Wer schön sein will, muss schreiben

«Mirror, Mirror» heisst das Romandebüt von Cara Delevingne. Reine Selbstbespiegelung eines Models? Nein, Delevingne ist eine exzellente Beobachterin ihrer Generation.

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Cara Delevingne hat ihr erstes Buch herausgebracht. Keine Autobiografie, sondern einen Roman mit dem Titel «Mirror, Mirror» (in der wenig gelungenen deutschen Übersetzung: «Mirror, Mirror: Wen siehst du?»). Mancher Journalist konnte sich nach der Ankündigung des Projekts ein «Ausgerechnet» nur mit Mühe verkneifen. Denn Cara Delevingne, 25 Jahre, ist ein ehemaliges Model.

Dabei war sie eigentlich viel zu klein gewachsen und ihre Persönlichkeit zu widerborstig für das Geschäft mit der glatten Schönheit. Trotzdem – oder gerade deswegen? – machte sie Anfang der 2010er Jahre Karriere; Designer und Modemagazine feierten sie als «neue Kate Moss». Bis vor zwei Jahren. Da verkündete Delevingne, dass sie den Job aufgeben werde, mit gerade einmal 23. Der mit dem Modeln verbundene Stress habe bei ihr eine schwere Hautkrankheit ausgelöst, sagte die Britin zur Begründung.

Dass diese Erklärung so gar nicht zum Eindruck von menschlicher Makellosigkeit passte, den die Branche propagiert – Cara Delevingne scheint das egal zu sein. Sie lebte ihre inzwischen beendete Beziehung mit der amerikanischen Sängerin St. Vincent so selbstverständlich wie andere Models die Bilderbuch-Liebe mit dem Rockstar-Ehemann. Sie spricht offen über ihre Depression und gehört zu jenen prominenten Frauen, die ihre schlimmen Erlebnisse mit dem Filmproduzenten Harvey Weinstein öffentlich machten. Sie arbeitet als Schauspielerin und bekommt dafür Lob von Kritikern. Und warum sollte ein Ex-Model noch mal kein Buch schreiben können?

Die Vermarktung reicht bis ins Buch

Menschen, die mit Cara Delevingne Geld verdienen wollen, bezeichnen sie gerne als «Multitalent». Am Ende ist auch das ein Versuch, eine junge Frau zu fassen zu kriegen, die offenbar gut damit leben kann, unergründlich zu sein. Nicht zuletzt lebt sie von diesem Image. «Mirror, Mirror» – dieser Titel passt natürlich ganz wunderbar zu Delevingnes Modelvergangenheit. Die Gefahr ist nur: Er macht es auch sehr einfach, das Ganze als Selbstbespiegelungs-Projekt abzutun. Und ja, vielleicht hat Delevingne tatsächlich das Bedürfnis zu beweisen, dass sie mehr ist als ein attraktives Gesicht. Wer schön sein will, muss schreiben.

Doch auch wenn das Buch gerade zum Ende hin dramaturgische Schwächen hat und die Vermarktung bis ins Buch hineinreicht (es schliesst mit einem von Delevingne vorausgefüllten Q & A ab): Die 25-Jährige beweist stellenweise, dass sie eine exzellente Beobachterin ihrer Generation ist. Manche ihrer Sätze sind so akkurat, dass sie weh tun. Man wird ein bisschen traurig für jene jungen Menschen, die so viele Möglichkeiten haben, sich mitzuteilen, und sich doch nicht verstanden fühlen.

«Hi.» Ein kurzes Wort. Ich kann nichts daraus ablesen. Es wird nicht begleitet von einem Emoticon, nur ein Wort, flach und unlesbar für mich.

Delevingne erzählt in Zusammenarbeit mit der Autorin Rowan Coleman eine Coming-of-Age-Geschichte, verwoben mit einem Kriminalfall. Es geht um Freundschaft, sexuelle Identität, den Unterschied zwischen Schwärmerei und Liebe, die grossen Themen der Teenagerjahre. Delevingnes Protagonisten sind die vier Aussenseiter Red, Rose, Leo und Naomi, klassische «Misfits», die von einem Lehrer gezwungen werden, eine Band zu gründen.

«Ich wuchs zu jemandem heran, der wie eine Einladung zum Reinschlagen aussah», sagt Hauptfigur Red über sich selbst. Das Buch ist aus Reds Perspektive erzählt. Die Mutter hat sich dem Alkohol ergeben, der Vater flüchtet zu diversen Geliebten. Wenn Red sich nicht kümmert, ist die jüngere Schwester weitgehend sich selbst überlassen. Auch wenn die Hauptfigur des Buches auf den ersten Blick wenig mit der Autorin gemeinsam hat – Delevingnes Familie gehört zur Londoner Upperclass – es scheint, als kenne Delevingne zumindest das Gefühl, wegen des eigenen Äusseren zur Aussenseiterin zu werden. Wenn vermutlich auch auf andere Art und Weise.

Holzschnittartige Charaktere

Für Red und die anderen ist Mirror, Mirror – so der Name der Band – schnell mehr als eine Pflichtaufgabe: Sie finden in der gemeinsamen Musik und der sich entwickelnden Freundschaft all das, was sie bisher nur ersehnen konnten. Zugehörigkeit. Ermutigung. Das Selbstbewusstsein, das eigene Talent zu ergründen. Der Probenraum ist ihr sicherer Hafen, die Nächte, in denen sie gemeinsam um die Häuser ziehen, sind heilsam.

«Obwohl Nai diejenige ist, die verschwunden ist, sind ihre Eltern diejenigen, die verloren aussehen.»Mirror, Mirror

Doch dann verschwindet Bassistin Naomi, genannt Nai. Aus Tagen werden Wochen, dann Monate, ohne ein Zeichen oder eine Spur. «Obwohl Nai diejenige ist, die verschwunden ist, sind ihre Eltern diejenigen, die verloren aussehen», heisst es im Buch. Die verbliebenen Bandmitglieder müssen sich einer schmerzhaften Frage stellen: Wie gut kennen sie Naomi wirklich? Wie gut kennen sie einander? Ist ihre Freundschaft am Ende nicht mehr als ein schöner Selbstbetrug? Mirror, Mirror – Wirklichkeit oder Wunschtraum? Das Spiegel-Symbol zieht sich als roter Faden durch das Buch.

Für die Teenager geht es nicht darum, sich in der Gruppe stark zu fühlen. Die Gruppe gibt ihnen überhaupt erst das Gefühl, da zu sein. Jemand zu sein. In den anderen erkennt sich Red selbst, sieht einen Menschen, der es wert ist, wahrgenommen zu werden. «Ich bin in keinster Weise cool», erklärt Red, «ich kann mir Coolness lediglich borgen, ich bin cool als Leos Kumpel.»

So stark Sätze wie dieser sind – es deuten sich auch die inhaltlichen Schwächen dieses Buches an. Denn bis auf Red sind die Aussenseiter, die Delevingne beschreibt, arg holzschnittartig. Da ist der attraktive Rebell Leo; Naomi, die sich schminkt wie ein Manga-Mädchen; und Rose, die Red in ihren Bann zieht – mit ihrer Schönheit und ihrer Grausamkeit.

«Ich mag das Ich, das du in sozialen Medien siehst»

Schwierig wird es, wenn Delevingne in die Rolle der Krimiautorin zu schlüpfen versucht. Dann klingen ihre Sätze mehr nach TKKG als nach einem ambitionierten Roman für (junge) Erwachsene. «Ich sehe nicht, was wir tun könnten», sagt Red an einer Stelle, «wir sind doch bloss ein paar Kids, die noch zur Schule gehen.» Und mehr als einmal endet ein Kapitel mit einem plumpen Cliffhanger. Zwei Twists hält «Mirror, Mirror» bereit – wirklich überraschend ist nur einer. Das grösste Geheimnis hat nämlich nicht die verschwundene Naomi, sondern Red.

Delevingne ist dann am stärksten, wenn sie bei sich bleibt. Das Ex-Model weiss um die Verführbarkeit der sozialen Medien, sie weiss, wie anziehend die Welt von inszenierten Augenblicken und schnellen Likes sein kann. Mehr als 40 Millionen Menschen folgen Delevingne allein auf Instagram. Als es im Buch um die digitale Illusion vom perfekten Leben geht, wendet sich Delevinges Hauptfigur direkt an den Leser. Fast schon verschwörerisch sagt Red: «Ich mag das Ich in dieser Welt, das Ich, das du in sozialen Medien sehen kannst. Dieses Ich sieht wie eine Person aus, die weiss, was sie macht, was sie will, wo sie hingeht. Dieses Ich ist auf den Punkt.»

Die englische Erstausgabe von «Mirror, Mirror», auf der diese Rezension basiert, ist im Harper Verlag erschienen und kostet etwa 22 Frankenn. Seit Anfang Oktober gibt es ausserdem eine deutsche Übersetzung mit dem Titel «Mirror, Mirror: Wen siehst du?» zu kaufen.

Erstellt: 26.10.2017, 13:19 Uhr

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