Was ein Verbrechen mit Angehörigen macht

Krimi der Woche: Gefühle statt Action machen Friedrich Anis neuen Roman «Ermordung des Glücks» zu einem Ereignis.

Er packt die Leser mit seinen eindringlichen Beschreibungen von Trauer, Seelenpein und tiefem Unglück: Grosse Kunst, was Krimiautor Friedrich Ani in «Ermordung des Glücks» liefert.

Er packt die Leser mit seinen eindringlichen Beschreibungen von Trauer, Seelenpein und tiefem Unglück: Grosse Kunst, was Krimiautor Friedrich Ani in «Ermordung des Glücks» liefert. Bild: blu-news.org

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Der erste Satz:
«Aus der Spiegelung der Eingangstür schaute ihr eine abblätternde Frau entgegen.»

Das Buch:
Der erste Satz deutet schon darauf hin, dass das Leben der Frau, die da durch die Glastür blickt, zerbröckelt, sich auflöst. Seit 34 Tagen ist Lennard, der elfjährige Sohn von Tanja Grabbe, verschwunden. Und jetzt kommt ein Mann, dem sie den Polizeibeamten ansieht, in ihre Konditorei. Jakob Franck ist pensionierter Kommissar. Wie schon während seiner Dienstzeit überbringt er Hinterbliebenen die Nachricht vom Tod eines Angehörigen. Die Leiche von Lennard ist gefunden worden. Tatablauf, Motiv und Täter kennt man noch nicht. Nach dem Gespräch mit der Mutter und dem Vater des Opfers kniet sich Franck selbst in den Fall. «Vier Todesfälle blieben bei seinem Abschied aus dem Dezernat ungeklärt zurück. Er würde nicht zulassen, dass ein fünftes Verbrechen, in dessen Sog er geraten war – oder in den er sich aus freien Stücken begeben hatte –, in einer Akte bei den kalten Fällen endete.»

Zum zweiten Mal lässt Friedrich Ani in einem Roman Ex-Kommissar Franck auftreten. Der in München lebende Autor hat in den letzten 20 Jahren weit mehr als 30 Bücher veröffentlicht und zählt schon seit den ersten zu den besten Deutschen im Krimigenre. Ani, vielfach preisgekrönt, fesselt seine Leserschaft weder mit atemloser Action noch mit abseitigen Fällen, weder mit waghalsigen Plots noch mit schrägen Sprüchen. Die Fälle, mit denen sich seine Ermittler befassen, sind ganz gewöhnlich, normale Leute bevölkern die Geschichten. Auch in seinem neuen Roman «Ermordung des Glücks». Ruhig, aber gnadenlos intensiv schildert Ani, was so ein Verbrechen mit einer betroffenen Familie macht. Die Mutter zieht sich zurück und treibt in den Wahnsinn. Als der verzweifelte Vater sich einen in Verdacht geratenen Pädophilen vorknöpft, läuft die Sache aus dem Ruder. Der melancholische Franck geht wieder und wieder die Akten durch, um etwas zu finden, das übersehen wurde. Er besucht die Schauplätze, er befragt Zeugen nochmals. Und er hört auf seinen Bauch, auf seine Gefühle. Ani erzählt präzis und unaufgeregt davon. Dabei tun sich ganz beiläufig auch auf Nebenschauplätzen Abgründe auf: Hat der Bruder von Tanja Grabbe tatsächlich vor Jahren seine Freundin umgebracht?

Die Empathie Francks gegenüber den Menschen, mit denen er zu tun hat, ist natürlich Friedrich Anis Feinfühligkeit geschuldet. Der unglaublich fleissige Schreiber braucht nicht irgendwelche Tricks oder billige Cliffhanger, um so etwas wie Spannung aufzubauen. Er packt die Leser mit seinen eindringlichen Beschreibungen von Trauer, Seelenpein und tiefem Unglück. Dabei ist es nicht so, dass er einfach Gefühle gut beschreiben kann. Er versteht es, beim Leser echte Emotionen auszulösen. Das ist grosse Kunst.

Die Wertung:

Der Autor:
Friedrich Ani, geboren 1959 in Kochel am See in Oberbayern, arbeitete als Polizeireporter und Kulturjournalist. 1996 erschien sein erster Roman. Der vielseitige Schreiber, der auch Autor zahlreicher Hörspiele, Bühnenstücke und Drehbücher ist, veröffentlichte bisher gegen 50 Bücher, darunter auch Lyrikbände und Jugendromane. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Seine Serie über den Münchner Ermittler Tabor Süden, der zunächst bei der Polizei war, dann Privatdetektiv wurde, umfasst 20 Romane. Das neue Buch «Ermordung des Glücks» ist nach «Der namenlose Tag» (2015) der zweite Roman mit dem pensionierten Kommissar Jakob Franck. Romane von Ani wurden laut Wikipedia ins Französische, Spanische, Niederländische, Dänische, Koreanische, Chinesische und Polnische übersetzt. Friedrich Ani lebt in München.

Friedrich Ani: «Ermordung des Glücks». Suhrkamp, Berlin, 2017. 317 S., ca. 29 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.09.2017, 11:44 Uhr

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