Wenn Bakterien Gefühle auslösen

Seit ihrem Bestseller «Darm mit Charme» trauen sich Menschen plötzlich, «über das Kacken zu reden», wie es Giulia Enders formuliert. Eine Begegnung mit der Autorin.

«Der Erfolg ist so ein bisschen überwältigend», sagt Ärztin und Bestsellerautorin Giulia Enders. Foto: Markus Wächter (Caro)

«Der Erfolg ist so ein bisschen überwältigend», sagt Ärztin und Bestsellerautorin Giulia Enders. Foto: Markus Wächter (Caro)

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Für das Treffen hat Giulia Enders, Bestsellerautorin und Doktorandin in Gastroenterologie, in den sogenannten Kreativpark im alten Schlachthof in Karlsruhe geladen. Die alte Schweinemarkthalle wurde aufgehübscht, die Fenster sind ausgetauscht und die Heizungsrohre hip an der Decke verlegt. Am Eingang ist ein kleines Café, das Bio-Kaffee und Selbstgebackenes verkauft. Wer zunächst nur eine gute Idee hat, braucht nicht mehr als zehn Quadratmeter Platz.

«Ganz nett, oder?», fragt Enders. Ja, ganz hübsch alles. Auch die Start-ups mit ihren teilweise abseitigen Ideen. Eines entwickelt ein «soziales Gefälligkeiten-Netzwerk». Ein anderes fabriziert: «nachhaltige Bio-Leisure-Wear. Fair produziert in Deutschland. Individualisierbar dank Handarbeit. Made by Refugees». Sämtliche Debatten vereint in einer Hose. Wie das so ist, wenn Leute versuchen, reich zu werden, indem sie den Zeitgeist reiten.

Giulia Enders hat keinen der Container im Kreativpark gemietet. Sie hatte auch keine verrückte Idee. Sie hat einfach ein sehr lesenswertes Buch geschrieben über ein Thema, mit dem sie sich intensiv befasst hat. Im Fall einer Gastroenterologin wie Enders ist das der Darm. Dass sich dann der ausserplanmässige Wahnsinn zugetragen hat, findet Enders noch immer «so ein bisschen überwältigend»: 2,2 Millionen Mal wurde ihr Buch allein im deutschsprachigen Raum verkauft, dessen Kapitel teilweise Fragen als Überschriften tragen, von denen man dachte, man kenne bereits die Antwort. «Wie geht kacken?» «Sitze ich richtig auf dem Klo?» Oder: «Warum wir erbrechen und was wir ­dagegen tun können».

Erfolg in über 40 Ländern

«Darm mit Charme» ist das erfolgreichste Sachbuch unserer Zeit. Verlegt wird es in mehr als 40 Ländern, gerade kommt Enders zurück von einer Lesereise in Australien. Es gibt inzwischen eine Reihe von Darmtrittbrettfahrern, die Bücher auf den Markt drücken, deren Titel schon verraten, dass die Autoren die gleichen Geschichten erzählen wollen wie Enders.

Nun ist es erstmals einem Verlag gelungen, das Erfolgsprinzip in ein anderes Organ zu transplantieren. «Haut nah: Alles über unser grösstes Organ» der Hautärztin Yael Adler steht in der Bestsellerliste sogar einen Platz vor der Neuauflage von «Darm mit Charme». Enders hat es noch nicht gelesen. «Aber nicht aus Bosheit. Ich bin nur noch nicht dazu gekommen. Wenn die Autorin das auch so macht, dass sie die wissenschaftliche Forschung nimmt und in allgemein verständliche Sprache übersetzt, dann ist das doch gut!»

Alles kommt von aussen. Ist es da nicht manchmal erfrischend, den Blick nach innen zu wenden? Ganz tief nach innen?

Wäre Giulia Enders Autoschrauberin und hätte sie ihr Wissen über rostige Katalysatoren und defekte Lambdasonden aufbereitet, wäre sie auch eingeladen worden in die Fernsehsendung «3 nach 9»? Und hätte deren Moderator Giovanni di Lorenzo dann geschwärmt, Enders habe sein Leben verändert? Man weiss es nicht mit Gewissheit, ahnt aber: Nur beim Darm kommt einiges zusammen.

Mit Enders’ Auftritt bei di Lorenzo ist alles losgegangen. Er sei der Einzige gewesen, der an das Thema geglaubt habe, bevor ihr Buch ein Millionenseller wurde. Andere Moderatoren hätten gesagt: «Nein, wir können nicht in unserer Sendung über das Kacken reden.» Es sei zwar «nie das Ziel gewesen, über das Kacken zu reden». Andererseits sei es so: «Wenn der Elefant im Raum ist, muss er auch adressiert werden.»

Die Kluft wird grösser

Ohne den Elefanten zu erwähnen, weiss die Wissenschaftlerin Enders, liessen sich all die spannenden Weiterungen im Darm gar nicht thematisieren: die Allergien. Die Lebensmittelunverträglichkeiten. Das Zusammenspiel zwischen Darm und Hirn, das Auswirkungen auf unsere Psyche hat. Ohne auf den Elefanten zu kommen, würde die Autorin auch nicht zu einer Art Gesamtkunstwerk mit ihrem Buch verschmelzen, bei dem es der Betrachter gar nicht fassen kann, mit welcher Unschuld und Selbstverständlichkeit jemand all diese Worte formulieren kann, die gemäss der Etikette entfernt werden sollen aus unserer Alltagssprache.

«Im Odenwald darf der alte Bauer, der auf dem Hof sitzt, noch laut pupsen», sagt Enders. «Aber je städtischer und digitalisierter wir werden, desto grösser wird die Kluft zwischen unserem tierischen Wesen und unserer geistigen Wahrnehmung.» Vielleicht erklärt das ja die Sucht nach dem Buch. Der Leser zieht sich im Geiste zurück auf eine Bank im Odenwald. Dort traut er sich, Dinge zu erleben, die am Esstisch längst verboten sind.

«Uns beschäftigt der Abstand zu dem Wesen, das wir sind.»Giulia Enders

Die Ärztin Giulia Enders hat eine allgemeine Hinwendung zum Körperlichen diagnostiziert. Die Gesellschaft verhalte sich zunehmend externalisierend, sagt sie. Über den Bildschirm flimmern die Nachrichten, die Mails, die sozialen Netzwerke: Alles kommt von aussen. Ist es da nicht manchmal erfrischend, den Blick nach innen zu wenden? Und was liegt denn, bitte schön, tiefer im Innern als der Darm?

Ein Bekannter von Giulia Enders, den sie «mein Horrorfilmfreund» nennt, hat diese Tendenz sogar an der Genese des Gruselgenres festgemacht. In den Sechzigerjahren hätten die Filme von Aussenseitern und Psychos gehandelt. Inzwischen würden Menschen gefoltert, jemandem der Mund zugenäht oder bei lebendigem Leib der Bauch aufgeschnitten. Das hat der Horrorfilmfreund festgestellt. Enders sagt: «Uns beschäftigt immer mehr der Abstand zu dem Wesen, das wir sind. Weil wir plötzlich nur noch so gehirngeistige Aussenweltwesen sind.»

Deutung des Weltenzorns

Es sind vor allem ihre darmphilosophischen Betrachtungen, die Gespräche mit Giulia Enders so wunderbar machen. Nichts hasst die 27-Jährige daher mehr, als wenn sie in Artikeln mal wieder etwas über ihren wehenden blonden Pferdeschwanz lesen muss oder über ihre porenfreie Haut. Wenn versucht wird, den Erfolg ihres Buchs, das ja kein Ratgeber, sondern ein Sachbuch ist, auch mit dem Aussehen der Autorin zu erklären. Journalisten etwa, die Enders fragen, ob sie denke, dass «Darm mit Charme» genauso erfolgreich wäre, hätte es ein Endvierziger mit Bierbauch geschrieben, entgegnet sie: Diese unverschämte Frage sei zwar noch nie so charmant getarnt worden. Andererseits sei die These grober Unfug. «Das Buch ist in 40 Ländern auf dem Markt und überall erfolgreich. Und da sind Länder dabei, in denen ich noch nicht im Fernsehen war und auch keine Interviews gegeben habe.» Schachmatt.

Vielleicht ist der Erfolg des Buchs also eher damit zu erklären, dass es hilft, den grossen Weltenzorn zu deuten. Für die Neuauflage von «Darm mit Charme» hat sich Enders mit der Frage beschäftigt: Welche Emotionen können Bakterien im Darm verändern? Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit etwa basiert auf Hormonen. Bakterien dagegen sind erstmals wissenschaftlich überführt worden, dass sie Wut und unruhiges Hirngrübeln verstärken können. «Ich sage nicht, dass alle Menschen zu Mutanten werden, weil Bakterien in ihrem Darm einen Schalter umlegen», sagt Enders. «Aber sie werden um 10 bis 20 Prozent wütender.»

Eine Darmkur für Trump wäre vielleicht eine gute Sache für den Weltfrieden.

Kann es also sein, dass der Präsident von Amerika zum Telefonhörer greift und 59 Marschflugkörper auf ein Rollfeld in Syrien schiessen lässt, weil in seinem Darm ein paar Bakterien sind, die da nicht hingehören? «Nicht auszuschliessen», sagt Enders. «Wenn er nur aus Wut gehandelt hat, dann könnte es sein, dass er ein bisschen weniger wütend gewesen wäre, wenn sein Darm gesund gewesen wäre.»

Diesen einen Gedanken nimmt man mit von einem Treffen mit Giulia Enders, er verfolgt einen noch Tage später. Vielleicht wäre es für den Weltfrieden eine gute Sache, würde Trump einmal eine Darmkur machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2017, 17:41 Uhr

Buch

Giulia Enders: Darm mit Charme. Aktualisierte Auflage. Ullstein, Berlin. 2017. 304 S., ca. 25 Fr. www.darm-mit-charme.de

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