Was tun mit der Villa des Judenhassers?

Louis-Ferdinand Céline gehört zu den grossen Autoren des 20. Jahrhunderts. Als Antisemit war er verfemt. Jetzt steht sein letzter Wohnsitz in Paris leer.

Die Céline-Villa in Meudon. Hier lebte der Autor, hier lebte nach seinem Tod die Witwe, die vor zwei Wochen starb – 107-jährig. Foto: «Paris Match» via Getty Images

Die Céline-Villa in Meudon. Hier lebte der Autor, hier lebte nach seinem Tod die Witwe, die vor zwei Wochen starb – 107-jährig. Foto: «Paris Match» via Getty Images

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Seit bald sechzig Jahren ist er tot und verbreitet doch immer noch sein polemisches Gift. Der virulente Antisemitismus klebt dem Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline, mit seiner «Reise ans Ende der Nacht» einer der einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts, an der Haut. Ausgebreitet hatte er ihn vor allem in seinem Pamphlet «Bagatelles pour un massacre» aus dem Jahr 1937. Das Projekt einer kritischen Neuauflage dieser Schrift im angesehenen Verlag Gallimard stiess vor zwei Jahren auf solche Empörung, dass man es zurückzog. Doch nun gibt es auch noch Streit über die Zukunft von Célines letztem Wohnsitz.

Im hohen Alter von 107 Jahren ist die Witwe des Schriftstellers, Lucette Destouches, vor zwei Wochen verstorben. Das Paar hatte die Villa Maïtou in der Pariser Vorstadt Meudon mit Blick auf Eiffelturm, Montmartre und Seine-Brücken 1951 bezogen, nach der Rückkehr aus dem dänischen Exil, wo Céline wegen seiner Vichy- und Nazi-Sympathien zeitweise im Gefängnis sass.

Berühmt geworden sind dann die Fotos vom griesgrämigen Clochard-Literaten mit seinen Hunden auf dem Gartenperron vor seiner Villa. Er habe nicht mehr schlafen können und von der Welt abgeschieden bis zu seinem Tod 1961 nur noch geschrieben, erzählte Lucette Destouches später in Interviews. Seine letzten Werke «Von einem Schloss zum anderen», «Nord/Norden», «Rigodon» sind dort entstanden.

Genialer Autor und glühender Antisemit: Louis-Ferdinand Céline im Jahr 1960. Foto: «Paris Match» via Getty Images

Nach seinem Tod wachte die Witwe über das Werk ihres Gatten und verteidigte diesen gegen die Kritik – so gut es ging. Trotz der Autorenrechte seiner aus der modernen Literatur kaum mehr wegzudenkenden Bücher ging ihr mit der Zeit aber das Geld aus. Vor gut einem Jahr musste sie die Villa gegen eine Leibrente mit Bleiberecht verkaufen. Was nun nach Lucettes Tod mit dem Haus geschehen soll, scheidet die Geister.

Der ehemalige Kulturminister Jack Lang hatte das Haus schon 1992 unter Denkmalschutz stellen wollen, kam damit aber nicht durch. Er plädiert nun aufs Neue dafür. Andere wie der Fernsehjournalist und Denkmal-Sonderbeauftragte Macrons, Stéphane Bern, befürchten hingegen, dass der Ort zum Anziehungspunkt für Antisemiten und Neonazis werden könnte. Der Schriftsteller liegt unweit davon auf dem Friedhof von Meudon begraben.

Hier kann man Leben und Werk klar trennen

Das allgemeine Publikumsinteresse für restaurierte Schriftstellerhäuser kommt in diesem Fall nicht recht zum Tragen. Auch das Kulturministerium signalisiert keine Bereitschaft, das Haus zu übernehmen. Die Anregung, aus der Villa eine Schriftstellerresidenz zu machen, wie etwa David Alliot von der Gesellschaft für Céline-Studien sie vorbrachte, vermag kaum zu überzeugen. Welcher Autor möchte heute sein Buchprojekt im Schatten jenes politisch umstrittenen Schriftstellers ausführen? Die vorherrschende Meinung tendiert eher dahin, dass hier ein klassischer Fall vorliegt, wo Werk und Autor bedenkenlos getrennt werden können.

Célines grosse Bücher von «Reise ans Ende der Nacht» und «Tod auf Kredit» bis zum posthum veröffentlichten «Rigodon» sprechen für sich. Sie brauchen keine Aura aus inszenierten Erbstücken und Räumen. Dies zumal, als der neue Besitzer der Villa, ein Nachbar, sich ihrer Bedeutung für die Literatur offenbar bewusst ist und, wie man hört, nicht vorhat, das Gebäude in der schicken Wohngegend vollkommen zu entstellen.

Erstellt: 21.11.2019, 16:15 Uhr

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