«Wer das Opfer spielt, wird zum Opfer»

Der griechische Schriftsteller Petros Markaris sieht sein Heimatland nach wie vor in einer schweren Krise.

«Ich bin dagegen, dass man falsche Hoffnungen weckt», sagt der Autor Petros Markaris. Foto: Philippe Matsas (Laif)

«Ich bin dagegen, dass man falsche Hoffnungen weckt», sagt der Autor Petros Markaris. Foto: Philippe Matsas (Laif)

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Man hört und liest nichts mehr über die Krise in Griechenland, welche lange Zeit das zentrale Thema der politischen Berichterstattung war.
Die Prioritäten haben sich verschoben: Heute geht es um die USA, England und die Türkei. Für die internationale Politik spielt das, was dort passiert, eine unvergleichlich wichtigere Rolle, als das, was in einem so kleinen und unbedeutenden Land wie Griechenland geschieht.

Geht es dem Land heute besser als vor einigen Jahren?
Nein, keineswegs. Dem Land geht es nach wie vor schlecht, und man sollte nicht auf falsche Hoffnungen bauen, wie dies auch die griechische Regierung tut. Das sind Wunschträume! Was wir in Griechenland erleben, wird noch länger andauern. Die Krise wird nicht so schnell vorbei sein. Wir brauchen Zeit, und ich bin dagegen, dass man falsche Hoffnungen weckt. Denn die einfachen Bürger Griechenlands sind mittlerweile so erschöpft, dass sie eine weitere Enttäuschung nicht mehr ertragen. Es ist jetzt besser, zu schweigen und das Land langsam Atem schöpfen zu lassen.

In Ihrem neuen Krimi «Offshore» kommen zahlreiche Stimmen zu Wort, die von Aufschwung reden.
Als ich den vierten Roman über die Krise fertiggestellt hatte, wollte ich nicht mehr darüber schreiben. Denn es ist nicht einfach, so viele Jahre Bücher über die Krise zu verfassen – und gleichzeitig in ihr zu leben. Wenn mein Arbeitstag vorbei ist, rufe ich meine Schwester an, die enorme Schwierigkeiten hat. Dann rufe ich meinen verzweifelten Schwager an. Oder ich gehe nach draussen und treffe Freunde, die es so schwer haben, dass sie nicht einmal wissen, ob und wie sie überleben werden. 24 Stunden lebe ich in und mit der Krise – sei es nun als Autor, sei es als Bürger.

Die Krise hat aber auch zum Erfolg Ihrer Bücher beigetragen.
Natürlich ist die Krise ein gutes Thema für einen Schriftsteller. Wenn jeweils ein Krimi fertig war, wusste ich bereits das Thema für den nächsten. Irgendwann fragte ich mich aber: Wie wäre es, wenn das Geld wieder ins Land zurückflösse und sich alles in eine bessere Richtung entwickeln würde? Wie werden die Griechen dann reagieren? Werden sie wieder so leben wie in der Vergangenheit, als sie den fiktiven Reichtum genossen haben? Oder haben sie aus den Krisenerfahrungen gelernt?

Was meinen Sie selbst?
Die älteren Leute, meist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, sind vorsichtig. Wenn auf einmal immer mehr Geld ins Land fliesst, werden sie misstrauisch wie meine Romanfigur Adriani, die Ehefrau des Kommissars Kostas Charitos. Sie trauen dem schnellen Wohlstand nicht. Die Jüngeren wie ihre Tochter hingegen sind begeistert und sehnen sich nach einer grösseren Wohnung. Die Sehnsucht nach der Vergangenheit, die ich anhand der jungen Generation beschreibe, existiert auch im realen Leben. Diese Menschen haben den fiktiven Reichtum erlebt, nicht aber die Armut davor – und darum gibt es für sie nur den Wunsch, dieses Leben wieder leben zu können. Die Sehnsucht nach der Vergangenheit hindert sie daran, einen Blick in die Zukunft zu werfen.

In Ihrem Buch fliesst reichlich Schwarzgeld nach Griechenland. Wie sieht es in Wirklichkeit aus?
Es gab in Griechenland immer eine Tradition der Steuerhinterziehung – und es gibt sie nach wie vor. Heute ist die Situation aber anders; nicht etwa, weil die Griechen Steuern bezahlen würden, sondern weil sie mit den enorm hohen Steuersätzen, die mit Zustimmung der EU eingeführt wurden, nicht wirtschaften können. Ein mittelgrosses Unternehmen zahlt in Griechenland im Minimum 27 bis 29 Prozent Steuern. Die Folge ist, dass 20'000 mittlere und kleine Unternehmen ihren Sitz ins Ausland verlegt haben: In Bulgarien müssen sie nur 6, auf Zypern 10 Prozent Steuern zahlen. Das hat mit Steuerhinterziehung nichts zu tun, sondern mit der gemeinsamen Dummheit der Europäer und Griechen! Die grösste Milchproduktefabrik Griechenlands hat ihren Hauptsitz in Luxemburg und versteuert ihren Gewinn ausgerechnet im Heimatland von Jean-Claude Juncker, dem Präsidenten der EU-Kommission. Davon profitiert er, nicht Griechenland.

Das ist aber völlig legal.
Klar. Wieso soll eine grosse Firma 40 Prozent Steuern zahlen, wenn Luxemburg nur 15 Prozent verlangt? Unternehmer müssen keine Idealisten sein, sondern gewinnorientiert arbeiten. Aber das Gerede darüber, Griechenland solle gefälligst Unternehmen anziehen, ist absurd. Die EU war ja gar nie willens, einheitliche Steuersätze einzuführen, damit solche – für ein Land harte – Abwanderungsbewegungen verhindert werden.

Hat die Krise also dazu geführt, dass andere Staaten profitierten?
Ja, so ist es. Das Geld fliesst überhaupt nicht mehr, und denjenigen, die in Griechenland geblieben sind, hat man so viele Steuern aufgebürdet, dass sie die Last nicht mehr tragen können. Da die finanziellen Mittel fehlen, ist das ganze Geschäft ruiniert. Viele Bürger, die keine Steuern bezahlen, betreiben demnach keine Hinterziehung, und zwar einfach deshalb, weil sie kein Geld mehr haben.

«Dieses Desaster ist das Ergebnis einer verfehlten Politik sowohl der EU als auch Griechenlands.»

Wenn das so weitergeht, kommt irgendwann wieder die Troika und sagt, wie es weitergeht.
Genau. Und dann werden den armen Rentnern die Renten weiter gekürzt, die Sozialabgaben genauso erhöht wie die Steuern für die Eigentumswohnungen, für welche die Menschen ein Leben lang hart gearbeitet haben. Dieses Desaster ist das Ergebnis einer verfehlten Politik sowohl der EU als auch Griechenlands.

Aber die griechische Regierung ist doch links und gibt vor, sich für die kleinen Leute einzusetzen!
Links? Ich bitte Sie, dieses Wort nicht mehr zu verwenden, wenn Sie von der griechischen Regierung sprechen! Diese macht nicht nur nichts für die Arbeiter, sie macht auch nichts für die Rentner oder die einfachen Leute, von denen sie gewählt wurde.

Irgendjemand muss doch Vorteile haben und begünstigt werden.
Was sich heutzutage abspielt, hat mit dem Osmanischen Reich mehr zu tun als mit Europa: Zu osmanischer Zeit sind die Grossgrundbesitzer vom Peloponnes zum Pascha-Gouverneur der Region oder zum Sultan gegangen, haben Treue geschworen – und bekamen Privilegien. Danach kehrten sie nach Hause zurück und saugten den armen Landwirten das Blut aus. Die heutige Regierung geht nach Brüssel, unterschreibt alles, was auf den Tisch kommt, und bekommt das Vertrauen der Europäer und dazu die Privilegien. Zurück in Griechenland, saugt die Regierung mit den Steuern und den Kürzungen das eigene Volk aus.

«Natürlich sind die Griechen selbst schuld: Sie haben diese Partei gewählt.»

Trotzdem wählten die Griechen diese Regierung.
Natürlich sind die Griechen selbst schuld: Sie haben diese Partei gewählt. Da sie von den anderen Parteien zu Recht nicht begeistert waren, wollten sie den jungen Leuten eine Chance geben. Ich weiss aber nicht, ob die Griechen dies noch einmal tun werden.

Können sie sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf ziehen?
Das hätten sie ganz am Anfang der Krise im Jahr 2010 machen können. Wenn der damalige Premierminister Giorgos Papandreou gesagt hätte, wir schaffen das alleine und setzen die notwendigen Reformen ohne Brüssel selbst durch. Wir hätten uns – wie Spanien – eine Zeitlang damit abfinden müssen, Kredite zu höheren Zinsen zu erhalten. Dann wäre alles besser herausgekommen. Ob man nun Sympathien für Rajoy hat oder nicht, er hatte doch recht, sein Land nicht unter EU-Aufsicht zu stellen, wie das mein Heimatland getan hat. Jetzt schiebt Griechenland die Schuld Europa zu und generiert sich als Opfer. Und wer das Opfer spielt, wird zum Opfer. Das ist eine einfache Wahrheit.

Wie geht es jetzt weiter?
Die Regierung wird wohl bis Ende 2018 im Amt bleiben; danach, wenn es noch härtere Massnahmen geben wird, wird sie sich wohl drücken, damit andere übernehmen. Es wird ja unendlich viel geredet über die Fehler der Europäer, aber ich kann nicht sagen, dass der Ursprung dieses Leids bei den Europäern liegt. Vielmehr liegt er bei uns und unseren Regierungen, die wir gewählt haben. Wir leben nicht in einer Militärdiktatur.

«Wir Griechen gingen in die EU, als seis ein Osterfest!»

Wäre es ohne die EU besser gelaufen für Griechenland?
Ich weiss nicht, ob es besser gewesen wäre. Im Nachhinein weiss ich aber, dass es voreilig war, Griechenland in die Eurozone zu bringen. Zuerst hätten wir alle notwendigen Reformen durchführen müssen, um das Land auf sicherem Grund in die EU zu führen. Erst dann hätten wir den Euro übernehmen sollen. So aber war der ganze Prozess unvorbereitet und verfrüht. Wir Griechen gingen in die EU, als seis ein Osterfest!

Jetzt wollen einige Griechen ihre Drachme zurück.
Das ist jetzt zu spät. Es ist wie bei einem Labyrinth. Vor dem Eingang kann man entscheiden, ob man hineinwill. Ist man aber einmal drin, kann man nicht einfach sagen: Das gefällt mir nicht, ich haue ab! Da man den Ausgang nicht findet, geht das nicht mehr. Der einzige Ausweg für die jungen Leute ist der Wegzug aus Griechenland.

Wohin?
Egal, wohin.

Erstellt: 30.08.2017, 18:33 Uhr

Petros Markaris

Der Autor und sein neustes Buch

International bekannt wurde der 1937 in Istanbul geborene, heute in Athen lebende Petros Markaris mit seinen Kriminalromanen. Soeben ist «Offshore», der neueste Fall für den Kommissar Kostas Charitos, im Zürcher Diogenes-Verlag erschienen. Nach vier Krimis, die sich mit der Krise Griechenlands beschäftigen, wird im zehnten Charitos-Buch vom Aufschwung des krisengeplagten Landes erzählt – befördert mit viel Schwarzgeld und dunklen Machenschaften. (kal)

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