Rezension

Wenn dieser Berg ruft, kommen sie alle

Die Rigi im beinahe allumfassenden Panoramablick eines geborenen Küssnachters: Das ist der wunderbare Bilder- und Geschichtenband «Mehr als ein Berg» des NZZ-Journalisten Adi Kälin.

War dem Heimatschutz ein Dorn im Auge: Palasthotel auf dem Rigi-Kulm.

War dem Heimatschutz ein Dorn im Auge: Palasthotel auf dem Rigi-Kulm. Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung

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1. Matterhorn. 2. Jungfrau. 3. Eiger. 4. Mönch. 5. Dufourspitze: Das wären wohl die Topplätze, würde man in einer repräsentativen Strassenumfrage die berühmtesten (nicht die bezauberndsten!) Schweizer Berge ermitteln. Die Rigi, auch das nur eine Annahme, würde im mittleren Mittelfeld landen, wahrscheinlich hinter dem Pilatus, aber noch knapp vor dem Mythen und dem Säntis.

Dennoch, so gewinnt man bei der Recherche den Eindruck, scheint das Zentralschweizer Massiv, das sich zwischen Vierwaldstätter-, Zuger- und Lauerzersee ausstreckt wie ein dösender Drache, Gemüter (und Beine) oft stärker bewegt zu haben als seine prominentere geologische Verwandtschaft. Man könnte es, poetisch überhöht, auch so formulieren: Wenn dieser Berg ruft, kommen sie alle. Das war bereits vor 200 Jahren so, das war gegen Ende des 19. Jahrhunderts in ganz ausgeprägtem Masse der Fall, und das hat sich bis heute nicht merklich geändert. Und alle, das sind wirklich alle: Chronisten, Dichter, Curler, Architekten, Maler, Älpler, Schwinger, Touristen, Helden, Wanderer, Adlige, Kranke, Fotografen, Romanciers, Pilger, (Schein-)Heilige, Jetsetter, Ingenieure, Visionäre, Hoteliers, Glücksritter, Schüler, Skifahrer und -springer, Heimatschützer – und sogar Ufologen.

Manche von ihnen sind jedoch nicht nur dem Ruf gefolgt, sie haben sich vom Charme, der Naturpracht und der Aussicht der «Königin der Berge», wie die Rigi manchmal auch geheissen wird, zu Bildern und Geschichten betören lassen – zum Beispiel William Turner, Johann Wolfgang von Goethe oder Mark Twain. Und nun, viele Dekaden später, auch der etwas weniger bekannte, aber genauso in den Berg vernarrte Adi Kälin.

Skandale und Tragödien

Kälin ist Journalist – er arbeitet als Redaktor bei der NZZ – und Historiker. In erster Linie ist er aber Küssnachter. Im pittoresken Städtchen am Fusse der Rigi ist er aufgewachsen, und schon in der Jugend war sein Leben eng mit dem Berg verbandelt. Denn er gab vor, wann die Buben die kurzen Hosen aus dem Schrank holen durften (wenn der letzte Schneefleck verschwunden war), oder er wurde für tollkühne nächtliche Skiabfahrten vom Staffel auf den Seeboden genutzt.

Solche Erinnerungsstücke liest man im Vorwort von Kälins eben erschienenem Buch «Rigi. Mehr als ein Berg». Es ist bei weitem nicht die erste Publikation, die sich mit dem Höhenzug beschäftigt. Aber es ist, mindestens unter den jüngeren Erscheinungen, eine der vielseitigsten (wobei der Autor im Vorwort wohl zu Recht anmerkt, dass jedes neue Rigi-Buch letztlich bloss einen kleinen Beitrag zur Geschichte und Gegenwart des Berges leisten kann). Und es ist – das ist positiv gemeint – die bislang journalistischste. Dem beruflichen Enthüllungsdrang verpflichtet, hat Kälin nämlich Geschichten ausgegraben, die ein Boulevardblatt wahrscheinlich mit «Skandale und Tragödien» betiteln würde.

Dazu gehört auch eine fragwürdige Aktion des Heimatschutzes. Diesem war es (befeuert durch ein im «Landigeist» von 1939 geborenes Biederkeitsklima) gelungen, das durch einstige Prunkbauten, Strassen und die Bergbahn «völlig zerrüttete Landschaftsbild» des Rigi-Kulm in den 40er- und 50er-Jahren zu «sanieren» – sprich durchzusetzen, dass das Palasthotel und das Hotel Regina Montium abgerissen wurden (zur Finanzierung der Propaganda verkaufte der Heimatschutz Schoggitaler!). Als der Verein im Juni 1955 sein 50-jähriges Bestehen zelebrierte, sollte der Höhepunkt der Feier auf dem «gesäuberten» Rigi-Kulm stattfinden. Dabei errichtete man aus herumliegendem Material des abgerissenen Palasthotels einen riesigen Holzstoss und steckte zuoberst, auf eine Stange montiert, ein Kartonabbild des Regina Montium hinein. Als dann Glocken schwingende Bauernburschen «im magischen Zug» ums lodernde Feuer schritten, habe das «regelrecht an eine Hexenverbrennung erinnert», so Kälin.

Nicht skandalös, vielmehr tragisch endete sechs Jahre später die Feuersbrunst, der das Grandhotel Kaltbad zum Opfer fiel – elf Menschen starben. Betroffen von der Katastrophe war auch Bestsellerautor und Ufologe Erich von Däniken, der zu jener Zeit als Barkeeper im Hotel arbeitete. Beim Brand verlor er nicht nur sein Hab und Gut, man warf ihm auch Versicherungsbetrug vor, da er einen Totalverlust angegeben hatte, laut Zeugen aber einen Koffer retten konnte (der jedoch seinem Bruder gehörte). Der Fall wurde später nochmals aufgerollt – und der Autor wegen Betrugs und Urkundenfälschung verurteilt, was vielerorts als Farce bezeichnet wurde. In derselben Hetzkampagne warf man ihm auch vor, er habe Kollegen im Feuer im Stich gelassen, um seine eigene Haut zu retten – was durch einen Kellner widerlegt wurde, der zu Protokoll gab, ohne von Dänikens Hilfe würde er nicht mehr leben.

Die Bahn brachte den Boom

Auch wenn solche Episoden hochspannenden Lesestoff bieten, vermögen sie, bildlich gesprochen, keinen ganzen Berg zu tragen. Müssen sie auch nicht, diese Aufgabe überträgt Kälin nämlich seinem Schwerpunktthema, der touristischen Erschliessung der Rigi. In loser Chronologie zeigt er auf, wie sich die Rigi von der Älplerheimat und Pilgerstätte (um 1800) im Laufe des 19. Jahrhunderts zum «Modeberg» entwickelte, den Fürsten und Schöngeister allein schon aus Prestigegründen zu besteigen hatten. Mit der Eröffnung der Zahnradbahnen von Vitznau (1871, sie war die erste Bergbahn Europas) und Arth (1875) setzte dann der Massentourismus ein, es wurden Illusionen geweckt, Utopien geboren. Abgeschwächt wurde der Boom durch die «Rigi-Krankheit» (eine Typhus-Epidemie mit Brechdurchfall), jäh gestoppt wurde er schliesslich durch den Ersten Weltkrieg.

Im weiteren Verlauf der Tourismusgeschichte werden zentrale Figuren wie Rosa Dahinden («der weibliche Columbus vom Rigi») porträtiert, findige Architekten vorgestellt, wird der Schritt in die Moderne skizziert, in der die Rigi vom trendigen Modeberg zum Naherholungs-Ausflugsziel für Hinz und Kunz verkam. Gerade dank dieser kritischen Auseinandersetzung ist das Buch – reich an grandiosen Fotos, alten Zeichnungen und Gemälden – als respektvolle Hommage zu lesen. Als Hommage, die den Berg, sollte es einst eine Hitparade geben, definitiv näher an die Top 5 heranrückt.

Erstellt: 03.06.2012, 13:00 Uhr

Kälin, Adi, Bally, Gaëtan (Fotogr.); «Rigi - Mehr als ein Berg»; hier + jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte , 276 Seiten, ISBN 978-3-03919-245-8, CHF 73.00.

Rigi - Mehr als ein Berg

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