«Wer mich liest, geht ein Risiko ein»

Tom Kummer nimmt Ende Juni am Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt teil. Warum den «Borderline Journalisten» Provokationen nicht mehr interessieren.

«Meine Texte repräsentieren offenbar ‹Junge Literatur›»: Tom Kummer freut sich auf seinen Auftritt in Klagenfurt.

«Meine Texte repräsentieren offenbar ‹Junge Literatur›»: Tom Kummer freut sich auf seinen Auftritt in Klagenfurt. Bild: zvg/Christian Werner

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Tom Kummer, Sie treten Ende Juni als einer von drei Schweizern in Klagenfurt beim Wettlesen um den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis auf. Wer hat Sie nominiert?
Der Juror Michael Wiederstein, Chefredaktor des «Literarischen Monats». Er fragte mich an, ob ich einen Stoff hätte für Klagenfurt. Ich arbeite an einem neuen Roman und gab ihm den Anfang zu lesen. Offenbar hat er ihm gefallen.

Schaut man auf das Teilnehmerfeld, könnten Sie als 58-Jähriger der Vater vieler der Lesenden sein. Stört Sie das?
Nein, überhaupt nicht. Das halte ich für eine Auszeichnung. Meine Texte repräsentieren offenbar «Junge Literatur», was sicher mit einer gewissen Format-Rebellion zu tun hat, die in meiner Arbeit steckt. Wer mich liest, geht ein Risiko ein, soll Grenzen überschreiten, was neue Erfahrungen möglich macht.

Sie gelten als der bekannteste Autor, der für den diesjährigen Bachmann-Preis nominiert ist. Wie kommen Sie mit dem Druck klar?
In meinem Alter empfindet man eine gewisse Gelassenheit. Sich nicht mehr um die Meinung anderer zu scheren, bedeutet Freiheit. Meine Chancen auf einen Preis sind eh nicht besonders gross, weil mir meine Public Persona vermutlich im Weg steht. In Vorberichten zu Klagenfurt wurde ich als «Star» angekündigt und meine Vergangenheit als sogenannter «Borderline-Journalismus» ausgebreitet.

Sie waren schon mal in Klagenfurt: vor einem Vierteljahrhundert. 1994 gab es noch einen Wettbewerb für Journalisten, die sich um den Joseph-Roth-Preis bewarben. Erinnern Sie sich noch?
Sicher. Ich war vom damaligen «Weltwoche»-Chefredaktor Jürg Ramspeck eingeladen worden mit meinem Porträt des US-Schriftstellers Richard Ford, das im «Magazin» erschienen war. In Klagenfurt unterlief mir aber ein Fauxpas. Ich realisierte nicht, dass ich den nominierten Text hätte vortragen sollen; stattdessen präsentierte ich unter dem Eindruck des O.-J.-Simpson-Prozesses einen neuen Text.

Und jetzt sind Sie wieder in Klagenfurt – aber als Literat. Richtig so?
Ja, man könnte annehmen, dass ich dort angekommen bin, wo ich schon immer hingehörte.

«Mein neues Werk erzählt von einem helvetischen ‹Taxi Driver›. Es sind Reisen ans Ende der Nacht»

Und, schon eine Provokation überlegt?
Nein. Provokationen interessieren mich nicht mehr. Nur Textarbeit. Und bestimmt werde ich mich nicht unter Druck setzen lassen, meine Lesung irgendwie noch mit einer Aktion zu verbinden. In dieser Hinsicht ist Rainald Goetz nicht zu übertreffen mit seinem Geniestreich.

Sie meinen seinen Auftritt, bei dem er 1983 mit einer Rasierklinge die Stirn ritzte und mit blutüberströmtem Gesicht seinen Text vortrug.
Ja, Rainald Goetz entsprach damals genau meinen Vorstellungen eines Punk-Schriftstellers und wurde für eine Weile ein Vorbild. Einen Preis hat er trotz seiner Aktion nicht erhalten. (lacht) In meinem Fall reicht es heute wohl, dass ich einfach in Klagenfurt lese, das ist für viele Provokation genug. Dabei ist mein Text ziemlich klassisch angelegt, als existenzialistisches Werk, vielleicht in der Tradition von Sartres «Der Ekel». Es geht um persönliche Trauer, eine Trauer auch um das mögliche Ende der Welt und was das für Auswirkungen auf die eigene Wahrnehmung hat.

Auf der Website des Bachmann-Preises stellen sich alle Teilnehmer in einem Videoporträt vor. Sie gleiten als einsamer Limousinenfahrer in einem Rolls-Royce durch das nächtliche Bern, während Sie im Off Sätze sagen wie: «Ich fahre nur nachts, das beruhigt mich. Meine Passagiere diktieren das Reiseziel, im Kopf fahre ich, wohin ich will.»
(lacht) Das Video drehten wir mit dem Minibudget von 1600 Franken, das uns die Veranstalter zur Verfügung gestellt hatten. Es ist eine reine Berner Produktion, gedreht in nur vier Stunden nachts im Wylerquartier. Wer das Video gesehen hat, staunt über den Production-Value. Ich wollte, dass meine Limousine durch eine Art dystopische Landschaft fährt, durch Industriequartiere. Bern und die Schweiz als nächtlicher Unort.

Ist das Video auch ein Teaser für Ihr neues Buch «Von schlechten Eltern», das im Frühling 2020 erscheinen soll?
Ja, eigentlich schon. Daraus lese ich in Klagenfurt das Anfangskapitel. Als ich 2016 nach fast 30 Jahren im Ausland und dem Tod meiner Frau Nina mit einem meiner beiden Söhne von Los Angeles nach Bern zurückkehrte, arbeitete ich gelegentlich als Tennislehrer und für einige Monate aus Recherchezwecken auch als Botschaftsfahrer. Mein neues Werk erzählt von einem helvetischen «Taxi Driver». Es sind Reisen ans Ende der Nacht. Nach meiner Rückkehr hatte ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Schweiz. Ich wollte eigentlich wegkommen von der Autofiktion, musste jedoch feststellen, dass ich mich auch ein Jahr nach dem Tod meiner Frau nicht von der Trauerarbeit befreien kann. Vielleicht war es auch der Erfolg von «Nina & Tom» – das Buch ist gerade in den USA in englischer Übersetzung erschienen – der mich rückfällig werden liess. Jedenfalls spürte ich in Bern, wie Entfremdung für mich immer wieder die stärkste kreative Motivation schafft. Früher war es der endlose Sommer von Los Angeles, der für Melancholie sorgte. Dann kam der Schweizer Alltag. Und die endlose Trauer.

In diesem Zusammenhang haben Sie gesagt, dass Sie die Schweiz nur in der Nacht ertragen können.
Als literarisches Stilmittel hat mir die Nacht in der Schweiz extrem gefallen. Die abgedunkelte, menschenleere Landschaft, nächtliche Strassen wie bei Ausgehverbot. Aber auch als Spielzone für den fantastischen Realismus funktioniert für mich die Schweizer Nacht perfekt. Viele Menschen wissen gar nichts über das apokalyptische Nichts, das in ihrem Land zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens existiert. Jedenfalls ergab sich ein Freiraum während dieser nächtlichen Fahrten, ein Freiraum für die eigene Wahrnehmung.

Was war denn das für ein Fahrerjob?
Interessant ist in diesem Zusammenhang nur, was ich daraus literarisch mache – ich hole Menschen ab in der Nacht, sie werden meine Passagiere, meine Resonanzräume. Der Fahrer wird von seiner verstorbenen Frau beeinflusst, das hat sie bereits in «Nina & Tom» angekündigt. Wenn man an die griechische Mythologie denkt, ist mein Taxi Driver eine Art Charon, der als Fährmann seine Passagiere über den Totenfluss rudert. Bloss dass es hier eben der Totensee an der Grimsel ist. Der endlos brutale Gotthardtunnel. Die selbstzerstörerische A1.

Das Thema Trauer steht im Zentrum?
Ja, die Trauer und der Einfluss der Toten auf die Lebenden. Trauer ist ja eigentlich ein Tabuthema, ausser man lässt sich von «The Walking Dead» oder einer Zombie-Komödie gut ablenken und unterhalten. Wie lange soll man eigentlich um einen Menschen trauern: ein paar Tage, einen Monat, ein Jahr, das ganze Leben? Sollte man als Liebender vielleicht auch einfach sterben, um sich im Totenreich mit der Geliebten wieder zu vereinen? In dem Sinne ist mein neues Buch auch ein Sequel zu «Nina & Tom», in dem mir Nina im letzten Satz des Buches den Tod androht.

Befürchten Sie nicht, dass die Jury in Klagenfurt weniger über Ihren Text als vielmehr über mutmasslich unlautere Methoden diskutieren wird, wie Sie Authentizität herstellen?
Eigentlich müsste sich die Jury einzig auf den eingereichten Text konzentrieren, für den ich nominiert wurde. Mein Text für Klagenfurt wurde von meinem Juror genau überprüft, und zwar mit den gleichen Mitteln, wie sie Plagiatsjägern zur Verfügung stehen. Falls jedoch von der Jury entschieden wird, mehr über meine Vergangenheit zu reden als über den Text, dann stelle ich mich diesen Fragen gerne. Dann können wir uns auch ganz konkret übers Urheberrecht unterhalten, über die Samplings von Goethe, Shakespeare, Hemingway, Truman Capote und einen längst überholten Geniebegriff. Gerne auch darüber, wie sich unsere Kultur schon seit den alten Griechen durch Samplings ständig erneuert hat.

Sampling als kreativer Prozess?
Ja, Sampling hat überhaupt nichts mit Abschreiben zu tun. Es geht um einen Prozess, bei dem Existierendes immer wieder neu zusammengesetzt wird. Bedeutende literarische Texte haben immer einen grossen Gebrauchswert, über dessen bleibenden Wert letztendlich nur die emotionale Wirkung entscheidet, der Lesegenuss, die Ewigkeit.

Erstellt: 23.06.2019, 15:15 Uhr

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Tom Kummer

Tom Kummer wurde 1961 in Bern geboren. Ab 1985 lebte er in Westberlin und veröffentlichte 1987 erstmals Kurzgeschichten in Hans Magnus Enzensbergers Zeitschrift «Transatlantik». Ab 1988 arbeitete er für das Zeitgeist-Magazin «Tempo» und setzte dort seinen radikalen Bruch mit journalistischen Konventionen fort. Ab 1993 war er in Los Angeles für die Magazine der «Süddeutschen Zeitung» und des «Tages-Anzeigers» tätig. Im Jahr 2000 löste er durch fiktive Interviews mit Hollywoodstars einen Medienskandal aus.

2017 veröffentlichte er den Roman «Nina & Tom», in dem er seiner 2014 verstorbenen Frau ein Denkmal setzte. Weitere Bücher (Auswahl): «Good Morning, Los Angeles» (1996), «Blow up. Die Story meines Lebens» (2007). Sein neuer Roman ist für Frühling 2020 im Tropen-Verlag angekündigt. Seit 2016 lebt Tom Kummer wieder in Bern. Die Lesungen der 14 Teilnehmenden und die Jury-Diskussionen des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt (26. bis 30.6.) werden live vom ORF übertragen.

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