«Viele haben tatsächlich Heimweh»

Dörte Hansen ging als Erste ihrer Familie aufs Gymnasium und schreibt heute Bestseller über den Niedergang des dörflichen Lebens. Ein Gespräch über die Sehnsucht nach Heimat.

«Bücher müssen ein wenig wehtun», findet die deutsche Erfolgsautorin Dörte Hansen. Foto: Sven Jaax

«Bücher müssen ein wenig wehtun», findet die deutsche Erfolgsautorin Dörte Hansen. Foto: Sven Jaax

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Dörte Hansen, Ihr Debüt «Altes Land» verkaufte sich bisher 1 Million Mal, Ihr aktueller Roman «Mittagsstunde» nähert sich der Marke von 350'000. Sie selbst sagten, so etwas gebe es «eigentlich nur in Hollywood».
Kollegen, die vor fünf Jahren mitbekommen hatten, dass ich meinen Vertrag als Redaktorin auslaufen lassen wollte, um zu schreiben, sagten mir: Du weisst schon, dass man davon nicht leben kann, oder? Sie hatten ja recht. Deshalb hat mich der Erfolg erleichtert. Vor allem aber war er mir unheimlich.

Warum das?
Klassischer Feuilletonistenreflex. Ich dachte: Ein Buch, das sich so gut verkauft, kann nichts taugen, und Unterhaltung ist «bäh». Mittlerweile bin ich entspannter. Ich liebe die Freiheit, die ich gewonnen habe. Zu schreiben, was ich will, ohne Existenzangst. Das ist ein Traum!

In Ihren Romanen geht es um den Untergang der bäuerlichen Lebenswelt, um das Ende der Dorfgemeinschaft. Warum haben Sie einen solchen Nerv getroffen?
Weil viele die Umwälzungen in den Dörfern genau so erlebt haben. Der Strukturwandel, die Schliessung der Dorfläden und Schulen, all das reicht bis in die Gegenwart. Ich bekomme viele Briefe von Männern, die – ähnlich wie meine letzte Hauptfigur – vom Dorf kommen, nach der Schule weggegangen sind und das bis heute als Verrat sehen.

Die Leute scheinen seit einiger Zeit ganz versessen zu sein auf das bäuerliche Idyll. Und wenn es nur um Artikel über das Einkochen geht. Ist das vor allem Phantomschmerz?
Viele haben tatsächlich Heimweh. Und ich kann das verstehen, denn ich habe es ja auch. Es geht um Verlust, weil mit den Dörfern eine ganze Welt verschwindet. Da ist auch viel Verklärung dabei, das Leben auf dem Land war ja eher hart als idyllisch. Aber dieser Wunsch, in einem hübschen Haus zu leben, mit Obstbäumen und Wiesen vor der Tür, ist auch eine Reaktion auf die Globalisierung. Es gibt eine starke Sehnsucht nach Vereinfachung, Überschaubarkeit. Die Lebensplanung wirkte früher schlicht einfacher.

Inwiefern?
Es gab für Lebensentwürfe eine Art Schablone. Wenn man im Dorf aufwuchs und die Eltern Bauern waren, war die Chance gross, dass man das auch wurde. Man hatte nicht den Anspruch auf Optimierung, an dem heute viele verzweifeln. Wir müssen uns ja ständig fragen: Wo will ich leben, wovon, und mit wem? Und natürlich sollen die Antworten darauf nicht nullachtfünfzehn sein wie das Leben der anderen. Das ist ein extrem hoher Anspruch, den wir da an uns stellen. Ich persönlich bin glücklich über diese Freiheit. Bloss zahlen wir auch einen Preis dafür. Weil wir nicht mehr wissen, wo wir hingehören.

Die Literaturkritik besingt das Dorfroman-Revival. Die Bücher dazu sind recht verschieden. Manche beschreiben, wie im Dorf nur Verwahrlosung zurückbleibt, wie ohne Saisonarbeiter nichts mehr läuft. Dass die Dörfler dem Alkohol oder dem Rassismus verfallen sind. Ist es so schlimm?
Ich glaube nicht. Vielleicht sind einige Dörfer so. Es gibt aber auch eine Art Stunde null. Weil alle alten Strukturen weg sind, müssen Dörfer sich heute neu erfinden. Es sind Wahlgemeinschaften. Menschen müssen Gründe haben, um dorthin zu ziehen. Eigenes Gemüse, günstige Grundstücke oder eine gute Lage, um zu pendeln etwa. Das kann auch positiv sein. Die neue Frage lautet: Was kann uns verbinden, wenn wir nicht aneinander gebunden sind? Ich beschreibe ja nicht die Verwahrlosung; eher das Ende der Sesshaftigkeit.

«Ich sass oft auf Spielplatzbänken und erlebte Mütter und Kinder im permanenten Ausnahmezustand.»Dörte Hansen, Autorin

Sie selbst sind in einem 500-Einwohner-Dorf im deutschen Nordfriesland aufgewachsen und waren die Erste in Ihrer Familie, die aufs Gymnasium ging. Warum?
Ich weiss nicht. Ich erinnere mich nur daran, dass ich das unbedingt wollte. Ich musste aber darum kämpfen. Meine Eltern waren schon deshalb skeptisch, weil es ein enormer Aufwand war. Es gab noch keinen Schulbus. Also mussten wir morgens um halb sechs zum Bahnhof im nächst-grösseren Ort gefahren und nachmittags wieder abgeholt werden. Als Kind hat man damit auch eine Verantwortung. Das muss bei dem Aufwand dann bitte auch klappen. Schulversagen war keine Option.

Später gingen Sie an die Uni. Wie Ihre Hauptfigur Ingwer Feddersen, der in der Stadt denkt, dass man seine Herkunft am Gang erkennt, weil die anderen auf den ersten Blick sehen müssten, dass er geht, «als schöbe er eine Schubkarre vor sich her». Hatten Sie auch diesen Herkunftskomplex?
Ich verstand erst später, dass das ein Thema für mich war. An der Uni gab es nur dieses Unwohlsein, das ich nicht einordnen konnte. Ich habe erst Französisch studiert, ein sogenanntes Frauenfach. Die klassische Kombination meiner Kommilitoninnen war die mit Kunstgeschichte. Das war ein richtiger Verein aus höheren Töchtern, zu denen ich nie echten Kontakt bekam.

Was macht eine höhere Tochter aus?
Der Hintergrund. Sie lebten viel selbstverständlicher in ihrem Milieu. Was dieses Selbstverständnis ausmacht, ist schwer zu formulieren. Was ja schon die Voraussetzung dafür ist, dass man nicht dazugehört. Ich musste mir mein Milieu erst suchen. Wenn man vom Dorf kommt oder aus einer Arbeiterfamilie, ist das schwieriger, als wenn man Eltern hat, die selbst an der Uni waren. Wir tun ja gern so, als wäre die Klassengesellschaft kein Thema mehr. Aber klar gibt es sie noch. Ihre Regeln sind nur unsichtbar. Sie werden keinem mitgeteilt.

Hatten Sie Heimweh?
Nein, ich war wie die meisten 19-Jährigen froh, aus dem Dorf weg zu sein. Ich lebte erst ein Jahr in Paris, als Au-pair-Mädchen. Auch das war ungewöhnlich für meine Eltern. Toll fanden die das alles nicht.

Sie sind Soziolinguistin. Was fasziniert Sie an kleinen Sprachen?
Sie drücken Heimat und Verbundenheit aus. Ihr Sprecherkreis ist sehr klein, und jeder, der eine kleine Sprache spricht, ist überzeugt, dass nur sein Dorf die richtige Variante spricht. Da ist null Toleranz. Das fand ich spannend. Warum sind diese Varianten für ihre Sprecher so wichtig? Wieso wurde so viel Energie investiert, den Kindern ihre kleinen Sprachen brutal auszutreiben, ob in Cornwall, Irland oder Friesland? Auch weil diese Sprachen eine Macht haben, die für Aussenstehende unheimlich ist. Sie unterwandern die nationale Idee.

In Ihren Büchern werden Plattdeutschsprecher von den Grossstädtern immer ein bisschen behandelt wie Zirkustiere.
Ich hasse das richtig! Man hat die Nischensprachen so erfolgreich von der Stigmatisierung befreit, dass sie nun etwas Niedlich-Folkloristisches bekommen. Ich finde, dass man einer Sprache so fast noch mehr schadet als mit dem Stigma. Ein Beispiel: Wir sprechen Plattdeutsch in der Familie, einfach deshalb, weil das unsere Sprache ist, weil es für mich Nähe ausdrückt. Aber wenn ich im Zug unterwegs bin, kann ich mit meiner Tochter kein Alltagsgespräch führen, ohne dass andere sich einmischen.

Was sagen die Leute denn?
Oh, wow, reden Sie da tatsächlich Platt? Entweder heisst es dann: Das arme Kind, wie soll das später zurechtkommen? Oder die Leute rufen: Oh, das ist soo süss, sagen Sie mal was! Das sind seltsame, sehr extreme Signale.

«Kleine Sprachen haben eine Macht, die für Aussenstehende unheimlich ist. Sie unterwandern die nationale Idee.»Dörte Hansen, Autorin

War es eine bewusste Entscheidung, in der Familie Platt zu sprechen?
Es hätte sich fremd angefühlt, das nicht zu tun. Mein gesamtes kindersprachliches Repertoire, alle Lieder und Reime sind Platt. Ich geniesse es auch, das in meinem Alltag wieder zu sprechen, weil Plattdeutsch einen zwingt, die Dinge einfach auszudrücken.

In Ihren Büchern halten Sie sich mit Werturteilen stark zurück. Sie wirken extrem darauf bedacht, Kitsch zu vermeiden. Ist das die Angst vor falscher Romantisierung?
Ich hatte Angst, dass Menschen sich verletzt fühlen. Schliesslich leben meine Mutter und mein Bruder noch in meinem Heimatdorf. Wenn da der Verdacht der Nestbeschmutzung aufkäme, wäre das schlimm. Andererseits müssen Bücher ein wenig wehtun, sonst wären sie nicht aufrichtig. Das ist eine Gratwanderung.

Nur die Grossstädter werden von Ihnen mit Ironie bedacht – die Latte-macchiato-Mütter zum Beispiel.
Das ist mir auch als Klischeereiterei angekreidet worden. Zu meiner Verteidigung: Ich hatte selbst viel Erfahrung mit solchen Müttern. Bei den Passagen habe ich am wenigsten erfinden müssen. Das Klischee ist die Realität. Ich sass oft auf Spielplatzbänken und erlebte Mütter und Kinder im permanenten Ausnahmezustand.

Wie sah der aus?
Es war ständig Leistungsschau: Guck mal, ich habe ein Kind! Ob an der Rutschbahn, wo Mütter ihren Sohn jede Stufe hochjubeln: Das hast du toll gemacht! Oder beim Turnen, wo Mütter mitzählen, wie oft andere Kinder Trampolin springen, um nach 20-mal zu rufen: Das waren 20-mal, jetzt ist meiner dran! Ich selbst war als Mutter sicher auch oft peinlich, aber man muss doch eine Distanz zu sich selbst wahren. Wenn wir Eltern uns beim Babyschwimmen an den Händen gehalten und gesungen haben, dann dachte ich oft: Irgendjemand ausser mir muss doch wissen, dass das total grotesk ist, was wir hier tun. Dieser heilige Ernst dabei machte mir Angst.

Aber es klingt vor allem lustig.
Bedingt. Ich finde es auch tragisch, dass wir in einem Zeitalter des kollektiven Narzissmus leben, der extrem leicht gekränkt werden kann. Ich habe mich auf dem Spielplatz oft gefragt: Was wird bloss aus diesen Kindern? Wie kommen die damit klar, dass auch andere Kinder in der Lage sind, eine Rutsche hochzusteigen? Ganz schwer. Ich befürchte, dass wir bei der Chancengleichheit gerade hinter die Standards meiner eigenen Kindheit zurückfallen.

Wie meinen Sie das?
Ich hatte als Handwerkertochter vom Dorf die Möglichkeit, zu studieren. Damals gab es ein Zeitfenster, wo man an Chancengleichheit glaubte. Die Eltern hielten sich aus dem Schulleben weitgehend heraus. Heute gewinnen die Kinder mit Eltern, die ihre Vorträge schreiben, um es mal zuzuspitzen.

Warum sind Sie aus Hamburg wieder aufs Land in die Nähe Ihrer alten Heimat gezogen?
Ich wollte auch aus diesem Milieu raus. Ausserdem war die Sehnsucht immer da. Es ist eher Nostalgie als Heimweh. Es hat mit Kindheit zu tun, dass wir uns an Orte zurücksehnen, an denen wir glaubten zu wissen, wo wir hingehören, auch wenn das ein Trugbild sein sollte.

Erstellt: 01.05.2019, 17:29 Uhr

Autorin mit Millionenauflage

Dörte Hansen (54) wuchs mit drei Geschwistern in Nordfriesland auf. Ihre erste «Fremdsprache», Hochdeutsch, lernte sie in der Dorfschule. 2012 liess sie ihren Vertrag als Kulturredaktorin bei NDR Info auslaufen, um zu schreiben. In ihren Romanen thematisiert sie den Strukturwandel auf dem Dorf und das Ende der Sesshaftigkeit. Ihr Debüt «Altes Land» (Penguin, 2015) erreichte eine Millionenauflage. (red)

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