Zum Hauptinhalt springen

Was sich zwei Lieblingsfeinde so schreiben

Der Schriftsteller Michel Houellebecq und der Philosoph Bernard-Henri Lévy bringen ihren Briefwechsel über Gott und die Welt als Buch heraus.

Der Anfang ist gekünstelt. Er kommt aus Brüssel, aufgesetzt am 26. Januar 2008. «Lieber Bernard-Henri Lévy», schreibt Michel Houellebecq, «wir sind zwar ganz unterschiedliche Typen, aber eines haben wir gemeinsam: wir sind zwei recht verachtungswürdige Individuen.» Lévy mit seinen «effekthascherischen Auftritten», «von Kindheit an in obszönem Reichtum badend», ein «gedankenarmer Philosoph mit guten Beziehungen und im Übrigen Autor des albernsten Films der Filmgeschichte». Er, Houellebecq, ein «Nihilist, Reaktionär, Zyniker, Rassist und unerträglicher Weiberfeind», im Grunde ein «Spiesser», der aus unerklärlichen Umständen zu Ruhm gekommen sei. Zusammen seien sie «das perfekte Symbol der schrecklichen Erschlaffung der französischen Kultur und Intelligenz» – «das ist der Boden, auf dem unsere Debatte spielt».

Das ganze Unternehmen ist ein Kunstwerk, das es in sich hat. Sechs Monate lang haben Houellebecq und Lévy, zwei der prominentesten und aufreizendsten Figuren des zeitgenössischen Geisteslebens, in aller Stille miteinander korrespondiert – ein Briefwechsel, fast wie in alten Zeiten, Wortmeldungen in Kapitellänge aus Brüssel, Paris, Shannon, New York. Ausgetauscht vielleicht per E-Mail, aber das bleibt offen. Pünktlich zum französischen Bücherherbst abgeschlossen und 336 Seiten lang, kommt das Ergebnis am 9. Oktober in den Handel. Im verschwatzten Pariser Verlags-Mikrokosmos, wo jeder immer alles weiss oder sich zumindest darüber auslässt, hörte man zwar schon seit ein paar Wochen, dass die Chefin von Flammarion, Teresa Cremisi, irgendein tolles Ding mit ihrem neuen Hausautor Houellebecq in petto hatte. Aber was?

Zwei, die am Erfolg leiden

Vor zehn Tagen liess Cremisi ein paar Appetithappen unters Kulturvolk streuen: Der depressive Erfolgsschriftsteller habe sich nicht mit seinem Popkollegen Frédéric Beigbeder oder der Folksängerin Carla Bruni ausgetauscht, wie die männlichen und weiblichen Klatschliesen der Branche gemunkelt hatten, sondern mit dem «engagierten Intellektuellen» par excellence. Der immerjugendliche Bernard-Henri Lévy (kurz BHL) habe sich Diskretion auserbeten. Druckfahnen oder Vorausexemplare gab es nicht, dafür eine interessante Information über die Hoffnungen, die Flammarion und Grasset, Lévys Hausverlag, mit ihrem Gemeinschaftsunternehmen verknüpfen – die Startauflage für «Ennemis publics», sinngemäss übersetzt: «Öffentliche Ärgernisse», beträgt sensationelle 150 000 Stück.

Seit Donnerstag können die Rezensenten sich ihr Exemplar beim Verlag abholen. Wer zu faul ist, mag sich mit den Auszügen begnügen, die der «Nouvel Observateur» veröffentlichen darf – eine Perversion für Insider, denn Houellebecq kann den Literaturchef dieses Wochenmagazins noch weniger leiden als die meisten anderen Literaturkritiker. Immer wieder kommen Houellebecq und BHL auf die Fachjournaille, die sie mit wenigen Ausnahmen von Herzen verachten, und auf die anderen Journalisten, die ihnen irgendwie gefallen haben.

Über weite Strecken ist das Buch ein Austausch über die moderne Öffentlichkeit und das Licht, das sie beide anfangs – aus ganz unterschiedlichen Gründen – gesucht haben und dem sie heute kaum noch entkommen können. «Meine Bekanntheit ist für mich und für andere unangenehm», schreibt Houellebecq in einem nostalgischen Rückblick auf seine Zeiten als Dichter, den kaum jemand kannte. Auf das Romaneschreiben habe er sich bloss aus der Hoffnung verlegt, dem Zwang zur Brotarbeit in einem Büro zu entkommen. Die Rechnung sei 1999, mit dem Erscheinen von «Elementarteilchen», aufgegangen. Den Preis – der eine Steuerflucht nach Irland einschliesst – finde er aber ziemlich unerträglich.

Mehr als 20 000 Seiten in petto

Anfangs sind die Briefe kurz und etwas gestelzt. Lévys erste Antwort erwähnt das gemeinsame Abendessen, bei dem der Langzeit-Dialog beschlossen wurde, und sie setzt das erste Thema: Woher kommt dieser Hass auf Schriftsteller? Eine Frage, die wohl nicht jeder Autor auf sich beziehen kann. Houellebecq reagiert mit einer radikalen Selbstbetrachtung über sein Alter und seine widersprüchlichen Wünsche, geliebt zu werden und zu missfallen. Nebenbei offenbart er die alarmierte Eitelkeit seines Briefpartners, der regelmässig seinen eigenen Namen googelt. Das sei bloss eine Vorsichtsmassnahme, antwortet Bernard-Henri Lévy, um «den Gegner» einschätzen zu können, er habe ein «gepanzertes, garantiert feuerabweisendes Ego».

Anfang Februar schlägt Houellebecq vor, sie sollten jetzt das Genre wechseln und ein wenig «Geständnisliteratur» erzeugen. Nach kurzem Hin und Her findet Lévy den Ton, um seinen Vater zu porträtieren, der als armes jüdisches Kind in einem algerischen Städtchen aufgewachsen und nach einer berauschten Flucht in Frankreich als Holzhändler reich geworden ist. BHL ist nämlich ein Mann, der es aus finanziellen Gründen keineswegs nötig hätte, als Kriegsreporter in gottverlassene Weltgegenden zu reisen und hinterher mit offener Hemdbrust im Fernsehen aufzutreten. In späteren Briefen geht er auf sympathische Distanz zu dieser Rolle des aufrüttelnden Zeitzeugen, die er seit dreissig Jahren überzeugend spielt.

Houellebecq, der in kommunistisch-atheistischem Milieu aufgewachsen ist, eröffnet eine überraschende Debatte über die christlichen Wurzeln Frankreichs, über seine Selbstversuche als Katholik und die «unvermeidliche Rückkehr der Religion». Die Überlegungen enden mit einem höhnisch-provozierenden Absatz über die Menschen, «mittelgrosse, überhebliche Säugetiere . . . man müsste hin und wieder den Standpunkt der Bakterien einnehmen». Seinem Briefpartner rät er, doch wieder Romane zu schreiben. Am 30. Juni offenbart BHL, dass er genug Stoff zur Verfügung hätte: mehr als 20 000 Seiten Tagebuch, jeden Abend auf den Anrufbeantworter seiner Sekretärin diktiert. Vierzehn Seiten später ist das Buch zu Ende. Es ist besser als befürchtet.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch