Zum Hauptinhalt springen

Von Zahlen verblendet

Jonas Lüschers brillante Poetik-Vorlesung «Ins Erzählen flüchten» ist auch eine kluge Gesellschaftsanalyse.

Jonas Lüscher wurde vom Philosophen zum Schriftsteller.
Jonas Lüscher wurde vom Philosophen zum Schriftsteller.
Keystone

Poetik-Vorlesung: nicht gerade das Genre, nach dem sich die meisten Leser die Finger lecken. Darüber reden, wie man schreibt? Dann doch lieber gleich zum Geschriebenen greifen! Hier ist es anders. Denn Jonas Lüscher erzählt nicht nur, warum er seine Dissertation abbrach, vom Philosophen zum Schriftsteller wurde. Er erklärt, wie das Thema der Arbeit – dass wir erzählend vielen komplexen Phänomenen besser gerecht werden als zählend, messend, analysierend – bei ihm geblieben ist, eine Art Lebensthema, und wie es auch seine belletristischen Bücher prägt. Und als Instrument der Gesellschaftsanalyse taugt es auch.

Unsere Gegenwart leide unter «quantitativer Verblendung», sagt Lüscher in der dreiteiligen St. Galler Vorlesung (Frühjahr 2019), die jetzt als Büchlein erschienen ist. Im Kapitalismus hat nur das Wert, was messbar, zählbar, bepreisbar ist. Rationalisierung und Ökonomisierung erfassen längst nicht mehr nur Produkte, sondern auch Bildung und Wissenschaft, sogar Liebe und Glück. Dass auch im Journalismus Qualitäten durch Quantitäten ersetzt werden, ist Lüscher nicht verborgen geblieben. Und «wenn sich Relevantes nicht messen lässt, erklären wir das Messbare für relevant».

Der Zahlenwahn hat einen weiten kulturgeschichtlichen Hintergrund, den Lüscher bis zu Homer und Parmenides, Platon und Aristoteles ausleuchtet und über den Nominalismusstreit, Aufklärung und Romantik wieder in die Gegenwart heranholt. Immer geht es um den Gegensatz von Allgemeinem und Besonderem, Abstraktion und Einzelfall, System und Chaos, Logik und Erfahrung, Wissenschaft und Literatur.

Storytelling oder die falschen Erzählungen

Diese Gegensatzpaare bringt er – wozu ist er ein begnadeter Erzähler! – zum Fliessen und zum Tanzen. Statt starrer Oppositionen präsentiert er uns Dialektik und Paradoxien. Denn unsere zahlenverblendete Gegenwart propagiert zugleich das «Storytelling», überschwemmt uns mit Erzählungen aller Art.

Den falschen, meint Lüscher. Solchen, die Erwartungen erfüllen, Ressentiments bedienen oder uns etwas verkaufen wollen. Die um Aufmerksamkeit gieren und einander überschreien. Werbung, Propaganda, Boulevard. Oder der Drehbuch-Schrott, den er in einer vergangenen Phase seiner Biografie lesen und bearbeiten musste. Auch der Mythos vom «Greatest Country» ist eine Erzählung, die aber den Tatsachen – hohe Armuts- und Verbrechensrate, extreme Ungleichheit, marode Infrastruktur, dysfunktionales Gesundheitssystem – nicht standhält. Dennoch zieht er die narrative Weltbetrachtung der quantitativen vor. Erzählen: ja, aber mit Skepsis, Distanz und Raffinesse, wie Lüscher mit Blick auf seine Novelle und den Roman «Kraft» ausführt. Und nicht zuletzt ist diese Poetik-Vorlesung bei aller Dichte selbst wunderbar erzählt: eloquent, brillant und elegant.

Jonas Lüscher: Ins Erzählen flüchten. Poetik-Vorlesung. C. H. Beck, München 2020. 111 S., ca. 24 Fr.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch