Wegweiser für weisse Entdecker

Kolumbus, Vasco da Gama und all die anderen europäischen Abenteurer hätten ohne einheimische Führer und Dolmetscher ihre Reisen kaum überlebt.

Ohne sie wäre die Lewis-und-Clark-Expedition gescheitert: Statue von Sacagawea in Oregon. Foto: Alamy

Ohne sie wäre die Lewis-und-Clark-Expedition gescheitert: Statue von Sacagawea in Oregon. Foto: Alamy

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Es klingt so unverrückbar eindeutig: Kolumbus hat Amerika entdeckt, Vasco da Gama fand den Seeweg nach Indien, Livingstone sah als Erster die Fälle, die er nach Königin Victoria benannte. Nun, der Blick auf diese und andere Abenteurer und Weltreisende und ihre epochalen Taten ändert sich radikal, wenn man Volker Matthies’ Studie über «Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender» liest. Der Hamburger Politologe und Konfliktforscher hat seinem informativen Buch ein Motto aus Brechts «Fragen eines lesenden Arbeiters» vorangestellt: «Der junge Alexander eroberte Indien. / Er allein? / Cäsar schlug die Gallier. / Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?»

Tatsächlich verschwinden hinter den bekannten Namen von Feldherren, Eroberern und Entdeckern all jene, die solche Unternehmungen ermöglicht, beschützt, oft auch geleitet haben. Dabei war, so Volker Matthies, «die Abhängigkeit europäischer Entdecker und Forschungsreisender von ihren indigenen Führern von geradezu existenzieller Bedeutung, sodass in vielen Fällen die Europäer die Expeditionen zwar planten, finanzierten und ausrüsteten, aber ihre indigenen Führer kraft ihrer Sprach- und Landeskenntnisse, ihrer Autorität und ihres Durchsetzungsvermögens gegenüber den Expeditionsmitgliedern sowie ihres Mediations- und Organisationstalents zu den eigentlichen Anführern und Leitern der europäischen Unternehmungen avancierten».

Übersetzer und Dolmetscher

Matthies kritisiert zunächst den eurozentrischen Blick, mit dem jene Reisen, Eroberungen und Forschungsfahrten von da Gama, Cortez, Magellan, Cook, Bougainville, Franklin, Humboldt, Lewis und Clark, Heinrich Barth, Gustav Nachtigal, Livingstone, Stanley und Amundsen gesehen werden. Als seien Afrika, Amerika oder Australien, nur weil die Europäer nichts von ihnen wussten, weisse Flecken gewesen, die erst dann meist blutige Farbe annahmen, als die «weissen Götter» dort auftraten.

Dass es seit Jahrtausenden überall Völker gab, die ihre Regionen bestens kannten, miteinander kontinentalweit Handel trieben und mächtige Hochkulturen entwickelt hatten, nahmen die Entdecker erstaunt, manchmal auch bewundernd und sogar anerkennend wahr, aber für sie blieben die indigenen Völker «Eingeborene», denen nicht auf Augenhöhe begegnet werden musste. Rassistische Herablassung und kolonialistisches Denken und Handeln gehörten von Beginn an zu diesen Ausfahrten und ihren Ergebnissen.

Forscher reisten bei Sklavenjäger mit

Matthies zeigt an zahlreichen Beispielen, welche entscheidende, überlebenswichtige Rolle gerade die Einheimischen für die vermeintlichen Entdeckerhelden und ihre nachmaligen Erfolge in Europa spielten. Das reicht von der richtigen Ausrüstung einer Expedition bis zu den Orts- und kartografischen Kenntnissen der indigenen Begleiter, die auch als Übersetzer und Diplomaten agierten. Oft reisten europäische Forscher nur im Karawanentross und sogar bei Sklavenjägerunternehmen mit, weil sie sonst kaum eine Chance gehabt hätten, überhaupt unversehrt weiterzukommen.

Ausserdem waren die Einheimischen Lehrer in allen Lebenslagen, von angemessener Kleidung bis zum Essen. Die Immigranten lernten die Vorzüge indianischer Mokassins, Leggins und Schneeschuhe ebenso schätzen wie Robbenfellhosen und Anoraks der Inuit in arktischen Gegenden. Ähnliches gilt für einheimische Transportmittel wie etwa Hundeschlitten, Rindenkanus und Fellboote.

Amerikanische Heldin

Im zweiten Teil versammelt Matthies einen Strauss von Biografien jener imponierenden Frauen und Männer, welche die eigentlichen Heroen solcher Expeditionen waren. So führte zum Beispiel der Chipewyan Matonabbee Samuel Hearne von der Hudson Bay Company 1770–1772 durchs arktische Kanada. Matonabbee besass diplomatisches Geschick, zudem die nötige geografische Spürnase, und seine indianische Lebensweise sorgte dafür, dass Hearne nach zwei misslungenen Expeditionen Erfolg hatte. Matonabbee vermied nämlich einen entscheidenden Fehler Hearnes: Im Gegensatz zu ihm nahm er Frauen mit, die für den Gepäcktransport, den Zeltaufbau, das Instandhalten oder die Anfertigung von angemessener Kleidung zuständig waren. So entlasteten sie die Männer für die Jagd. Damit gelang die Expedition. Allerdings war Hearne auf dieser durchweg indianischen Massgaben folgenden Tour wenig mehr als ein Anhängsel.

Als zentrale Begleiterin der von Thomas Jefferson initiierten Lewis-und-Clark-Expedition, die Amerika westlich des Mississippi bis zum Pazifik erkunden sollte, wurde die Shoshonin Sacagawea zu einer amerikanischen Heldin, der mehr Denkmäler als irgendeiner anderen Frau in der amerikanischen Geschichte errichtet wurden. Sie half der Unternehmung als kluge Dolmetscherin und war so angesehen in der Gruppe, dass ihr etwa bei der Abstimmung über die Wahl des Winterquartiers am Pazifik Ende November 1805 das gleiche Stimmrecht eingeräumt wurde wie den männlichen Expeditionsteilnehmern.

Auf «Entdecker» folgten Eroberer und Kolonialisten

Sidi Mubarak Mumbai, ein Held der Erforschung Afrikas, unterstützte John Hanning Speke bei der Suche nach den Nilquellen ebenso, wie er später auch Henry Morton Stanley half. Er kam um 1820 in Ostafrika zur Welt und wurde mit zwölf Jahren von arabischen Sklavenhändlern geraubt. In Sansibar wurde er gekauft, erhielt den Sklavennamen Mubarak und reiste mit seinem Herrn nach Mumbai. So kam er zu seinem Spitznamen. Nach dem Tod des Herrn wurde er frei. Er hatte in Indien Hindi gelernt und konnte sich so mit Speke, der kein Arabisch sprach, unterhalten. Die Beziehung der beiden überstand auch handgreiflichen Streit. Als Sidi Mubarak vom Tod Spekes erfuhr, trauerte er, nun sei «sein Vater tot» und «sein rechter Arm abgeschnitten».

Diese und ähnliche Geschichten sind fast nur in den Niederschriften der Europäer dokumentiert, Selbstzeugnisse der Indigenen sind rar. Bitter ist auch, dass die indigenen Übersetzer und Begleiter indirekt dazu beitrugen, dass den «Entdeckern» die Eroberer und Kolonialisten folgten. Doch diese Konsequenzen ahnten sie nicht, als sie, zunächst zum eigenen materiellen Vorteil, dann aus Neugier und Reiselust, den weissen Männern halfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2018, 18:39 Uhr

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Volker Matthies

Im Schatten der Entdecker. Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender.

Ch. Links-Verlag, Berlin 2018. 246 S., ca. 32 Fr.

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