«Weisse Feministinnen würden sich in Grund und Boden schämen»

Die Britin Reni Eddo-Lodge hat ein Buch darüber geschrieben, wieso sie nicht mehr mit Weissen über Rassenthemen redet. Ein Treffen.

Liefert pointierte Beobachtungen und harte Analysen: Reni Eddo-Lodge. Foto: Thomas Egli

Liefert pointierte Beobachtungen und harte Analysen: Reni Eddo-Lodge. Foto: Thomas Egli

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Reni Eddo-Lodge lacht kurz auf und räumt ein: «Okay, ich renne jetzt nicht schreiend aus diesem Raum heraus. Aber», fährt sie streng fort und greift zum Wasser, das vom Zürcher Hotel im Sitzungszimmer serviert wird, «während ich hier ganz entspannt sitze, muss mir bewusst sein, dass ich mich mitschuldig mache: Ich befinde mich buchstäblich in einer Struktur – einem Gebäude –, die alle Leute ausschliesst, die nicht Treppe laufen können. Wenn es mir ernst ist mit meiner Solidarität für Behinderte, darf ich das nicht ausblenden. Behindertengerecht zu bauen, ist ja möglich.»

Die britische Journalistin und Autorin legt stets hohe Mass­stäbe an – an sich selbst und an andere. Und was für sie gar nicht geht, ist, im eigenen Kampf für mehr Gerechtigkeit den Verweis auf die Benachteiligung anderer Gruppen kleinzureden, ihn zu übergehen oder gar als unbotmässig und kontraproduktiv ­abzukanzeln; unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen gegeneinander auszuspielen.

Kritisiert als Spaltpilz

Daher hatte sie auch vor ein paar Jahren in einer hitzigen Debatte in der BBC-Sendung «Woman’s Hour» auf die spezielle Perspektive schwarzer Frauen aufmerksam gemacht. Stichwort Intersektionalität; gemeint ist die Verschränkung mehrerer Faktoren, die Ungleichheit bewirken. Daraufhin kritisierten weisse Gesprächsteilnehmerinnen die Aktivistin prompt als Spaltpilz der feministischen Bewegung.

Nach einem sehr hässlichen Schlagabtausch im Nachgang der Sendung hatte Reni Eddo-Lodge genug. Und verfasste im Februar 2014 jenen langen Blogpost, mit dem sie sich eigentlich aus der Diskussion verabschieden wollte: «Why I’m no longer talking to white people about race».

Der Post schlug ein, machte betroffen, traurig, auch wütend. Und ehe sie es sich versah, sprach Eddo-Lodge über fast nichts anderes mehr. Inzwischen hat sie ein ganzes Buch dazu vorgelegt. Die jüngst erschienene deutsche Ausgabe «Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche», aus der sie in der Schweiz las, hat bereits die dritte Auflage erreicht, und seine Autorin stellt fest: Je erfolgreicher eine schwarze Person ist, desto weisser wird, in Grossbritannien, ihre Lebensrealität.

Man könne das Phänomen der Abwehr und Verleugnung bei weissen Feministinnen auf der ganzen Welt beobachten, ergänzt die 29-Jährige mit dem unbestechlichen Blick. Als ehemalige Präsidentin der Studentenvereinigung ihrer Alma Mater in Preston ist sie geübt, auf freundliche Weise harte Analysen und pointierte Aperçus zu liefern. «Wenn weisse Feministinnen sich selber dabei zuhören könnten, wie sie manchmal zu Menschen wie mir sprechen, zu Behinderten, LGBTQ-Vertretern, sogar Klima-Engagierten – dann würden sie sich in Grund und Boden schämen.» Das klinge nämlich bisweilen genauso, wie Männer Frauen abservieren.

Eben sei sie in Schweden gewesen, und schwarze Frauen dort hätten ihr das Gleiche berichtet: Ausgerechnet in den liberalsten, progressivsten Zirkeln werde jeder Versuch, Rassismuserfahrungen und strukturellen Rassismus anzusprechen, abgeblockt mit dem anmassenden Argument «Das bildest du dir ein, das gibts bei uns nicht».

Dass es bei den amerikanischen Frauenmärschen gegen Trump zu heftigen Streitigkeiten rund um die Problematik der Intersektionalität kam, sei kein Wunder. Weisse Feministinnen seien grossartig darin, die Machtdynamik in Genderfragen zu entlarven. Aber sie bewegten sich oft in einem privilegierten Umfeld, so sei ihre einzige Sorge der Sexismus. «Es ist halt verlockend, sich an Machtachsen entlangzuhangeln», sagt die Frau, die nichts mehr von jenem Traum von einer globalen Schwesternschaft hält, der sie an der Universität einst politisierte.

Aufgewachsen in London

Und den sie trotzdem selten richtig hatte erleben können. Reni Eddo-Lodge wurde 1989 in einem multiethnischen Arbeiterviertel Londons geboren. Ihre Mutter, eine Nigerianerin, zog sie allein gross und musste bis zur Erschöpfung arbeiten. Sie schickte ihre Tochter auf eine katholische Mädchenschule; das Kind stürzte sich aufs Lesen und entdeckte in sich einen starken Kampfgeist, eine Widerstandskraft gegen die Umstände. Nigeria scheint einen Fond für kraftvolle Frauenstimmen zu bieten, so für die in London geborene Taiye Selasi («Bye-Bye, Babar – Or: What Is an Afropolitan?») oder Chimamanda Ngozi Adichie («The Danger of a Single Story»).

Bis heute lässt sich Eddo-­Lodge nicht kleinkriegen, auch wenn Depressionen sie zeitweise niederdrückten. «Betrachtet man das Ausmass des Rassismusproblems, hat man schnell das Gefühl, es handle sich um eine unüberwindliche Aufgabe – und jeder Versuch, etwas zu ändern, sei aussichtslos. Aber dieses Gefühl lässt sich therapieren.»

Wie? Nur durch gemeinschaftliche Aktionen, ist Reni Eddo-Lodge überzeugt – trotz allem. Selbst wenn Gemeinschaften zerflattern wie nach der Occupy-Bewegung, bleiben doch Einzelne dabei und stützen sich gegenseitig. Auch einige von Eddo-Lodges engsten Freundschaften stammen aus ihrer Zeit als aktive Feministin.

Überhaupt hat die schwarze Britin den Feminismus keineswegs abgeschrieben und setzt sich im Buch intensiv damit auseinander. Sie fordere von weissen Feministinnen auch keinen Einsatz für die anderen Themen – obwohl deren Verweigerung schon seltsam anmute, angesichts dessen, dass sie ihrerseits von allen Frauen volle Hingabe ans Genderthema erwarteten. Aber zumindest sollten sie die Belange anderer ernst nehmen, statt sie zu hintertreiben.

«Wann wirds besser?»

Hintertrieben werde das antirassistische Bemühen auch durch einen neuen Klassenkampf-Mythos, besonders seit der Finanzkrise, sagt Eddo-Lodge. «Die heimtückische Legende der extremen Rechten spaltet die Armen: Sie besagt, die Farbigen und Immigranten grüben der weissen Arbeiterklasse das Wasser ab, und Weisse hätten sowieso mehr Anrecht auf staatliche Hilfen.» Viele Politiker hätten das dann gern aufgegriffen, weil sie ja Sozialleistungen strichen und ein Sündenbock da gerade recht kam. Dabei seien viele Farbige Briten in zweiter, dritter, vierter Generation. Ohnehin habe der Sozialabbau nichts mit der Einwanderung zu tun.

Die Rhetorik des Rassenhasses war bestürzend erfolgreich, findet die Autorin. Aber der subtile strukturelle Rassismus sei heute folgenreicher. Doch sie beruft sich auf Martin Luther Kings Vertrauen in die Zukunft: «Fragt mich eine, ‹wann wirds besser?›, frage ich immer zurück: ‹Für wie lang bist du denn bereit, für eine Verbesserung zu arbeiten?›» Reni Eddo-Lodge gibt nicht auf, auch wenn sie am liebsten ein normales Leben führen würde.

Befreiung der Hasen

Was sie dann täte? «Endlich mal über Dinge schreiben, die kein politischer Notfall sind. Über das, worüber Weisse schreiben können: Natur, Tiere, einfache Freuden.» Reni Eddo-Lodge übernahm vor einiger Zeit eine Häsin in Not und hielt das Tier namens Saffron erst in einem klassischen Kaninchenstall – bis sie das als regelrechtes Verbrechen wahrnahm. Mittlerweile hat Saffron ein eigenes Zimmer und täglich menschliche Ansprache.

«Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie schrecklich diese sozialen Tiere meistens gehalten werden – weil sie früher bloss Fell- und Fleischlieferanten waren. Entsetzlich! Wenn ichs recht bedenke: Genau darüber würde ich schreiben. Ein Sachbuch zur richtigen Hasenhaltung, ein ­Hasen-Befreiungs-Manifest!» So lautet Reni Eddo-Lodges Osterwunsch.

Reni Eddo-Lodge: Warum ich nicht länger mit Weissen über Hautfarbe spreche. Tropen, Stuttgart 2019. 265 S., ca. 30 Fr.

Erstellt: 19.04.2019, 18:18 Uhr

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