Washington brennt

Krimi der Woche: «Hard Revolution» von George Pelecanos ist ein packender Roman um Rassenkonflikte in den USA.

George Pelecanos besticht mit detailreichem Erzählstil.

George Pelecanos besticht mit detailreichem Erzählstil. Bild: Rosa Pelecanos

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz:
Derek Strange beugte sich vor und ging in den Dreipunktstand, eine Hand auf dem Boden, Beine in Sprintposition.

Das Buch:
Washington brennt. Nach der Ermordung von Martin Luther King kam es in der amerikanischen Hauptstadt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die als «Washington D.C. 1968 Riots» in die Geschichte eingegangen sind. Um diesen Ausbruch der Gewalt geht es im «Hard Revolution», einem Kriminalroman von George Pelecanos. Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein junger schwarzer Polizist. Endlich nimmt sich wieder ein deutschsprachiger Verlag dem Werk des grossen amerikanischen Krimiautors George Pelecanos an! Zwar arbeitet der dieses Jahr 60 gewordene Schreiber seit ein paar Jahren vor allem fürs Fernsehen – er war unter anderem einer der Hauptautoren der Kultserie «The Wire» –, doch es gibt einige Romane von ihm, die der Entdeckung auf Deutsch harren. Pelecanos ist in seinen Büchern immer bei den einfachen Leuten. Die Welt der griechischen Einwanderer in Washington, in welcher er selbst aufgewachsen ist, bildet den Rahmen für mehrere Romane, auch in «Hard Revolution» kommt sie am Rande vor. Doch hier liegt das sozialkritische Augenmerk des erfolgreichen Autors auf den Bürgerrechten der Schwarzen und auf dem alltäglichen Zusammenleben von Schwarzen und Weissen in den einfachen Vierteln der Stadt.

«Hard Revolution», im Original bereits 2004 erschienen, erzählt die Vorgeschichte von Derek Strange, den Pelecanos davor schon in drei Romanen als Privatdetektiv auftreten liess. Der erste Teil blendet weit zurück ins Jahr 1959, in die Kindheit von Derek Strange. Der 13-jährige Schwarze bewegt sich unverkrampft in Gesellschaft gleichaltriger Weisser. Gefragt, was er mal werden will, muss er nicht lange überlegen: Polizist.

Auch wenn das einige der anderen Jungs, auch sein älterer Bruder, nicht so toll finden. Dann springt die Geschichte neun Jahre weiter, ins Frühjahr 1968. Derek Strange ist inzwischen Polizist geworden. Andere aus seinem Jugendumfeld sind kriminell geworden, teils waren sie im Krieg in Vietnam und haben Mühe, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. In Washington D.C., wo «ungefähr drei Viertel aller Bürger schwarz und vier Fünftel aller Polizisten weiss waren», ist die Situation zwischen den Rassen nicht mehr entspannt. Strange wird zudem von vielen Schwarzen angefeindet, weil er Polizist ist.

In «Hard Revolution» gibt es Morde und Überfälle, doch das Buch ist kein konventioneller Krimi, sondern vielmehr ein packend erzähltes Zeitbild aus einer bewegten Epoche. Martin Luther King bereitet einen Marsch auf Washington vor. Die Meldung seiner Ermordung lässt die Situation in der Hauptstadt explodieren. Plündernd und brandschatzend ziehen Tausende durch die Strassen. Und Derek Strange steckt mittendrin. Neben seinen offiziellen Einsätzen ist er auf der Suche nach dem Mörder seines Bruders.

George Pelecanos versteht es meisterhaft, einem diese Zeit nahezubringen. Dazu trägt vor allem auch sein detailreicher Erzählstil bei. Da fährt einer nicht einfach irgendein Auto, sondern zum Beispiel einen Chevrolet Nova II SS, «ganz in schwarz, äusserlich ein Serienwagen. Er hatte eine Hurst-Viergangschaltung zwischen den Sitzen und eine 5,7-Liter-Maschine mit einem Holley-Vierfachvergaser unter der Haube.» Ebenso genau nimmt Pelecanos es mit der Musik. «Ein O. V. Wright Song, Eight Men, Four Women, kam aus der Anlage, mit diesen Backgroundsängerinnen und ihren lasziven Stimmen, die Wright so gerne einsetzte, und Strange dachte: Back Beat Nummer 580. Und dann dachte er: Jemand auf dieser Party hat verdammt viel Ahnung.» Auch die 1968er-Unruhen in Washington hat Pelecanos genau recherchiert, und sie sind mehr als nur der Hintergrund für eine Kriminalgeschichte, sie sind ein unabdingbarer Teil der Story, deren Kern die einfühlsam geschilderte persönliche Entwicklung des jungen Polizisten Derek Strange ist. Starker Stoff.

Die Wertung:

Der Autor:
George P. Pelecanos, geboren 1957 in Washington D.C., stammt aus einer Arbeiterfamilie, die aus Griechenland eingewandert war. Er arbeitete in verschiedensten Jobs und studierte Kunst an der University of Maryland, bevor er 1992 seinen ersten Roman veröffentlichte. Von seinen rund 20 Büchern sind bis 2010 acht bei verschiedenen Verlagen (DuMont, Rotbuch, Rowohlt) auf Deutsch erschienen. Seit 2002 arbeitet Pelecanos regelmässig für den TV-Kanal HBO, wo er einer der Hauptautoren für die Kultserie «The Wire» war. 2012/2013 arbeitete er Vollzeit für die Serie «Treme», danach für «Bosch», eine Serie nach den Krimis von Michael Connelly. Zurzeit entwickelt er für HBO eine Serie um seinen eigenen Helden Derek Strange; die erste Staffel basiert auf «Hard Revolution». Pelecanos lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Silver Spring, Maryland.

George Pelecanos: «Hard Revolution» (Original: «Hard Revolution», 2004, Little, Brown and Company, New York). Aus dem amerikanischen Englisch von Gottfried Röckelein. 2017, Ars-Vivendi-Verlag, Cadolzburg, 399 Seiten, 35.90 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2017, 15:43 Uhr

Artikel zum Thema

Die perfekte Sommerlektüre

Krimi der Woche: In «Kommando Abstellgleis» lässt «Cosmopolitan»-Autorin Sophie Hénaff eine Chaostruppe ermitteln. Mehr...

Neue Serie: Krimi der Woche

Eine Todesliste samt Todesdatum: Es ist ein teuflisches Spiel, das der Brite Daniel Cole in seinem Thriller-Debüt «Ragdoll – Dein letzter Tag» entwirft. Mehr...

Sexualtäter stoppen – mit allen Mitteln

Krimi der Woche: Detective Livia Lone in Barry Eislers «Der Schrei des toten Vogels». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Ein Winternachtstraum

Tingler 5 Weihnachtswünsche – für andere

Von der eigenen Vergangenheit eingeholt

Krimi der Woche: Die Kanadierin Sheena Kamal schuf für ihr Debüt «Untiefen» eine originelle Ermittlerin. Mehr...

Ein Buch, um Spielschulden zu begleichen

Krimi der Woche: «Der Sonnenschirm des Terroristen» von Iori Fujiwara zählt zu den besten Krimis, die dieses Jahr auf Deutsch erschienen sind. Mehr...

Politik ist ein schmutziges Geschäft

Krimi der Woche: «Der Mordida-Mann» von Ross Thomas ist aus dem Jahr 1981. Derartige ebenso intelligente wie witzige Politthriller gibt es heute leider kaum noch. Mehr...