Von der wachsenden Sorge um die Schweiz

Die Schweiz feiert den 200. Geburtstag von Gottfried Keller. Ein Höhepunkt der Feiern ist ein internationaler Kongress in Zürich. Eine leicht gekürzte Fassung des Vortrags von Peter von Matt.

Schützenfest 1907: Gottfried Keller dagegen feierte 1861 mit seiner Erzählung «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» den neuen Staat nicht mit Pathos, sondern mit Ironie. Foto: Gottfried Keller, ZB Zürich

Schützenfest 1907: Gottfried Keller dagegen feierte 1861 mit seiner Erzählung «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» den neuen Staat nicht mit Pathos, sondern mit Ironie. Foto: Gottfried Keller, ZB Zürich

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Schriftsteller brauchen Schufte. Ein Schuft, der am Schluss seinen Denkzettel kriegt, ist eines der bewährtesten Mittel, um die Leserinnen und Leser bei der Stange zu halten. Es verschafft ihnen die Befriedigung, dass jeder Übeltäter eines Tages den verdienten Richter findet. Obwohl sich diese Vorstellung nicht mit der tatsächlichen Beschaffenheit unserer Welt deckt, gehört sie doch seit Jahrhunderten zu dem weitläufigen Erzählspiel, das wir Literatur nennen.

In der populären Literatur ist der Schuft eine Gegebenheit, die keiner weiteren Begründung bedarf. Je komplexer indessen ein Erzählwerk wird, umso dringender erscheint die Herleitung der Niedertracht. Wie konnte diese entstehen? Ist der Täter selbst ein Opfer? Wurzelt das Böse immer schon in der menschlichen Natur? Kann der schlechte Charakter sozial bedingt sein? Sobald von einem Schuft erzählt wird, ist also eine Analyse gefragt. Ob und wie sie vom Werk geliefert wird, ist eine Frage der erzählerischen Strategie.

Gottfried Keller hat sich mit dem Schuft als Problem befasst, lange bevor er überhaupt ein Exemplar dieser Menschensorte in einer Erzählung auftreten liess. In seiner ersten Lyriksammlung von 1846 steht ein Gedicht mit dem Titel «Lied vom Schuft», das nicht auf einen konkreten Fall zielt, sondern auf den Schuft an sich, als öffentliches Ereignis. Schon die erste Strophe hat einen rätselhaften Einschlag:

Ein armer Teufel ist der Schuft!

Er weiss, es kennt ihn jedes Kind;

Er wandelt wie ein Träumender,

Wo unverdorbne Menschen sind.

Der Ausdruck «wie ein Träumender» ist irritierend. Ist so einer nicht von Natur aus ungefährlich? Und doch muss er der Gegensatz zu den «unverdorbnen Menschen» sein, also ein Verdorbener. Deutlich wird nur, dass da eine scharfe Grenze gezogen wird zwischen dem einzelnen Schuft und der Mehrheit der Menschen. Die zweite Strophe wird darin noch deutlicher:

Ein dummer Teufel ist der Schuft,

Weil er doch der Geprellte ist,

Wenn ihn ein rein, einfältig Herz

Mit grossen, klaren Augen misst.

Daraus könnte man schliessen, dass die Überzahl der guten Menschen jeden Schuft rasch neutralisiert. Er wird jaexplizit «der Geprellte» genannt. Allerdings betonen die anschliessenden Strophen auch, dass er überall vorkommt.

Bald sitzt er auf dem Königsthron

Und heisst «Von Gottes Gnaden» Schuft.

Bald steckt er und vermodert er

In eines Bettlers Hundegruft.

Hinter diesem Ganzen steckt ein unausgesprochenes Dilemma. Obwohl Keller den Schuft überall findet, will er ihn unbedingt zu einer Nebensache erklären und inszeniert hierfür einen Optimismus, zu dem ihm die zwingenden Argumente fehlen. Das Gedicht endet so:

Lasst pfeifen sie und nagen nur,

Die Ratten im dunkeln Erdenhaus:

So Gott will, kommt ein Sonnentag,

Wo auch die Schufte sterben aus!

Wie gewinnt er eine solche Zuversicht? Gottfried Keller, der Mann, der selber so wütend werden konnte, dass er plötzlich dreinschlug mit seiner kleinen Faust, ist er im Grunde blauäugig und weltfremd? Was steht hinter seiner Utopie vom Aussterben aller Schufte?

Es ist ein unerhörtes politisches Triumphgefühl. Die alte Schweiz war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein System der Vögte und Vogteien gewesen. Die Städte regierten über die Landschaft mittels Vögten, die überall auf festen Schlössern sassen und Gericht hielten und Steuern einzogen, und innerhalb der Städte selbst regierten die Patrizier. In diesem Machtsystem kam es immer wieder zu skandalösen Gerichtsurteilen: In Zürich wurde der Pfarrer Waser, der erste europäische Statistiker, aus fadenscheinigen Gründen hingerichtet, in Bern der Regierungskritiker Samuel Henzi, in der Waadt der Major Davel.

Das waren europaweit diskutierte Skandale, und Napoleon rechtfertigte mit ihnen 1798 die Besetzung der Schweiz durch französische Truppen: Es sei seine Pflicht, die Herrschaft der Oligarchen in den Kantonen der Schweiz zu beseitigen. Napoleons späterer Sturz brachte viele der alten Herrschaftsformen sogleich wieder an die Macht.

Souveräne Leichtigkeit: Gottfried Keller (1819–1890). Foto: Keystone

1830 aber, als von Paris aus eine Revolutionswelle über ganz Europa schwappte, waren es Teile der Schweiz, die diese Chance am energischsten packten – allen voran Zürich. Die unterdrückte Landschaft erhob sich gegen die Herrschaft der Stadt, entmachtete die regierenden Klüngel und setzte eine neue, konsequent liberale Verfassung durch. Jetzt gab es die Gewaltenteilung, frei gewählte Parlamente, Pressefreiheit, Handels- und Gewerbefreiheit, Versammlungs- und Vereinsfreiheit. Dazu trat die Reform des Schulsystems und als Krönung die Gründung der Universität – mit lauter deutschen Professoren, die aus politischen Gründen in die Schweiz geflohen waren.

In diesen Jahren wurde Zürich zum europäischen Vorbild eines demokratischen Staatswesens. Wohl gab es später Putsche dagegen und gegen die Putsche wieder Gegenputsche, aber dieser Sieg des politischen Liberalismus in den alten Vororten der Eidgenossenschaft, in Zürich, Bern und Luzern, begleitet von Umstürzen auch in vielen anderen Kantonen, schuf den Willen und die Kraft zu einer neuen Verfassung der ganzen Schweiz, die 1848 tatsächlich gelang.

Dies alles muss man wissen, um zu verstehen, warum der junge Gottfried Keller die Schufte als lauter Einzelgänger sah, als isolierte Tunichtgute, die dem Ganzen nicht schaden können. Dieses Ganze war für ihn der geglückte neue Staat, zunächst verwirklicht im neuen Kanton Zürich von 1831, dann in der neuen Eidgenossenschaft von 1848. Auch der gescheiterte Maler und brotlose Dichter Gottfried Keller konnte in diesem vitalen Ganzen noch eine Nische finden, die ihm ein Stück Boden unter die Füsse und ein Gefühl der Nützlichkeit gab. Mit diesem Staat war eine politische Utopie zur handfesten Wirklichkeit geworden. Und wenn das möglich war, warum sollte nicht auch die Utopie vom Aussterben aller Schufte eines Tages Wirklichkeit werden?

Weg ist der Schuft

Eine Folge dieses Grundvertrauens in die erreichte Ordnung der Schweiz ist die Leichtigkeit, mit welcher der Erzähler Keller die Schufte losbringt. So etwa den Viggi Störteler in den «Missbrauchten Liebesbriefen». In seinem Wahn, ein grosser Schriftsteller zu sein, misshandelt und verstösst er seine liebenswürdige Frau, gerät dafür aber in die Hände eines ganz üblen Stücks Weiblichkeit namens Kätter. Von Viggi, dem Schuft, und seiner Kätter heisst es im Schlusssatz nur: «Viktor Störteler aber und seine Kätter waren samt jenen Liebesbriefen längst vergessen und verschollen.» Das reicht. Weg ist weg, und das solide Ganze bleibt intakt.

Ebenso knapp wird in einer der «Sieben Legenden» ein böser Ehemann, Ritter Gebizo, der seine Gattin dem leibhaftigen Teufel verkauft, aus der Geschichte abserviert: «Gebizo indessen, nachdem er sein liebliches Weib verlassen, war in der beginnenden Nacht irr geritten und Ross und Mann in eine Kluft gestürzt, wo er den Kopf an einem Stein zerschellte, so dass er stracks aus dem Leben schwand.» Man könnte denken, das sei eine etwas billige Erfindung für einen grossen Erzähler, aber gerade darum gehts. Der Schuft soll rasch und definitiv weg aus der Gemeinschaft der Ehrlichen.

Überraschende Keller-Einsichten: Peter von Matt. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Eine etwas einfallsreichere Variante der Schuftentsorgung bietet «Die arme Baronin» aus dem «Sinngedicht». Da haben zwei Brüder mit einem Kumpan zusammen ihre Schwester um deren ganzes Vermögen betrogen. Sie werden dafür öffentlich blossgestellt und für eine Nacht eingesperrt. Bald darauf wird uns mitgeteilt: «Drei Tage nachher reiseten sie schon in Begleitung eines Polizeiagenten, der Geld und Pässe auf sich trug, nach dem Seehafen. Der Agent verliess sie erst in dem Augenblick, als das Schiff die Anker lichtete.»

Eine der schlimmsten Figuren schliesslich in Kellers Schufte-Parade ist das Ölweib in der letzten Seldwyler-Novelle «Das verlorene Lachen». Diese Frau beherrscht die Kunst, jeden anständigen Bürger durch Verleumdung in die Katastrophe zu treiben. Vom Helden der Erzählung wird sie dafür einmal fast erwürgt. Weiter passiert ihr nichts; da sie als Schuftin ersten Ranges aber nicht weiter in Kellers erzählter Welt bleiben kann, fügt dieser am Ende den schlichten Satz ein: «Das Ölweib war fortgezogen, da es die vollkommene Unschuld und Güte nicht vertrug.»

Triumph der neuen Schweiz

Im Überblick wird deutlich, dass es diesem Autor weit weniger um die Bestrafung der Schurken geht als um den Prozess der Selbstauflösung des Bösen. Getragen vom Triumphgefühl der zwei geglückten Revolutionen, der kantonalen von 1830 und der nationalen von 1848, glaubt er an die Fähigkeit der Menschen, ihre Welt ohne Fürsten und Oligarchen mustergültig einzurichten. Er hat es ja erlebt.

Das prächtigste Zeugnis dieses Triumphgefühls ist aber die Erzählung «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» von 1861. Sie feiert die neue Schweiz nicht mit Pathos, sondern mit Ironie. Das ist die schwierigste, aber auch die einzige gerechte Weise. Mit Pathos kann sich jeder Staat feiern, und die Monarchien und die Diktaturen treiben es darin bekanntlich am Buntesten. Mit der Wirklichkeit einer Demokratie aber muss das heroische Pathos früher oder später kollidieren. Denn die Demokratie lebt nicht vom Heldentum ihrer Politiker, sondern vom Kompromiss, vom Zurückstecken, vom mühsamen Aushandeln und auch von schlauen Gegengeschäften. Das ist nicht heroisch, aber vernünftig. In der Demokratie dürfen die politischen Akteure daher auch ihre komische Seite haben, ohne dass sie den Respekt des Volkes verlieren.

Das wird in Kellers Geschichte von den sieben Aufrechten unvergleichlich vorgeführt. Sie spielt am ersten nationalen Schützenfest nach der Einführung der neuen Verfassung. Alles ist gelungen, und das Vaterland scheint endgültig in Ordnung zu sein. Diese Erzählung, in der die Demokratie als das menschenwürdigste Ziel aller Politik erscheint und die zugleich eine handfeste Komödie ist, darf als das gültige Denkmal des neuen Bundesstaates gelten.

Der junge Gottfried Keller sah die Schufte als Einzelgänger, die dem Ganzen nicht schaden können.

Wenig später hat man zwar angefangen, im ganzen Land Schlachtendenkmäler zu errichten, den Heldentod aus Urväterzeiten in Stein zu hauen und so zu tun, als ob diese Spektakel auch die Basis der modernen Schweiz gewesen wären. Die pathetischen Monumente beweisen aber nur, dass niemand wusste, wie man die Doppelrevolution von 1830 und 1848, das Fundament des neuen Staates, in Granit oder Marmor hätte darstellen können. Denn eine Erzählung als Denkmal, das konnte man sich nicht vorstellen. Dabei hat schon der alte Römer Horaz festgestellt, dass ein literarisches Werk dauerhafter sein kann als ein Denkmal aus Erz – monumentum aere perennius.

Wer diese Novelle genau liest, wird entdecken, dass Keller in dem kurzweiligen Geschehen einige seiner kühnsten und auch unheimlichsten politischen Aussagen versteckt hat. Er legt sie den alten Männern in den Mund, über die er uns ja sonst mehrfach zum Lachen bringt. Diese Verbindung von Heroismuskritik und unheimlicher politischer Hellsicht macht den Rang der Novelle aus, macht sie im vollen Wortsinn zum Denkmal. Dennoch betrachtet man das glänzende Werk weithin als eine gutmütige Schullektüre und quält damit die jungen Leute, die es noch gar nicht begreifen können.

Eines Tages kehrten die Schufte zurück. Auch in die Politik. Und der raffinierte kleine Mythos, den Gottfried Keller mit dem «Lied vom Schuft» geschaffen hatte, wurde zunehmend zweifelhaft. Denn statt sich beschämt zu verkriechen, wie jenes Gedicht meinte, traten jetzt die Schufte immer selbstbewusster auf. Und wenn man einmal studiert hat, mit welch leichter Hand dieser Erzähler die schlimmsten Schurken lange Zeit zu entsorgen wusste, ist es wahrhaftig unheimlich zu sehen, wie in seinem letzten Werk, dem Roman «Martin Salander», einer der übelsten Gauner, die er je geschaffen hat, einfach nicht vertrieben werden kann. Zwar verschwindet er nach einer bösen Tat jeweils für einige Zeit, kehrt dann aber ohne jede Scham zurück und fädelt den nächsten Betrug ein.

Er heisst Louis Wohlwend. Zweimal prellt er den Unternehmer Salander um sein Vermögen, und für das dritte Mal ist das Tellereisen bereits geöffnet, als Salanders Sohn im letzten Moment den Vater vom gefährlichen Schritt abhält.

Die Demokratie lebt nicht vom Heldentum ihrer Politiker, sondern vom Kompromiss.

Und während Keller seine Schufte lange Zeit in ein ironisches Licht rücken konnte – «Ein dummer Teufel ist der Schuft …» –, ist jetzt von solcher Unbekümmertheit keine Rede mehr. Denn die Republik selbst, der Garant von Recht und Ordnung, droht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Unter den höheren Beamten greift die Korruption um sich, in einem Masse, welches man nie für möglich gehalten hätte. Eine lächelnde Beseitigung dieser Übeltäter kann es jetzt nicht mehr geben.

Deshalb kommt es in diesem Roman zu einer gewaltigen Verfluchung des Schuftes Wohlwend. Es geschieht dies durch Salanders Frau, Marie Salander, eine der ergreifendsten Gestalten Gottfried Kellers. Noch in der grössten Not bewahrt sie ihre gelassene Weisheit und Güte. Aber als sie erfährt, dass dieser Wohlwend ihren Mann und die ganze Familie zum zweiten Mal um die Arbeit langer Jahre betrogen hat, lodert sie auf in einem archaischen Zorn. Und sie kann sagen, was sie fühlt, Wort für Wort, Bild für Bild, wie eine Prophetin – so:

«Unsere letzte Jugendzeit hat er vernichtet, der Hund! Wo ist er hin damit, der Blutegel? Kann man ihm kein Salz auf den Rücken streuen? Kann man ihn nicht zusammenpressen, den Schwamm, der alles aufsaugt? Dieser verfluchte Landschaden! Wart Mann! Wenn du ihn nicht bändigen kannst, so will ich den Sohn für ihn erziehen, dass er ihm einst den Lohn gibt! Jetzt weiss ich auch, warum mich immer eine Art Ahnung beschlich, wenn ich den Marder sah mit seinem glatten Balg. Ist es möglich, dass ich soeben noch glücklich und gesund war wie eine Lerche, und jetzt so elend, so krank, ja so krank!»

Marie Salander bietet in dieser Verfluchung nicht nur Tiere auf, um den Feind zu benennen, sie nennt den Betrüger mit einem alten Wort einen «verfluchten Landschaden». Damit ist nicht eine beschädigte Wiese gemeint, sondern das ganze Land, die Schweiz. Wohlwend verunstaltet dieses Land, und man kann ihn nicht verjagen. Das gab es bisher nicht. Hier wird ein Unheil sichtbar wie der Typhus oder die Cholera. Die Präsenz dieses Menschen markiert also eine historische Schwelle, mit der sich eine unberechenbare Zukunft auftut.

Die Macht der Kollektive

Deshalb muss die Bezeichnung Wohlwends als «Landschaden» zusammen gesehen werden mit dem Schluss der Verfluchung, als Marie erklärt, sie sei eben noch «glücklich und gesund wie eine Lerche» gewesen, jetzt aber plötzlich «so elend, so krank, ja so krank!». Die Infektion des Landes ist auf ihren lebendigen Körper übergesprungen.

Der späte Roman «Martin Salander» und die letzte der Seldwyler Novellen, «Das verlorene Lachen», sind die zwei Werke, in denen die Freude über die Doppelrevolution und den neuen Staat in düstere Zweifel und eine zunehmende Angst vor der Weltgeschichte übergeht. Beiden Werken wirft man gerne vor, sie seien weniger gut geraten als die früheren. Vor allem «Martin Salander» sei eine Enttäuschung. Andererseits kommt ein brillanter Kopf wie Walter Benjamin noch und noch auf diesen Roman zu sprechen.

Die Frage ist also nicht: Hat Keller plötzlich Schwierigkeiten mit seiner Kunst? Sondern: Was nimmt ihm die souveräne Leichtigkeit, mit der er sonst den Ausgang seiner Werke inszenierte?

Die späten Werke Kellers zeugen von seiner Angst vor einem Scheitern des Staates.

Ein Faktor fällt hier vor allem ins Gewicht. Keller sieht sich in der Politik zunehmend grösseren Kollektiven gegenüber, die aktiv werden und Änderungen fordern. So tauchen bei ihm nun Formulierungen auf, die es bisher nicht gegeben hat. Er spricht etwa von der «unterirdischen Schicht der Niedertracht, die in keinem Lande fehlt» und die «ans Licht» emporsteigen kann, um «die verhasste Ehrbarkeit ausplündern zu helfen». Und er schildert mit Abscheu eine «dämonisch seltsame Bewegung», welche ihre politischen Gegner zunächst nur verspottet, aber dann: «verwandelte sich der lustige Spott in grimmige Verleumdung, welche umherraste, die Häuser ihrer Opfer bezeichnete und das persönliche Leben auf das Strassenpflaster hinausschleifte».

Einen ähnlichen Vorgang schildert das Gedicht «Die öffentlichen Verleumder» von 1878, ein visionärer Text über die Verführung eines ganzen Volkes durch einen einzelnen Lügner, der sich zum Propheten macht und bald Scharen von Anhängern um sich versammelt:

Einst log allein der Hund,

Nun lügen ihrer tausend.

In allen diesen Vorgängen manifestiert sich die Angst des alternden Dichters vor einem Scheitern des Staates. Auch die Revision der Verfassung des Kantons Zürich von 1869 hat er mit Skepsis verfolgt, obwohl sie soziale Reformen wollte und die direkte Demokratie massiv verstärkte. Er fürchtete, jede Generation wolle von nun an den Staat wieder umkrempeln. Und von den geschichtsphilosophischen Spekulationen, was das Ziel der Weltgeschichte sei, wollte er erst recht nichts wissen. Weil es in Deutschland nicht möglich war, die Monarchien in Demokratien zu verwandeln, entwickelten die deutschen Philosophen ihre Riesentheorien von einem gesetzmässigen Gang der Menschheit durch die Jahrhunderte bis hin zur endgültigen Einrichtung einer idealen Ordnung für alle. Hegel und Marx beschrieben und prophezeiten dies je auf ihre Weise.

Die Schweiz war allerdings nie ein guter Boden für die spekulative Philosophie. Man hatte mit der eigenen Politik zu viel zu tun, als dass man darüber auch noch hätte philosophieren können. So kam es zur erfolgreichen Doppelrevolution, wobei man die neue Verfassung eben nicht vom Weltgeist bezog, sondern kurzerhand bei den US-Amerikanern abkupferte.

Gottfried Keller erkannte früh die Gefahren eines Auseinanderdriftens von Armut und Reichtum im Land, und er wusste auch um die kommunistischen Bewegungen. Das zeigt eine Bemerkung im «Salander», wo er vom «Andrange der sozialen Umwälzung» spricht. Aber die kollektiven Aktivitäten bewirkten bei ihm kein Abrücken von der Überzeugung, dass das Fortbestehen der Schweiz und ihrer staatlichen Ordnung vom vernünftigen Einzelnen abhänge und von seiner Kooperation mit seinesgleichen. So will es nun einmal seine politische Religion.

Der engagierte Bürger

Unmittelbar anschaulich wird dieser Glaube in Marie Salanders Verfluchung des Schuftes Wohlwend. Gegen diesen Landschaden beschwört sie keine politischen Organisationen, nicht einmal die Polizei, sondern ruft ihrem Mann zu: «Wenn du ihn nicht bändigen kannst, so will ich den Sohn für ihn erziehen, dass er ihm einst den Lohn gibt!»

Es ist für sie – und auch für den Autor – ganz selbstverständlich, dass ein Einzelner, ein Wohlgeratener, bei der Therapie des kranken Landes den Anfang machen muss. So heisst es ja auch schon auf der zweiten Seite des «Fähnleins der sieben Aufrechten»: «Keine Regierung und keine Bataillone vermögen Recht und Freiheit zu schützen, wo der Bürger nicht imstande ist, selber vor die Haustür zu treten und nachzusehen, was es gibt!»

Und in Kellers Werk steht hinter diesem Bürger, der vor die Haustür tritt, sehr oft eine Frau, die ihm dazu den Marsch bläst. Das wirkt heute als eine sehr altväterische Vorstellung von den Aufgaben der Frau in der Demokratie. Aber man soll die Weltgeschichte nicht im Rückblick erziehen wollen. Und schliesslich gehört ja dieser Vorgang schon zur Gründungslegende der Schweiz, wie sie um 1470 in das Weisse Buch von Sarnen geschrieben wurde. Die ganze Befreiungsgeschichte mitsamt dem Tell und der hohlen Gasse geht dort auf eine Frau zurück, die ihren Mann zuerst zwingt, ihr seine Sorgen zu nennen, und ihn dann dazu drängt, mit anderen Männern zusammen den politischen Aufstand zu planen.

Salanders Sohn Arnold, in dem die Mutter ihre Rettung sieht und die Rettung des ganzen Landes, gilt Keller-Lesern als langweiliger Tugendbold. Wichtiger aber ist, dass Keller mit ihm den Typus des politischen Menschen skizziert, der sich als Einzelwesen in Rechts- und Staatsdingen kundig macht und in die öffentlichen Debatten erst dann eintritt, wenn es um eine Sache geht, die er gründlich versteht. Er ist ein Modell für Kellers Liberalismus: der Einzelne mit dem Blick für das Ganze. Er verkörpert die entschlossene Vernunft. So sollte man ihn gelten lassen.

Erstellt: 24.05.2019, 17:53 Uhr

Peter von Matt

Der 1937 geborene Germanist lehrte
von 1976 bis 2002 Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich.

Den Vortrag «Kellers Schufte» hielt er gestern Freitag im Rahmen des Internationalen Gottfried-Keller-Kongresses in der
Aula Rämibühl in Zürich. (red)

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