«Was wir wollen, spielt keine grosse Rolle»

Kent Haruf widmet sich den Abgehängten der US-amerikanischen Provinz.

Bauern in einem Salatfeld nahe Yuma, Arizona. (24. November 1998)

Bauern in einem Salatfeld nahe Yuma, Arizona. (24. November 1998) Bild: Keystone

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Die Abgehängten in der Provinz – das ist ein grosses Thema der US-amerikanischen Literatur, das bei uns erst allmählich entdeckt wird. So sind etwa die Romane von Richard Russo mit einiger Verspätung übersetzt worden, und ähnlich verhält es sich mit Kent Haruf, dessen Werk sich verdienstvollerweise der Diogenes-Verlag angenommen hat. «Unsere Seelen bei Nacht», sein letzter Roman, wurde auch hier ein Bestseller (nicht zuletzt durch die starbesetzte Verfilmung: Jane Fonda! Robert Redford!).

Haruf ist 2014 gestorben, als von einer Präsidentschaft Trump noch nichts zu ahnen war und die Abgehängten noch kein Medienthema. Sechs Romane hat Haruf in einem Zeitraum von 30 Jahren geschrieben, und sie alle spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im Bundesstaat Colorado. Raues Klima, wortkarge Menschen, enge Verhältnisse.

In Richard Russos Romanen ist die Abgehängtheit als Thema und Problem benannt, bis hin zur gestrichenen Busverbindung. Bei Haruf ist sie einfach gegeben. Das Leben, das man hat, ist auch das einzige, das man sich vorstellen kann. «Das, was wir wollen, spielt keine grosse Rolle; so ist die Welt nun mal», fasst eine der Personen in Worte, was alle empfinden. Ein Schlüsselsatz. Ein anderer lautet: «Jedes Lebewesen auf dieser Welt wird irgendwann entwöhnt.»

Das gilt nicht nur für Kälber, sondern auch für Menschen. Die müssen dann sehen, wie sie ohne Mutter zurechtkommen – und ohne Gott, der nur im Motto auftaucht, dann aber nicht mehr.

Der Ton ist an Tschechow geschult

Seinen Durchbruch in den USA hatte Haruf mit «Plainsong» von 1999 erlebt (vergangenes Jahr als «Lied der Weite» auf Deutsch); «Eventide» von 2004 ist eine Fortsetzung davon, wir können es jetzt unter dem Titel «Abendrot» lesen – die Übersetzung gibt den lakonischen, an Tschechow geschulten Ton gut wieder, nur den Konjunktiv beherrscht die Dame mit dem Künstlernamen «pociao» nicht sicher; aber tut das heute noch jemand?

Auf drei Gruppen, die der Autor kapitelweise beleuchtet, konzentriert sich die spärliche Handlung. Da sind einmal die Brüder McPheron, Harold und Raymond, die südlich der Stadt eine Rinderfarm betreiben. Sie haben einst Victoria aufgenommen, einen schwangeren Teenager, der von seiner Mutter verstossen worden war; jetzt geht Victoria aufs College und stösst die Brüder in eine Einsamkeit zurück, deren sie sich bisher gar nicht bewusst waren.

Dann sind da Luther und Betty Wallace, die nichts auf die Reihe kriegen, nicht mal, ihre Kinder rechtzeitig für den Schulbus fertig zu machen, und schon gar nicht, diese vor einem gewalttätigen Verwandten zu beschützen. Sie wohnen in einem verdreckten Wohnmobil und kochen im Saft der eigenen Unfähigkeit, jederzeit aber bereit, lautstark und penetrant ihre «Rechte» einzufordern.

DJ ist der heimliche Held des Romans

Schliesslich Grossvater Kephart und sein Enkel DJ, der mit seinen elf Jahren Haushalt und Betreuung übernommen hat. Ein kleiner, schmächtiger Junge, der nicht mal einen richtigen Namen hat, aber tut, was getan werden muss, der auch in aussichtsloser Lage Zivilcourage zeigt (ohne auch nur das Wort zu kennen) und sich mit einem Nachbarsmädel einen Rückzugsort in einem verlassenen Häuschen schafft, wo sie Kerzen anzünden, lesen, reden, schweigen. Ein Refugium in einer heillosen Welt.

Dieser DJ ist in seiner Einsamkeit und Verlassenheit der heimliche Held des Romans, dessen Autor immerhin auch einiges an Gegenkräften aufbietet. Da sind einmal die Institutionen, verkörpert durch eine unermüdliche Sozialhelferin, und da sind andrerseits menschliche Qualitäten, die wie Naturkräfte einfach da sind: Gutmütigkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität.

Die Guten sind gut, die Bösen böse, die Unfähigen unfähig; den Kindern blüht ein ähnliches Schicksal. Harufs Welt ist eine statische Welt, in der geschieht, was geschieht. Für diese Welt hat er die richtige Form, die richtigen Worte und die richtigen Protagonisten gefunden. Es gelingt ihm auch, die Klippe der Sentimentalität so scharf zu umschiffen, dass man den literarischen Schiffbruch zwar befürchten muss – bei Sätzen wie «in seinen blassblauen Augen war nur Güte und Zärtlichkeit» –, aber ohne dass er wirklich eintritt.

Eine Atmosphäre wie bei Edward Hopper

Immer wieder erzeugt Haruf in «Abendrot» eine zugleich beklemmende und tröstliche Atmosphäre wie die Bilder von Edward Hopper. Aber in seinem Bemühen, der Lebenswelt seiner Figuren gerecht zu werden, verliert er sich allzu gern in Details. Nach einer Viehauktion wissen wir alles über die Preise von 2004, und auch eine Gerichtsverhandlung muss nicht Wort für Wort protokolliert werden. In seinen besten Momenten zeigt Haruf, wie Nähe erzeugt und Trost gespendet wird, ganz ohne Worte. Er selbst macht allerdings zu viele: Für einen Roman, der so stark auf Einsamkeit und Sprachlosigkeit beharrt, ist er um einiges zu lang geraten.

Kent Haruf: Abendrot. Roman. Aus dem Englischen von pociao. Diogenes, Zürich 2019. 412 S., ca. 35 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2019, 14:23 Uhr

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