Wer die USA verstehen will, muss sein Buch lesen

Bret Easton Ellis hat ein provokatives Buch über Amerikas neue Moralisten geschrieben. Ein Besuch beim bösen Jungen der US-Literatur.

Schreibt strikt nur über das, was er wirklich kennt: Bret Easton Ellis. Foto: Ryan Fluger («New York Times», Redux, Laif)

Schreibt strikt nur über das, was er wirklich kennt: Bret Easton Ellis. Foto: Ryan Fluger («New York Times», Redux, Laif)

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«Genau so wie erwartet und auch ein bisschen langweilig», wird nachher der Schriftsteller Bret Easton Ellis hinter dem Schreibtisch hervorsagen und dabei so gelangweilt klingen, wie seine Leser das seit seinem Welterfolg mit der Serienkillersatire «American Psycho» erwarten dürfen. Und zwar werden diese Worte der Kritik gelten, die nun zur Veröffentlichung auf sein neues Buch einprasselt. Dabei ist womöglich noch nirgendwo sonst so anrührend beschrieben worden, was für ein kultureller Segen es war, vor der Erfindung der Helikopter-Eltern aufzuwachsen. Als auch Jugendliche im Kino den Themen Gewalt oder Sex aus­gesetzt sein konnten, so wie als erwachsene Menschen später ja auch. Als der «Playboy» aus dem Schrank von Daddy noch der erotischen Orientierung diente. Als Kritik an der Natur solchen Begehrens noch nicht als emanzipativ verstanden wurde, sondern als engherzig und grausam.

Hautfarbe als Privileg

Dieses neue Buch heisst «Weiss». Und Weiss, erklärt Ellis, Weiss könne vieles implizieren. Neu­tralität. Unschuld. Eine Haut­farbe. Und diese Hautfarbe impliziert auch wieder viel. In Amerika zumal. Genau so wie erwartet und auch ein bisschen langweilig gibt sich nämlich auch der Teil von Los Angeles, in dem Ellis lebt und in dem diese Hautfarbe klar dominiert. Auf dem Weg zum Interview in West Hollywood kommt man durch eine Welt, die auf eine dermassen bei Bret Easton Ellis abgeschriebene Art und Weise «L. A.» ist, dass ein klischeesensibler Lektor ihn zum Umzug überreden müsste. Vor dem Hochhausriegel, in dem Ellis wohnt, wirft eine Baustelle die Frage auf, wo in dieser Stadt die körperlich arbeitende Bevölkerung herkommen soll, wenn Präsident Donald Trump wirklich Ernst macht mit dem Mauerbau an der Grenze zu Mexiko.

Ellis wohnt im elften Stock, sein Boyfriend, der freundliche Todd, öffnet die Tür. Ellis selbst tritt sehr leger gekleidet ins Bild. Schwarzer Jogginganzug, schwarzes T-Shirt und schwarze Hausschuhe geben dem Mann das Aussehen eines zwei Meter hohen Kleinkindes. Man tritt ihm gewiss nicht zu nahe, wenn man feststellt, dass Bret Easton Ellis seit Jahren mit grosser Freude am Detail den Bret Easton Ellis spielt, den man als Erzählstimme aus seinen Büchern kennt. Er macht es so, wie sie es an den Schreibschulen lehren: nicht nur behaupten – vorführen!

Ellis vergisst unter keinen Umständen, zu erwähnen, dass sie gerade bei einem Dinner gewesen seien oder auf dem Weg zu einem Dinner, als Todd diese oder jene Ansicht geäussert habe, die er, Ellis, schon wieder «millennial» fand, also: weicheierig und naiv. Restaurants sind bei Bret Easton Ellis das, was bei anderen Autoren Punkte und Kommas sind. Wenn jemand dekretiert hat, dass Bedeutung auch in den Details der Oberflächen wohne, dann war das ja wohl er.

Auch die Obsession mit dem Smartphone gehört zu den «Millenials»: Ellis an der Buchmesse 2010 in Frankfurt. Foto: Keystone

Ellis’ Arbeitszimmer hat etwas Ernüchterndes. Es dominiert das flache Graubraun amerikanischer Passkontrollstellen. Überall liegen ausgeschnitten die Kreuzworträtsel aus der «New York Times». Plakate und Bücherre­gale beinhalten ausschliesslich eines: Bret Easton Ellis.

Ellis hatte ursprünglich mit dem Gedanken geliebäugelt, sein neues Buch «White Privileged Male» zu nennen. Das sei nun einmal tatsächlich die Weltsicht, aus der er schreibe und auch nur schreiben könne. Selbst wenn ihn Jean-Michel Basquiat, der afroamerikanische Malerstar der Achtzigerjahre, im Herbst 1987 beim Koksen auf dem Klo vom Odeon in New York gefragt habe, warum so wenige Schwarze in seinen Büchern vorkämen. Wäre es anders, wäre das heute ja auch wieder ein Problem, seit es nämlich mit dem Vorwurf der «Cultural Appropriation» bewehrt ist, über Dinge zu schreiben, die sich nicht aus eigener ethnischer Erfahrung speisen. «Ich schreibe also strikt über das, was ich kenne», sagt Ellis.

Das hat er in «Weiss» noch konsequenter getan als in allen Büchern zuvor, denn es ist sein erstes Mal «Non-Fiction». Es ist überhaupt sein erstes Buch seit fast zehn Jahren, und im Gespräch bestätigt er freimütig, was beim Lesen als Eindruck bleibt: dass er einen weiteren Roman nicht in sich hatte, ein richtiges Memoir ebenfalls nicht und auch keinen konsistent durchargumentierenden Grossessay. Aber eine eindrucksvolle Mischung aus alldem eben schon.

So beschreibt «Weiss» im ersten Teil brillant ein ästhetisches Coming-of-Age in den Vorstadtkinos des San Fernando Valley, in einer Zeit, als es noch nicht ratsam erschien, sich wegen der üblichen Zumutungen im Leben notorisch verletzt, traumatisiert und als machtloses Opfer der Verhältnisse zu geben. Gewisse Härten hatte ja auch Ellis’ Erwachsenwerden: darunter die Erfahrung, schon mit Anfang 20 einen solchen Erfolg zu haben, dass alles, was danach kam, «wie eine Aneinanderreihung von Flops» wirkt.

Ethik statt Ästhetik

Zum Zweiten liefert «Weiss» über weite Strecken Verschriftlichungen des Podcasts, in dem Ellis sich regelmässig mit Hollywood auseinandersetzt, dazu Rechtfertigungen von Bemerkungen, die auf Twitter Aufregung verursacht hatten. Meistens läuft es dann auf leidenschaftliche Verteidigungen des Ästhetischen gegen das rein Ethische hinaus, des Deskriptiven gegen das Normative: Kathryn Bigelow habe ihren Oscar eher für ihr Geschlecht bekommen als für ihre Arbeit. Die Macher von «Moonlight» seien von Hollywood mehr für ihr Schwarzsein ausgezeichnet worden als für die Qualität ihres Films. Die Reaktionen auf diese Einlassung sind nun wesentlich Gegenstand von Ellis’ Suada: «Alle müssen gleich sein, alle müssen die gleichen Reaktionen auf bestimmte Kunstwerke, Bewegungen, Ideen zeigen, und wenn man sich weigert, in den Begeisterungschor einzustimmen, wird man als Rassist oder Frauenfeind gebrandmarkt. Das passiert einer Kultur, wenn ihr Kunst nichts mehr bedeutet.»

Dass seine Lesereise in den USA ausverkauft sei, wie Ellis sagt, zeigt zumindest, dass diese Themen rumoren im Bauch des amerikanischen Kulturbetriebs, wo hinter vorgehaltener Hand die Sorge vor jakobinischen Exzessen auf den Gebieten von «Social Justice» und «Political Correctness» vernehmbar ist. Aber eben hinter vorgehal­tener Hand – aus der berühmten Sorge vor dem Beifall von der falschen Seite, wo die Kunst im Zweifel ebenfalls nichts bedeutet, das Recht auf Ressen­timents aber alles.

Kritik der Kritik

Das Buch ist eine Kritik von Kritik an Kritik, die genau die Kritik hervorruft, die in dem Buch bereits kritisiert wird: ein litera­risches Perpetuum mobile also. Ellis’ Romane konnten schon immer zum Ins-Buch-Beissen öde sein mit ihren endlosen Dinners, Partys, Amoralitäten. Trotzdem musste sie gelesen haben, wer wissen wollte, was die Achtziger waren. Genauso wird nun «Weiss» lesen müssen, wer wissen will, wie die Gegenwart jedenfalls in Amerika aussieht. Denn Ellis’ ganze Abneigung gegen «Wunschdenken» und «sentimentale Narrative» machen «Weiss» dann doch wieder fast zum Roman. Kann es sein, dass das Buch in Wahrheit von einem Dinosaurier handelt in einer Welt, in der lauter kleine, unangenehm gefühlige Kometen einschlagen?

«Yeah», sagte Ellis: «Aber ich habe mich immer schon als dieser alte Mann gefühlt.» Nun lebt Ellis heute mit einem deutlich jüngeren Mann zusammen, der seit geraumer Zeit in Texten von und über ihn eine Rolle spielt, die einer Mischung aus Sidekick, Sancho Pansa und Boxsack entspricht: Todd ist «der Millen­nial» und vollkommen im Einklang mit dem Zeitgeist der linksliberalen Empfindsamkeit. Ellis wiederum, Jahrgang 1964, zählt sich zur abgeklärten «Generation X», bezieht die «New York Times» noch auf Papier, schneidet die Kreuzworträtsel aus und vertritt die Ansicht, dass es viele Realitäten, die Todd so umtreiben, gar nicht gebe, sondern nur die aufgebrachten Reaktionen darauf.

Im Wohnzimmer spielt Todd, der Millennial, ein Videospiel. Der wandgrosse Bildschirm zeigt pixelstark eine gewaltige Ex­plosion, als es Zeit zum Abschied wird. Der lateinamerikanische Pförtner nickt wortlos, aber nicht unfreundlich.

Bret Easton Ellis: Weiss. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 320 S., ca. 30 Fr.

Erstellt: 03.05.2019, 14:32 Uhr

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