Wer durchhält, wird reich belohnt

Ein Meisterwerk der russischen Literatur erscheint endlich auf Deutsch: «Die Eroberung von Ismail» des Wahlschweizers Michail Schischkin.

Seine Kritik nimmt man ihm in der Heimat übel: Michail Schischkin lebt in Kleinlützel SO. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Seine Kritik nimmt man ihm in der Heimat übel: Michail Schischkin lebt in Kleinlützel SO. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Was für eine Wucht in diesem Roman steckt! Nur schon seine Wirkungsgeschichte zeigt, wie viel sich in Russland verändert hat in den letzten 20 Jahren. Wer sich auf das Buch einlässt, erfährt aber auch, wie viel in Russland gleich geblieben ist in den letzten 200 Jahren.

Zunächst zur Wirkungsgeschichte: Michail Schischkin, geboren 1961 in Moskau, hat «Die Eroberung von Ismail» Ende der Neunzigerjahre in Zürich geschrieben. Er ist, wie er immer wieder betont, nicht als Emigrant in die Schweiz gekommen, sondern aus familiären Gründen. Seine damalige Lebenspartnerin war Schweizerin. Als der Roman 1999 erscheint, ist er das Buchereignis des Jahres in Moskau. Schischkin erhält dafür den russischen Booker-Preis. Und auch die nächsten Romane «Venushaar» (2005) und «Briefsteller» (2010) ehrt man mit den höchsten Literaturpreisen des Landes. Da ist Russland noch stolz auf seinen Schriftsteller.

«Ausländer» geworden

Mittlerweile aber gilt Schischkin als «Nationalverräter». Sogar Studien erscheinen, die den Verräter entlarven sollen. Warum Schischkin in Ungnade gefallen ist, lässt sich leicht erraten: Seit Jahren hält er es für seine Pflicht, in Zeitungs­artikeln und Interviews das Ausland über die Missstände in Russland und die Politik Wladimir Putins aufzuklären. Das nimmt man ihm in der Heimat übel.

Regimefreundliche Kreise behandeln Schischkin seither wie einen «Ausländer», und im Russischen ist das auch ein Wort, das für Stumme gebraucht wird. Tatsächlich hat man Schischkin im eigenen Land weitgehend zum Verstummen gebracht. Inzwischen fühlt er sich selber als Emigrant. Seit 2014 ist er nicht mehr nach Russland gereist. Theoretisch wäre es zwar weiterhin möglich, aber nur, solange er sich eben wie ein Ausländer verhält, das heisst politisch stumm. Eigentlich sei nicht er emigriert, meint Michail Schischkin trotzig, sondern Russland sei emigriert, nämlich Back in the USSR.

Verdienstvolle Übersetzer-Arbeit

Damit zur Lektüre des Romans «Die Eroberung von Ismail», der jetzt endlich auch auf Deutsch vorliegt, dank der langjährigen, verdienstvollen Arbeit des Übersetzers Andreas Tretner. Es ist kein politischer Roman, er ist mehr als das: Er gibt uns einen ganzen Schlüsselbund in die Hand, und jeder Schlüssel hilft uns, besser zu verstehen, wie Russland tickt.

Die heutige Verketzerung des Autors als Landesverräter irritiert umso mehr, als Schischkin bereits in diesem frühen Meisterwerk über Russland Gericht hält. Um genau zu sein, weitet sich der Roman zum Weltgericht aus. Die Gefängnismoral, das Triumphieren der Mächtigen und die Ohnmacht der gesellschaftlich Schwachen: Manches von der Kritik, die Schischkin heute in den Medien gegen Russland vorbringt, ist bereits in «Die Eroberung von Ismail» angelegt.

Uneinnehmbare türkische Festung

Der Titel spielt auf eine wichtige türkische Festung an, die als uneinnehmbar galt, bis dann der berühmte General Suworow sie doch eroberte. Jedes Kind in Russland kennt diese Ruhmesgeschichte. In Schischkins Roman baut ein Junge die Festung von Ismail aus Pappkarton nach, und die Mäuse, die er dressiert, sollen die Festung einnehmen. Als er gefragt wird, wie das die Mäuse schaffen sollen, antwortet der Junge, man müsse nur an den strategisch wichtigen Orten Käsebröckchen aufstellen. Entwaffnende Logik! Zum Nationalstolz verfestigte Weltgeschichte wird in diesem Roman lustvoll demontiert. Ein Sakrileg in einem Land, das sich, so Schischkin, im «Bürgerkrieg» befindet.

In seiner modernen Version des Weltgerichts schenken Anklage und Verteidigung sich und auch dem Leser nichts. Man braucht einen langen Atem beim Lesen, um den Überblick zu behalten und sich nicht überfordert zu fühlen. Aber es gehört zum Programm dieses Romans, dass man sich darin verliert. Und wer durchhält, wird reich beschenkt.

Unzählige Zeugen und Experten treten auf: russische Dichter und Denker, aber auch Rechtsgelehrte, und selbst altslawische Gottheiten unterhalten sich während einer Zugfahrt durch gottverlassene Gegenden. Einen etwas grösseren Auftritt gewährt Schischkin dem Provinzanwalt Alexander Wassiljewitsch, der sich der Erniedrigten und Mittellosen annimmt. Er hat einen Lebenslauf für ein juristisches Lexikon zu verfassen, der jeden gewöhnlichen CV-Rahmen sprengt. Der Roman zeigt, wie eingehend in Russland über Recht, Gerechtigkeit, Schuld und Sühne und Wahrheit reflektiert worden ist, doch im realen Alltag scheint sich nach wie vor das Recht des Stärkeren zu behaupten. Die Herrschenden setzen sich immer wieder selbstherrlich über die aufklärerischen Einsichten hinweg.

Am eigenen Leben überprüft

Mit der Spurensicherung nimmt es der Autor ernster als die meisten realen Untersuchungsbehörden in Russland: Wir werden mit Unmengen von Zitaten aus Büchern und Chroniken eingedeckt. Diese Zitierwut ist aber kein Relikt aus postmoderner Zeit. Es geht ihm um mehr als nur ein beliebiges Spiel mit Zitaten.

Das verdeutlicht vor allem der lange Epilog, in welchem Michail Schischkin seine Erfindungen und die zitierten Inhalte aus der reichen Kultur- und Rechtsgeschichte überprüft – und zwar am eigenen Leben. Autobiografisch erzählt er von seiner Zeit in Moskau, vom trinkenden Vater, der ihm rät, man müsse das Leben wie eine Festung erobern, auch von seinem eigenen Sohn, der bei einem Autounfall ums Leben kommt. Der Fahrer in seinem protzigen Wagen flüchtet. Niemand macht sich die Mühe, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Plötzlich erhalten die ausufernden Ausführungen über Schuld und Sühne und Recht einen existenziellen Kern. Man fragt sich als Leser: Was ist das für ein Land, in dem man ohne Konsequenzen ein Kind totfahren kann, nur weil man über genug Einfluss oder Geld verfügt? Der Roman endet trotzdem optimistisch mit der Geburt von Schischkins zweitem Sohn im Kantonsspital Winterthur.

Für Michail Schischkin muss jeder Roman so geschrieben sein, als sei es der letzte. «Die Eroberung von Ismail» bringt alles mit, was man sich unter einem ultimativen Roman vorstellt: Er ist kompromisslos und sprachgewaltig, eine Herausforderung, fast schon eine Zumutung. Ein Buch, das von den ersten und letzten Dingen des Lebens handelt. Endlich wieder einmal ein Werk, bei dem Lesen zum Wagnis wird.

Erstellt: 29.08.2017, 19:18 Uhr

Das Buch

Michail Schischkin: Die Eroberung von Ismail. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Deutsche Verlags-­Anstalt, Stuttgart. 505 S., ca. 37 Fr.

Veranstaltung

Lesung im Literaturhaus Zürich am 5. September 2017.

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