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Was der Löwenzahn über den Menschen spricht

In Silke Scheuermanns ­Gedichten denkt die Natur über den Menschen nach.

Silke Scheuermann mit der «Skizze vom Grass» am Erlanger Poetenfestival 2014. Foto: Amrei-Marie/Wikipedia
Silke Scheuermann mit der «Skizze vom Grass» am Erlanger Poetenfestival 2014. Foto: Amrei-Marie/Wikipedia

Gedichte sind zarte Gebilde, alles andere als raumgreifend. Aber was für Räume können sie in sich fassen! Bei Silke Scheuermann, einer der profiliertesten deutschen Lyrikerinnen, ist es eine ganze Zivilisationsgeschichte. Und die ist tiefschwarz, gekennzeichnet von Allmachtsanspruch, Hybris und Destruktivität des Menschen. In ihrem neuen Gedichtband «Skizze vom Gras», ihrem vierten, beschwört sie ausgestorbene, ausgerottete Tiere wie den flug­unfähigen Vogel Dodo oder die Wandertaube, die einst zu Milliarden über den amerikanischen Kontinent flog.

Sie wiederzubeleben, ist heute kein Ding der Unmöglichkeit, die Gentechnik ermöglicht eine «zweite Schöpfung». Wozu? Silke Scheuermann malt es sich aus: «Ein Zwergmammut wird / unseren Sohn herumtragen, Sibirische Tiger / unsere Töchter beschützen.» Der Dodo, «niedlich, naiv, mit deinen treudoofen Nestern / am Boden», wird «unter den Ersten sein, die wir machen».

Eine Art Lehrgedicht

Das sind umgekehrte Naturgedichte: Hier werden nicht Flora und Fauna vom Menschen besungen, sondern sie erheben die Stimme und sprechen ihr Urteil über die «invasive Art». Etwa der Löwenzahn, der als Unkraut gilt und den Spiess umdreht: «Dass ihr nach eigenen Regeln lebt, / kann ich nur vermuten. / Wie froh ich bin, keine Gesetze zu kennen, / die so viel Zerstörung bringen, so viel Leid.»

Die Zitate zeigen: Es ist Gedankenlyrik, die nicht auf die Wirkung des Klangs setzt, auf die Magie des Wortkörpers, sondern eher in der Tradition des Lehrgedichts steht. Die Verse nähern sich der Prosa an; nur selten bedient die Autorin eine klassische Form, und dann wirkt es, als schlüpfe sie in ein Kostüm wie ihre Figuren in der Abteilung «Commedia dell’arte». Das Zeitalter der künstlichen Schöpfung verändert aber auch den Menschen: Er vereinsamt, wird liebesunfähig, oberflächlich. Manchmal erscheint das lyrische Ich selbst als «letztes seiner Art»: «Als Einzige nicht auf ­Facebook, / kann ich weder kritisiert noch beschimpft werden.»

Es ist ein starker Band, mit nur wenigen sprachlichen Missgriffen («Macht Sinn» oder «Ich erinnere die Fragen») und etlichen Höhepunkten. Dazu gehört «Floras Lied», das dem zur Passivität verleitenden Paradies den Garten ­gegenüberstellt, den sich der Mensch selbst erarbeiten muss; sowie das Titelgedicht, ein Abgesang, der den Band beschliesst: «Auseinandersetzungen über den Realismus sind / obsolet geworden, weil wir alle Wirklichkeiten / gleich behandeln, / gleich schlecht.»

Silke Scheuermann: Skizze vom Gras. Gedichte. Schöffling & Co., ­Frankfurt 2014. 104 S., ca. 30 Fr.

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