«Der Rausch kann einen Underdog durchmarschieren lassen»

Kommt die Nati ins Viertelfinale? Autor und Fussballkenner Pedro Lenz ahnt da was.

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Die Vorrunde ist vorüber, und wir blicken auf ein seltsames Tableau. Gerät die EM aus den Fugen? Gibts einen Freak-Sieg?
Das glaube ich nicht. Das Team, das sich in der stärkeren Tableauhälfte durchsetzt, dürfte auch Europameister werden: Deutschland, Spanien oder Italien. Ich glaube nicht, dass diese Teams nun entscheidende Kräfte verbrauchen, wenn sie gegeneinander antreten müssen. Gravierender ist die Mehrfachbelastung durch Liga und Champions League, die Trainer müssen sowieso rotieren und ihren Spitzenspielern Pausen gönnen. Es ist deshalb verheerend, wenn der spanische Coach ständig das gleiche Team aufbietet. Das könnte sich rächen.

Welches war das interessanteste Spiel der Vorrunde?
Für mich wars Spanien gegen Kroatien. Die Spanier kontrollierten den Match komplett. Das war eigentlich nur noch «Nähen und Singen», wie die Spanier sagen – eine einfache Angelegenheit also. Wie sie dieses Spiel verlieren konnten, ist für mich immer noch schwer erklärbar.

Welcher Verlierer war besonders tragisch?
Die Österreicher spielten von Anfang bis Ende ein sehr unglückliches Turnier. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die grossen Geschichten dieser EM erst noch geschrieben werden. Im Nachhinein erinnert man sich kaum noch an die Vorrunde. Ausser bei sehr speziellen Spielen, wie etwa dem Sieg der DDR über die BRD 1974.

Was erwarten Sie von der Schweiz? Manchmal startet ein Underdog ja durch, so wie Dänemark 1992.
Ich kann mich gut an 1992 erinnern, und ich sehe da durchaus eine Verwandtschaft der Nati mit diesen Dänen. Gerade das Mittelfeld hat eine ähnliche Bedeutung und ist auch ähnlich stark. Der Rausch kann einen Underdog durchmarschieren lassen.

Sie rechnen tatsächlich mit einem Exploit?
Rechnen darf man damit nicht. Es ist leider sehr gut möglich, dass uns die Polen auskontern und mit einem 0:3 nach Hause schicken. Lewandowski rennt ja dreimal so schnell wie Djourou. Aber klar: Die Chancen, in einem Turnier weit zu kommen, sind so gut wie lange nicht mehr.

Viel wurde über die müde Schweizer Feierkultur geredet. Was ist Ihre Erklärung? Ists die Mentalität? Die Leistungsgesellschaft, die nach einem sorgsamen Verwalten der Kräfte verlangt?
Wissen Sie, ich sehe da gar kein Problem. Ich finde es gut, dass wir wegen der Nati nicht durchdrehen. Übersteigerter Nationalismus ist nichts, woran ich Gefallen finden kann. Wenn Erdogan sagt, die türkischen Fussballer hätten ihr Volk beleidigt, weil sie sich nicht für den Achtelfinal qualifizieren konnten, ist mir das völlig unverständlich. Letztlich ist es wohl eine Frage der Sozialisierung: Gebildete Menschen verschreiben sich nicht fanatisch einem Team. Das ist etwas für einfache Menschen – einfach gesagt.

Gefällt Ihnen der Embolo-Song?
Mässig. Einerseits, weil Embolo noch nicht der Weltklassespieler ist, als den ihn gerade viele feiern. Andererseits finde ich den Song wegen der Vorlage etwas komisch, der handelt ja von Löwen und so... Aber ich bin grundsätzlich kein grosser Anhänger von Fussballsongs. Lustiger finde ich spezielle Aktionen: In Bern schüttelten die Fans jeweils ihre Schlüssel, wenn YB einen Corner hatte – weils eine Schlüsselszene war.

Ein Diskussionsthema sind auch die TV-Kommentatoren. Was macht einen guten Kommentator aus?
Er muss die Balance zwischen Emotion und Kompetenz halten. Beni Thurnheer konnte das gut, an ihm mochte ich auch die Selbstironie. Mit den aktuellen Schweizer Kommentatoren werde ich dagegen nicht recht warm. Dani Wyler ist mir noch der liebste. Sascha Ruefer kommentiert mir dagegen zu übertrieben und zu formelhaft. Aber man muss aufpassen: Meistens wird die Kritik am Kommentator ja erst laut, wenn das eigene Team schlecht spielt. Dann regt man sich über alles Mögliche auf, und der Kommentator ist gleich auch noch ein Trottel. Führt das eigene Team, ist man nachsichtiger.

Cristiano Ronaldo ist wohl jener Spieler, der die meisten Feinde hat. Muss man ihn da nicht demonstrativ gut finden?
Bei den Eckbällen springt Ronaldo einen halben Meter höher als der Rest, keiner spielt genauere Pässe. Ich behaupte, dass er der beste Spieler überhaupt ist an der EM. Nur Modric reicht an ihn heran. Bei uns wird Ronaldo trotzdem nur als Diva dargestellt, wir haben ein völlig falsches Bild. Das fällt mir jeweils besonders auf, wenn ich die spanischen Sportzeitungen lese, die sogar dann voll des Lobs für ihn sind, wenn er mal nicht getroffen hat. Interessant ist ja auch, dass er, der angeblich so Arrogante, bei den Mitspielern in Madrid sehr beliebt ist. Und Portugal wäre verloren ohne ihn.

Welche Spieler haben poetisches Potenzial? Wen würden Sie gerne porträtieren?
Ibrahimovic ist interessant, mit seiner speziellen Herkunft und seiner Muhammad-Ali-Attitüde. Fussballerisch kann er mit der schwedischen Gurkentruppe leider nicht viel ausrichten. Sehr interessant finde ich den Assistenten der Iren, Roy Keane. Der war ja als Spieler ein ganz Grosser. Ich habe ihn am Ende seiner Karriere mal live gesehen, in Glasgow. Da war seine Hüfte schon ruiniert, er konnte neben dem Feld kaum noch laufen – und war trotzdem der unstrittige Chef auf dem Rasen. Ich vermute, dass die grossartige Einstellung der Iren gegen Italien viel mit ihm zu tun hatte. Es gibt ja dieses irische Heissblut, da kann grosse Freundlichkeit brutal schnell kippen – schon gibts eine Schlägerei. Diese Aggressivität hat Keane als Coach nun offenbar erfolgreich kanalisiert.

Was ist mit den Nati-Spielern?
Schwierig. Ein Typ wie Lichtsteiner ist ja vor allem unangenehm, er wirkt immer ein wenig rechthaberisch. Am ehesten Potenzial hätte von der Spielanlage her Valon Behrami, aber der gibt neben dem Platz wenig her. Bei Steve von Bergen ist es eher umgekehrt. Ich habe ihn mehrmals in Bern getroffen. Das ist eine sehr interessante, vielschichtige Persönlichkeit, weltoffen und sprachbegabt. Als einer der wenigen Kicker macht er sich Gedanken darüber, was es für einen Menschen bedeutet, wie die Fussballer in jungen Jahren mit Geld überhäuft zu werden.

Sie kommen ins Schwärmen. Aber spielen lassen würden Sie von Bergen dann doch nicht, oder?
Doch, das würde ich. Weil er schneller rennen kann als Djourou, würde ich ihn im Achtelfinal neben Schär in die Innenverteidigung stellen.

Sie wurden bekannt mit dem Buch «Der Goalie bin ig». Haben Sie an der EM einen interessanten neuen Keeper entdeckt?
Der Isländer ist schon beeindruckend, von den Reflexen her und auch, wie er seinen Körper einsetzt. Einmal mehr überzeugt hat mich Courtois, der belgische Torwart. Moderner kann man heute nicht spielen. Bei Buffon ist vor allem das Zusammenspiel mit Chiellini interessant. Es ist herrlich anzuschauen, wie die beiden Alten den italienischen Strafraum aufräumen, nach jedem Eckball kurz Rücksprache halten. Es wirkt, als seien sie Zwillingsbrüder. Auffällig ist auch, dass es keine wirklich schlechte Goalies mehr zu geben scheint.

Wer war denn der letzte richtig schlechte Torwart?
David James, der Engländer. Der war manchmal richtig, richtig mies.

Erstellt: 24.06.2016, 14:04 Uhr

Schriftsteller Pedro Lenz (*1965) wurde bekannt mit «Der Goalie bin ig». Der 2010 erschienene Roman wurde in viele Sprachen übersetzt und 2014 verfilmt. Zuletzt veröffentlichte Lenz die Kolumnensammlung «Der Gondoliere der Berge».

Mit Fussball setzte sich der Langenthaler in diversen Texten auseinander, jüngst erörterte er die Bedeutung Johann Cruyffs für seine schriftstellerische Arbeit. (Bild: Keystone )

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Der Embolo-Song der Nati-Fans.

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