Die besten Sachbücher der letzten 20 Jahre

Sachbücher helfen, die Welt zu verstehen – und manchmal verändern sie unser Leben. Neun Empfehlungen.

Mit Büchern der Ursache von Kriegen nachspüren: Das Schlachtschiff USS Arizona (r.) sinkt beim japanischen Angriff auf Pearl Harbor 1941.

Mit Büchern der Ursache von Kriegen nachspüren: Das Schlachtschiff USS Arizona (r.) sinkt beim japanischen Angriff auf Pearl Harbor 1941. Bild: Granger Collection, Keystone

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Der Klang eines Jahrhunderts
«Das 20. Jahrhundert hören» – Alex Ross, Musikkritiker des «New Yorkers», hat den Untertitel seines Buches bewusst gesetzt. Man hört tatsächlich ein ganzes Jahrhundert darin: nicht nur die Musik, sondern auch den Kriegslärm, die Börsenhektik, die Alltagsgeräusche. Komponisten sind nun einmal in erster Linie Menschen, sie leben in ihrer Zeit und reagieren unterschiedlich auf sie. Das ist es, was Ross interessiert; er sucht nicht den Fortschritt in der Musikgeschichte, sondern beschreibt das Neben- und Gegeneinander von nostalgischen, avantgardistischen und anderen Strömungen. Und er würdigt die Protagonisten: Schönberg wie Sibelius, Boulez wie die Beatles. Dass man auf der Homepage zum Buch Hörbeispiele findet, ist dann bereits 21. Jahrhundert. Susanne Kübler

Alex Ross: The Rest Is Noise. Piper, München 2009. 703 S., ca. 44 Fr. www.therestisnoise.com

Wie Europa in den Ersten Weltkrieg hineingeriet

Trump, Xi, Putin, Erdogan, Salman, dann der Iran und Pakistan: Handelskriege, eingefrorene Kriege, glimmende Zündschnüre, politisch-militärische Muskelspiele überall. So sieht die Welt 2018 aus. Hundert Jahre zuvor war sie in einen Krieg gezogen, den keiner wollte und der ein verwüstetes Europa zurückliess. Christopher Clark zeigt, wie es dazu kam, und dass der Krieg jederzeit zu verhindern gewesen wäre. Er betrachtet die Kräfte­verhältnisse in jedem der fünf grossen Player und wichtiger Mittelmächte wie Serbien. Er porträtiert konturenreich, erzählt spannend, analysiert präzis. Er kommt der historischen Wahrheit über diesen Krieg und seine Ursachen so nahe wie wohl noch niemand. Seine Wahrheit ist komplex, sie ist in dieser Komplexität faszinierend – und sie ist überaus lehrreich für unsere Zeit, unsere Konflikte. Martin Ebel

Christopher Clark: Die Schlafwandler. Pantheon, 896 S.,ca. 30 Fr.

Moskau im Jahr des Grossen Terrors

Geschichte lässt sich nicht nur im Längs-, sondern auch im Querschnitt erzählen. Karl Schlögel beherrscht diese Methode meisterhaft. Der 70-jährige Historiker hat sich zeitlich, aber auch örtlich festgelegt: Was nach Einengung klingt, bedeutet Erweiterung und Vertiefung. Wie unter einem Brennglas stellt Schlögel in «Moskau 1937» dar, wie eine Utopie in Terror umschlägt: In und um die Hauptstadt wurden innerhalb eines Jahres zwei Millionen Menschen verhaftet, über eine Million in Arbeitslager verschickt und 700000 ermordet. Der Grosse Terror konnte jede und jeden treffen – das machte Stalin unberechenbar auch für seine nächsten Anhänger. Karl Schlögel zeigt anschaulich, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist – aber auch, dass es keinen Grund gibt, anzunehmen, dieser sei dicker geworden. Guido Kalberer

Karl Schlögel: Terror und Traum. Moskau 1937. Hanser. 811 S.,ca. 49 Fr. TB ca. 22 Fr.

Kinder erziehen? Alles easy!

Als ich erfuhr, dass ich Vater würde, besorgte ich mir fünf berühmte Elternratgeber und las sie durch. Danach wusste ich alles über die richtige Ernährung und wie gross und schwer Babys oder Kleinkinder sein sollten. Auch mit der kognitiven Entwicklung befasste ich mich, bis hin zu den ersten schulischen Aspekten. Doch je mehr ich las, desto nervöser wurde ich. Ein Kind zu haben, schien wie eine Aufgabe, bei der man nur versagen konnte. Dann stiess ich auf Tom Hodgkinsons «Leitfaden für faule Eltern». Die Erziehungsphilosophie des Engländers klingt zunächst banal: Lasst eure Kinder in Ruhe. Doch hinter dem koketten Etikett «Faulheit» verbergen sich konkrete, lebenskluge Tipps. Einige davon mögen utopisch sein. Doch nur schon Hodgkinsons witzig-entspannte Art ist für gestresste Jungeltern erholsam wie eine durchgeschlafene Nacht. Philippe Zweifel

Tom Hodgkinson: Leitfaden für faule Eltern. Rowohlt TB, 320 S., ca. 14 Fr.

Weniger arbeiten,weniger konsumieren

Wir tuns noch immer, an Weihnachten besonders: Einkaufen wie die Verrückten. Wieso wir das tun und mit welchen Folgen, hat die US-Soziologin Juliet Schor untersucht und (nicht nur) einen Survival-Guide darüber verfasst. Fürs persönliche Glück genügt schon die Lektüre ihres auf Deutsch erschienenen, aktualisierten Wohlstandsbuchs, das im Untertitel verspricht: «Mit weniger Arbeit besser leben». Passt. Der «New Dream» – so heisst die Organisation, die Schor 1997 ins Leben rief – kann von dir und mir geträumt werden. Statt sich im beruflichen Hamsterrad kaputtzustrampeln, um mehr Geld für Dinge zu haben, die nicht glücklich machen, mal lieber einen Gang runterschalten: Freunde, Familie, Garten pflegen, altes Zeug reparieren statt neues Zeug anschaffen; lesen. Lebensqualität entdecken mit Juliet Schor. Alexandra Kedves

Juliet B. Schor: Wahrer Wohlstand. Oekom-Verlag. 272 S., ca. 28 Fr.

Deutsch lernen – und vieles mehr – mit Geflüchteten

Wie kompliziert die deutsche Sprache doch ist! Und wie schwierig es ist, diese an Fremdsprachige zu vermitteln. Davon erzählt «Zukunft machen wir später» von Christiane Rösinger, der Bericht der Songwriterin und Autorin über ihre Arbeit als ehrenamtliche Deutschlehrerin im Jahr 2015, als Geflüchtete aus Syrien und weiteren Krisengebieten in Deutschland ankamen. Im Zentrum des Buchs stehen neben didaktischen und pädagogischen Problemen aber zwei grosse Fragen unserer Zeit: Wie kann man jenen Menschen, für die nur die Gegenwart zählt, überhaupt richtig helfen? Und was bedeutet eigentlich Integration, dieses «zweifelhafte» Wort, wie Rösinger einmal bemerkt? Wie fein und unsentimental Rösinger diese Felder behandelt, macht ihr Buch zu einem wichtigen Dokument, das dann doch in die Zukunft weist.Benedikt Sartorius

Christiane Rösinger: Zukunft machen wir später. S. Fischer, 224 S., ca. 19 Fr.

Ein Gegengift zu allen Verschwörungstheorien

Seit man sich mit Zeitgenossen herumschlagen muss, die hinter jedem Terroranschlag die CIA vermuten, stellt sich die Frage: Was ist bloss aus dem kritischen Denken geworden? Beunruhigt untersucht der französische Soziologe Bruno Latour in seinem kurzen Essay das Aufkommen von Verschwörungstheorien und «reflexhaftem Unglauben» selbst bei gesicherten Fakten. Hat er als Wissenschaftsforscher am Ende selbst dazu beigetragen, dass den Tatsachen exzessives Misstrauen entgegenschlägt? Laut Bruno Latour braucht es neue kritische Instrumente, mittels deren sich den Dingen und dem Denken Sorge tragen lässt. Ein solches Werkzeug ist dieses Büchlein: So handlich, dass man es in jeder kritischen Situation dabeihaben kann. Pascal Blum

Bruno Latour: Elend der Kritik. Diaphanes. 64 S., ca. 12 Fr.

Die drogensüchtigen Führer des «Dritten Reichs»

Deutschlands Historiker beleuchten die NS-Zeit intensiv wie keine zweite Epoche. Was liesse sich zu Adolf Hitler also noch Neues sagen? Erstaunlich viel, zeigt Norman Ohler, kein Historiker, sondern Schriftsteller – und ein akribischer Rechercheur. Ohler ist der Erste, der Hitlers Leibarzt Theo Morell und dessen Notizen genauer untersucht hat. So kann er erklären, wie Hitlers Irrsinn durch Morells Pfusch und Verschreibungen – Koks, Eukodal und so weiter – potenziert wurde, schildert die drogenbedingten «Wahnschlaufen» Hitlers und anderer hochrangiger NS-Junkies. Und wenn der Autor über die irren Trips der letzten Himmelfahrtskommandos der Wehrmacht schreibt, befinden sich Realität und Sprachrausch im überzeugenden Einklang wie seit Tom Wolfes «The Electric Kool-Aid Acid Trip» nicht mehr. Linus Schöpfer

Norman Ohler: Der totale Rausch. Kiepenheuer & Witsch, 368 S., ca. 28 Fr.

Im Herzen der Finsternis

Nein, nicht noch ein Buch über die gräuelvolle Geschichte des Kongo, wird man vielleicht denken – und sich täuschen. Denn dieses Buch des Belgiers David Van Reybrouck gehört definitiv in den Sachbuchkanon des 21. Jahrhunderts, erzählt es doch mit stupender Eleganz die blutige Geschichte dieses Landes, das so gross ist wie Westeuropa. Eröffnet wird Van Reybroucks historische Grossreportage mit einem Flug über das Delta des Kongoflusses, der sich als rostbraune Brühe ins Meer ergiesst. Und mit der Begegnung mit einem Kongolesen, der von sich behauptet, er sei 1882 geboren, also kurz bevor die Kolonialmächte Afrika unter sich aufteilten. Von dieser erstaunlichen Begegnung aus, die Van Reybrouck selbst gemacht hat, schlägt er als souveräner Erzähler den Bogen über alle Unrechtsregime bis in die Gegenwart: Wer dieses Buch liest, weiss mehr über Afrika und den Kongo, fühlt den kräftigen Schlag seines finsteren Herzen. Andreas Tobler

David Van Reybrouck: Kongo. Suhrkamp, 783 S., ca. 23 Fr.

Erstellt: 17.12.2018, 09:29 Uhr

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