Was von uns übrig bleibt

Susanne Mayer hat das Haus ihrer Eltern ausgeräumt. Ihre Inventur der angehäuften Dinge führt sie zu grundsätzlichen Fragen, was unser Verhältnis zu Besitz angeht.

Der Weg vieler Dinge, die uns ein Leben lang begleitet haben, endet oft im Brockenhaus oder auf dem Trödelmarkt. Foto: Getty Images

Der Weg vieler Dinge, die uns ein Leben lang begleitet haben, endet oft im Brockenhaus oder auf dem Trödelmarkt. Foto: Getty Images

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Eine Frau räumt ihr Elternhaus aus, einen ganzen Sommer lang. Die Mutter ist im Pflegeheim, der Vater viele Jahre tot. Zurück bleibt ein Haus, gefüllt mit Dingen: Kleider und Schuhe, Bücher und Fotoalben, Akten und Notizbücher, Möbel und Geschirr. Alltags- und Feiertagsgeschirr. Das mit dem Goldrand, das davon zu unterscheidende «echte Goldrand», das Meissen. Von allem viel – zu viel. Es füllt Schränke und Regale, lagert in Vitrinen, Truhen und Kisten.

Die Frau – es ist die «Zeit»-Journalistin Susanne Mayer –sichtet die Dinge, nimmt sie in die Hand, eins nach dem anderen, versucht sie zu sondern in «Kann weg» und «Unbedingt behalten». Sie verliert sich in ihnen. Entdeckt manches, von dem sie und ihre Schwester nicht gewusst haben, dass es da war. Entdeckt neue Seiten an ihren ­Eltern. Entdeckt, wie wenig sie diese wirklich gekannt hat. Reflektiert über das, was war, ist, bleibt oder verschwindet. Und versteht besser, «dass man bald gehen und auch viele Dinge zurücklassen wird, die dann andere prüfend hochhalten».

Eine Situation, typisch für ihre Generation, die der Fünfzig-, Sechzigjährigen; aber auch für Jüngere, da ist es dann das Grosselternhaus, das geleert werden muss. Näher und bedrängender wirkt natürlich die Hinterlassenschaft der eigenen Eltern, ist man doch inmitten dieser Dinge aufgewachsen, hat sie lange als selbstverständlich betrachtet, eben als Umgebung, und schaut sie jetzt aus grösserer Distanz, mit einer gewissen Verwunderung an. Und die Dinge schauen zurück, fragend: Was geschieht mit uns, was sind wir dir wert?

Staunen und Entsetzen

Zwar trifft es zu, dass viele Objekte materiell dauerhafter sind als ihre Besitzer und sie also überleben. Aber ihr Wert sinkt eben auch rapide mit deren Verschwinden und bringt sie dem Entrümpelungskommando, dem Brockenhaus oder gar der Müllverbrennungsanlage näher.

Nun ist die Autorin keine, die sich «vom Ballast befreien», radikal Tabula rasa machen möchte. Sie betrachtet die Dinge als Teil der elterlichen (und auch der eigenen) Biografie, quasi als ­externalisierte Elemente von deren Persönlichkeit. Und widmet sich jedem einzelnen Stück mit Aufmerksamkeit, Sorgfalt, ja Empathie. Schwankt zwischen Staunen und Entsetzen.

Der Vater, ein Vermessungsingenieur, hat Flugbahnen für die V2-Raketen berechnet, mit denen das Dritte Reich den Weltkrieg in letzter Minute doch noch gewinnen wollte. Unmöglich, erkennt die Tochter jetzt, dass er nicht mitgekriegt haben kann, wie Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in den Stollen sich für diese Raketen zu Tode schufteten. Als Soldat war er in Polen und Norwegen eingesetzt; dort entdeckte er das Skifahren und Segeln, später seine grossen Leidenschaften. Eine tolle Zeit also. Im Stopfkorb der Mutter, unter unzähligen Knöpfen: einer mit Hakenkreuz.

Dieser Korb überhaupt! Stopfwolle in allen Farben, allein acht verschiedene Graustufen. In ihm verdichtet sich die Einstellung der Eltern: Nichts wegwerfen, was man vielleicht noch mal brauchen kann. Eine Einstellung, die aus der Erfahrung des totalen Verlusts und der anschliessenden Not herrührt. Sie macht dann mit der Teilhabe am Wirtschaftswunder allmählich Platz einer anderen Haltung: nicht reparieren, sondern neu kaufen (und das Alte trotzdem behalten).

Gutbürgerlicher Wohlstand

Aus der Inventur des mayerschen Elternhauses entsteht ein Bild gutbürgerlichen Wohlstands, wie er für die deutsche Mittelschicht der zweiten Jahrhunderthälfte typisch war. In diesem speziellen Fall mit einem Hang zum Exzess: Kaum zählbar die Abendkleider, die Kostüme, die weissen Blusen, «sehr viele, sehr weite Jerseyhosen in Weiss und Kamelfarben und Lindgrün».

Susanne Mayer scheut weder das Detail – der Schnitt, der Stoff! – noch die Aufzählung. Das ist Journalistensorgfalt, aber auch moralisch motiviert: Was die ­Eltern gehortet haben, hebt sie in einem höheren (um nicht zu sagen hegelschen) Sinn auf, Stück für Stück, hebt es auf die Reflexionsebene. Auch wenn die Reflexion oft diskret bei der Frageform bleibt.

Warum das unentwegte Kaufen und Horten? Einmal als ­Antwort auf lange Spar- und ­Entbehrungszeiten. Eine Abpolsterung gegen die Angst, plötzlich wieder nichts zu haben. Metaphysischer gedacht: ein Schutzwall gegen die Todesfurcht. Aber auch Ausdruck eines Bewusstseins, in dem «etwas sein» nicht ohne «etwas haben» denkbar war. Je mehr, desto besser.

Von hier aus liegt der Sprung zur Analyse eines Kapitalismus nahe, der auf rasche Güterzirkulation angewiesen ist, auf Kaputtgehen (oder Nicht-mehr-Mögen) und Neukaufen. Und auf Müllberge. Susanne Mayer macht den Sprung, aber ideologisiert und predigt nicht. Es ist eher ein eleganter Hüpfer. Eleganz, Klugheit und eine unaufdringliche stilistische Brillanz kennzeichnen dieses Buch durchgehend. Es ist heiter und melancholisch, mustert die Oberfläche unseres Daseins und dringt doch in Bereiche vor, die wir nicht so gern betreten. Die Fixierung auf Besitztümer, was sagt die über uns aus? Ist sie bürgerlich, menschlich oder eine demnächst abgelöste historische Phase?

Es heisst, die Jungen setzen auf Erlebnisse, nicht auf Besitz. Aber schon die Mutter der Autorin hat, als sie Witwe war, eine Fernreise nach der anderen gebucht. Und in Fotoalben festgehalten, die sie jetzt ratlos betrachtet. «China, was ist das?»

Erstellt: 10.01.2020, 17:15 Uhr

Susanne Mayer

Die Dinge unseres Lebens. Und was sie über uns erzählen.

Berlin-Verlag 2019. 294 S., ca. 30 Fr.

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