ist enorm, der Lärm ohrenbetäubend. Körper und Seelen geraten ins Tohuwabohu. Unglück und Gehemmtheit verfliegen.

Jack ist ausserordentlich besitzergreifend, fähig, sich im Gedächtnis des geneigten Lesers für immer festzusetzen. Trotz seines In-sich-gekehrt-Seins ist um ihn die Strahl- und Tatkraft der schönen Jugend. Nie spielt er sich dabei in den Vordergrund. Bei einem weniger begabten Schriftsteller wäre nur eine blasse Figur zu Papier gebracht worden. Wer je versucht hat, einen Roman zu schreiben, der weiss, wie schwierig es ist, einer Figur insgeheim Kräfte zuzuspielen, sie mit schleichender Wirkmacht zu begaben, die sie in ihren ostentativ beschriebenen Handlungen kaum hat.

Die geheimnisvolle Kate

Zu einer bedeutenden Figur der Liebe wird der Kriegsheld von einst in der Verbindung mit seiner Cousine. Kate, eine Stieftochter von Jacks vermögender Tante, gehört zu jenen Personen, die nicht im eigentlichen Sinne verrückt sind, aber in Gefahr, dass die Wirklichkeit ihnen entgleitet. Sie sind wie von Schleiern umgeben. Wenn solche Menschen das Wort ergreifen, scheint darin eine knisternde und zugleich abwegige Intelligenz auf; das angespannte Gespräch driftet leicht ins Ungefähre, der weniger verrückte Gesprächspartner müht sich um die Realitätssprengsel, die darin aufscheinen, hat aber Mühe, dem Lauf zu folgen und sich mit passenden Worten darauf einzustimmen.

Nur allzu leicht vorstellbar, dass man die Tür zu ihrem Zimmer öffnet und Kate tot in ihrem Bett auffindet. Diese Gefahr flackert immer wieder auf, aber nicht penetrant, sondern diskret.

Die Attraktion, die von Kate ausgeht, läuft wie ein unterirdischer Strom durch den Roman, manchmal als Rinnsal nur, dann erwartet man das endgültige Scheitern der Verbindung zwischen Jack und Kate. Aber eine ausserordentliche Vertrautheit stellt sich immer wieder her, und sie ist sublim beschrieben, auf winzige Gesten beschränkt, ein Wunderwerk der Romankunst.

Und – ein weiteres Wunder: Alles endet gut. Die beiden sind ein Ehepaar geworden, und Jack, der seelisch Kräftigere und Zupackendere, hilft seiner Frau aus dem Gestöber, hilft, dass sie aufhört, über verschüttelte Flächen zu spazieren, welches das trübe Los der Halbverrückten für gewöhnlich ist, solange sie sich nicht umbringen.

Sibylle Lewitscharoff, geboren 1954, schrieb Romane wie «Pong», «Consummatus» und «Apostoloff». 2013 erhielt sie den Büchner-Preis. Im September erscheint ihr neuer Roman «Pfingstwunder».

Erstellt: 24.08.2016, 18:07 Uhr

Walker Percy: Der Kinogeher. Roman. Suhrkamp, Berlin 2016. 224 S., ca. 32 Fr.

Walker Percy
US-Schriftsteller

Walker Percy (1916-1990) studierte Medizin und infizierte sich dabei mit Tuberkulose. Im Sanatorium beschäftigte er sich mit philosophischen und religiösen Fragen, die sein Werk prägen. Dank Romanen wie «Der Idiot des Südens» und «Die Wiederkehr» gilt er als bedeutendster Südstaaten-Autor nach William Faulkner. (TA)


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