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Ausmisten, aber richtig

Der Literaturnobelpreis darf nicht verloren gehen. Was es braucht, damit er seine Glaubwürdigkeit zurückerhält.

Die Akademie ist ein Gremium von Uneinsichtigen, das sich komplett diskreditiert hat. (Bild: Reuters/Jonas Ekstromer)
Die Akademie ist ein Gremium von Uneinsichtigen, das sich komplett diskreditiert hat. (Bild: Reuters/Jonas Ekstromer)

Die Schwedische Akademie hat entschieden, den Literaturnobelpreis dieses Jahr nicht zu vergeben. Man brauche «Zeit, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wiederherzustellen», begründete der Interimsvorsitzende Anders Olsson den Entscheid. Dieser ist richtig, unumgänglich – aber nicht ausreichend. Denn das Vertrauen in das Gremium, das die wichtigste Auszeichnung der Literaturwelt vergibt, ist nicht wiederherzustellen. Die Akademie hat es verspielt, unwiderruflich.

Jahrelang sind Fördergelder der Akademie an einen privaten Kulturclub des Fotografen Jean-Claude Arnault geflossen, den Ehemann des Akademiemitglieds Katarina Frostenson. Siebenmal wurde von dem Paar der Name des Preisträgers vorzeitig verraten. Arnault wird von 18 Frauen der sexuellen Belästigung oder Übergriffe beschuldigt. Sogar, horribile dictu!, Kronprinzessin Victoria soll er bedrängt haben.

Von all diesen Sauereien – ein nobleres Wort ist hier leider nicht angebracht – hat ein Teil der Akademie nichts gewusst, ein anderer offenbar nichts wissen wollen. Als die Ständige Sekretärin Sara Danius über eine Anwaltskanzlei eine Untersuchung einleitete, wurde sie von Kollegen daran gehindert, die Konsequenzen zu ziehen.

Betonköpfe und Gegenaufklärer

Aus Protest verliessen mehrere Mitglieder das Gremium; andere wurden hinausgedrängt. Inzwischen ist die Zahl der Verbliebenen auf zehn gesunken; unter ihnen Horace Engdahl, der Mann, der dereinst pauschal alle US-amerikanischen Autoren für nobelunwürdig erklärte und seinem Freund Arnault, dem Verursacher des Skandals, bis heute die Stange hält.

Ausgerechnet diese Uneinsichtigen, die Aufklärung und Ausmistung des Saustalls hintertrieben haben, wollen «das Vertrauen der Öffentlichkeit» zurückgewinnen? Aus solch befleckten Händen kann kein anständiger Preis mehr kommen, weder der Literaturnobelpreis noch eine der vielen anderen Auszeichnungen, für die die Akademie zuständig ist.

Das Gremium ist komplett diskreditiert. Es ist auch nicht beschlussfähig, streng genommen kann es nicht einmal beschliessen, den Nobelpreis zu verschieben. Es kann sich auch nicht, wie bisher üblich, durch Zuwahl vervollständigen, dazu fehlen ihm Recht und Legitimität. Einer Akademie, wie Betonköpfe und Gegenaufklärer um Horace Engdahl sie sich nach ihrem Gusto schaffen, wird kein Vertrauen zuwachsen und nicht die Autorität, die sie einmal hatte.

Natürlich brauchen wir den Preis!

Denn das zeichnete die Akademie und ihren wichtigsten Preis aus, bisher: Autorität und Kontroverse. Die Verleihung des Literaturnobelpreises im Oktober war eine Setzung, an der niemand vorbeikam. Ein Termin, für den sich sogar Kulturfremde und Lesemuffel interessierten – einmal im Jahr. Ein Preis, der gerade weil er solch eine Instanz war, Anlass zu Streitlust gab, zu begeisterter Zustimmung wie zu Spott und Häme. Hier konnte, wie beim Fussball, jeder mitreden – naja: jeder Literaturenthusiast, und von denen gibt es nicht so wenige. Dario Fo, Jelinek, Pinter, Bob Dylan: wie konnte man sich herrlich darüber aufregen. Und genüsslich die Übergangenen der Vergangenheit zitieren, von Tolstoi über Proust und Joyce zu Kafka und Brecht.

Das darf nicht Vergangenheit sein. Natürlich brauchen wir diesen Preis weiter. Aber auch eine Jury, die würdig ist, ihn zu vergeben. Ein letzter würdiger Akt des kläglichen Restes wäre es, den schwedischen König um Auflösung zu bitten. Carl XVI. Gustafs Ruf ist zwar auch nicht makellos, aber es ist nun mal eine Königliche Akademie, 1786 gegründet. Allein der König kann – hoffentlich gut geführt von kulturkundigen Beratern – eine Neugründung wagen, die, bildlich gesprochen, den Mist auskehrt, den Stall aber stehen lässt. Er sollte zwölf neue «Akademiker» aus Schweden berufen (zu den Aufgaben der Runde gehört ja auch die Pflege der schwedischen Sprache). Darunter dürften auch frühere Mitglieder sein – aber nur aus dem Kreis der Aufklärer, also der Ausgetretenen.

Dazu als Novum: sechs Mitglieder aus anderen Ländern, die eine Witterung auch für nichteuropäische Autoren haben. Die neuen achtzehn sollten nicht auf Lebenszeit gewählt werden, sondern auf fünf Jahre, Wiederwahl einmal möglich. Ob das schon bis 2019 zu schaffen ist? Schwierig. Aber nicht unmöglich. Weiterwursteln – das wäre das Ende des Preises.

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