Wie Amerika die Welt der Indianer zerstörte

Um die erste moderne Demokratie zu errichten, begingen die Amerikaner einen «Ethnozid». Ein Buch des Luzerner Historikers Aram Mattioli verändert unseren Blick auf die USA.

29. Dezember 1890: Beim Massaker von Wounded Knee in South Dakota ermordeten US-Soldaten 300 Sioux-Indianer. llustration: The Granger Collection, Alamy

29. Dezember 1890: Beim Massaker von Wounded Knee in South Dakota ermordeten US-Soldaten 300 Sioux-Indianer. llustration: The Granger Collection, Alamy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Alle Menschen sind gleich.» Der berühmte Satz aus der amerikanischen ­Unabhängigkeitserklärung war revolutionär im Zeitalter von Feudalismus und Kolonialismus, und er hat seine Sprengkraft nicht verloren. Die britischen Kolonien in Nordamerika sagten sich damals vom englischen König los und gründeten 1776 die USA. Sie verpflichteten sich den Menschenrechten, der Gewaltentrennung und der Demokratie – es war ein Highlight der Aufklärung.

Allerdings war das, was da weltweit ausstrahlte, nur das «Sonnengesicht der neuen Republik», wie der Luzerner Historiker Aram Mattioli schreibt. Ausgerechnet im aufklärerischen Gründungsdokument der USA wurden die Indianer zu Feinden der Amerikaner und ihrer vermeintlich legitimen Landinteressen erklärt. Mattiolis jüngstes Buch «Verlorene Welten: Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas» stellt eindrücklich die bis heute kleingeredete Katastrophe der First Peoples dar, so die wissenschaftliche Bezeichnung der nordamerikanischen Ureinwohner. Erstmals liegt damit ein deutschsprachiger Überblick der US-Geschichte vor, der das Drama der Besiegten ins Zentrum stellt.

Über 500 Indianersprachen

Wer Mattiolis Buch gelesen hat, blickt anders auf die Geschichte der USA. «Die Zerstörung des indianischen Nordamerika darf als Schlüsselereignis nicht mehr länger aus der Geschichte der USA wegretuschiert werden», schreibt Mattioli. Er liefert dazu die Grundlagen, chronologisch von der ersten weissen Kolonisation des gelobten Landes über den Frontier-Mythos bis zum gewaltsamen Tod von Sioux-Häuptling Sitting Bull 1890. Dabei spricht der Autor das Unrecht offen an: «Die indianische Seite ernst zu nehmen, bedeutet, die Geschichte Nordamerikas neu zu denken.»

Mattioli beginnt bei Thomas Jefferson, dem amerikanischen Säulenheiligen, der die Unabhängigkeitserklärung entworfen hatte. Der selbsterklärte Aufklärer hielt auf seinem Anwesen in Monticello, Virginia, 175 Sklaven, denen er jene Menschenrechte vorenthielt, die er so schön pries. Ebenso scheinheilig zeigte er sich gegenüber den Indianern. Zwar interessierten ihn als Gelehrten deren Geschichte und Rituale. Zumal ein Indianer nicht einfach ein Indianer war: Es gab über 500 Nationen mit eigener Sprache; die First Peoples hatten deshalb eine ausgeklügelte Gebärdensprache als Lingua franca entwickelt. Als dritter US-Präsident (1801–1809) ordnete Jefferson dann aber an, die angeblich barbarische Unkultur auszulöschen. «Wie viele andere weisse Amerikaner störte ihn gerade das Indianische an den Indianern», schreibt Mattioli.

Jefferson prägte Washingtons Indianerpolitik bis ins 20. Jahrhundert. Hervorgegangen aus einer antikolonialen Revolution, gebärdeten sich die USA rasch als Kolonialmacht, die nach Westen expandierte. Es galt die «Doktrin der Entdeckung», wonach der Neuankömmling in Besitz nahm, was er vorfand. Die Weissen, die nach Westen vorstiessen, erklärten den Indianern, Jefferson sei nun ihr neuer «Grosser Vater», und als «seine Kinder» schuldeten sie ihm gefälligst Gehorsam. Doch schon bald wollte der neue Vater die Kinder wieder loswerden, um Platz zu schaffen für europäische Einwanderer. Jefferson schlug vor, die Indianer in Gebiete westlich des Mississippi umzusiedeln. Damit wurde der Aufklärer zum «Vordenker von Deportation und ethnischer Segregation», stellt Genozidforscher Mattioli fest.

Bilder: Indianer-Proteste gegen Ölleitungs-Projekt

Was Jefferson ausgedacht hatte, setzte sein Nachfolger Andrew Jackson radikal um. Der erste Frontier-Präsident war an der Grenze zur «Wildnis» in einer Blockhütte aufgewachsen und hatte als US-Offizier gegen die Indianer gekämpft. Die First Peoples nannten ihn «Scharfes Messer», weil seine Soldaten den toten Indianern die Nasenspitzen aus dem Gesicht geschnitten hatten.

Aufgestiegen zum Nationalhelden, kandidierte Jackson 1828 fürs Weisse Haus und pflegte seinen Ruf, ein Mann des Volkes zu sein. Der Wahlkampf stiess auf nie da gewesenes Interesse, auch wegen einer Wahlrechtsreform, die den ­Beginn der Massendemokratie markierte. Wobei Mattioli kritisch anmerkt: «Die Demokratisierung des politischen Systems und der Aufstieg des Rassendenkens vollzogen sich Hand in Hand.» Jackson versprach seinen Anhängern, die Indianer endgültig zu enteignen.

Der junge dynamische Westen forderte damit das alte Neuengland heraus. Amtsinhaber John Quincy Adams aus Massachusetts war der Gegner des Populisten aus Tennessee. Andrew Jackson karikierte Präsident Adams als arroganten Aristokraten aus Boston, und eine Welle von Anti-Establishment-Frustrationen trug ihn an die Macht.

Parallelen zu Donald Trump

Kommt einem das nicht bekannt vor? Die Parallelen zwischen dem 7. und dem 45. US-Präsidenten bleiben jedoch unerwähnt in Mattiolis Buch, der Name Trump taucht nicht auf, wie es sich für eine wissenschaftliche Darstellung mit 100-seitigem Anhang gehört. Dennoch ist bekannt, dass Donald Trump Jackson als Vorbild betrachtet. Er liess dessen Porträt, bis vor kurzem auch auf der 20-Dollar-Note, im Oval Office aufhängen und pries das «grosse Herz» des ­Indianerhassers und Sklavenhalters.

Jackson startete ähnlich fulminant in seine Präsidentschaft (1829–1837) wie sein politischer Nachkomme. Der «eingefleischte Rassist» peitschte das Gesetz zur «Beseitigung der Indianer» durch den Kongress. Es wirkte verheerend, unter Jackson und seinen Nachfolgern wurden bis zu 100'000 Indianer in sogenannte Reservate deportiert. «Wenn der Wilde Widerstand leistet, verlangt die Zivilisation, mit den Zehn Geboten in der einen und dem Schwert in der anderen Hand, seine unmittelbare Aus­löschung», hiess es in Washington.

Als sich die Cherokee 1838 dem Befehl widersetzten, das Land ihrer Ahnen zu verlassen, holten 7000 US-Soldaten die Indianer von den Feldern. Die Kavallerie eskortierte die Cherokee auf dem «Pfad der Tränen» über 1600 Kilometer von Georgia in ein karges Territorium im Gebiet des heutigen Bundesstaates Oklahoma. Allein auf diesem «Todesmarsch» kamen 4000 Indianer ums Leben.

 Der Gouverneur von Kalifornien schwadronierte vom notwendigen «Ausrottungskrieg», Städte setzten Prämien aus für indianische Köpfe, Ohren und Skalps.

Die USA breiteten sich rasant nach Westen aus. Während die nicht indianische Bevölkerung von 1800 bis 1900 von 5 auf 75 Millionen explodierte, ging die bereits arg geschrumpfte Zahl von Native Americans von 600'000 auf 237'000 zurück. (1492 waren es noch 5 bis 10 Millionen in Nordamerika.) Die Indianer versuchten den «Siedlerkolonialismus» aufzuhalten, sie griffen die Frontier an, skalpierten die Eindringlinge oder stopften den Toten Dreck in die Münder, um ihre Verachtung für die landhungrigen Amerikaner auszudrücken. Doch es blieb bei Einzelaktionen, die Indianer hatten der weissen Walze wenig entgegenzusetzen.

Vor allem nicht in Kalifornien, bis heute ein Sehnsuchtsort. Auch für den Schweizer Pleitier Johann August Sutter, der sich hier den amerikanischen Traum erfüllte. Allerdings auf Kosten der Ureinwohner, die der Indianerschinder aus Burgdorf als Arbeitssklaven einsetzte und denen er das Essen, gekochten Weizenbrei, in Futtertrögen verabreichte.

Die Katastrophe kam 1848, als in der Nähe von Sutters Farm Gold gefunden wurde: Weisse Eindringlinge überrannten Kalifornien, sie zerstörten Ackerland und Jagdgründe, mordeten und brandschatzten. Die Indianer waren nur noch im Weg. Der Gouverneur von Kalifornien schwadronierte vom notwendigen «Ausrottungskrieg», Städte setzten Prämien aus für indianische Köpfe, Ohren und Skalps. Todesschwadronen verübten «regionale Genozide», wie Mattioli schreibt, wobei er nicht alle Massaker thematisiert, da es schlicht zu viele gegeben habe. Ausserdem schleppten ­Horden von Goldgräbern und Siedlern Pocken, Masern, Typhus, Diphtherie und Influenza ein, was zum demografischen Kollaps der Indianer führte. In den ersten 20 Jahren des Goldrauschs kamen 120'000 ums Leben, so viele wie sonst nirgends im selben Zeitraum.

Angriffe auf schlafende Dörfer

Der indianischen Kultur den Todesstoss versetzte General Philip H. Sheridan. Von ihm stammt der Ausspruch: «Die einzigen guten Indianer, die ich je sah, waren tot.» 1868 führte er einen Winterkrieg gegen alle Ureinwohner, die sich nicht in den Reservaten aufhielten. Der Feldzug sollte sie endgültig unter das Joch der USA zwingen. Dabei wurde der Tod Unschuldiger einkalkuliert, besonders bei Angriffen auf schlafende Dörfer.

Wobei es gar nicht nötig war, die Indianer systematisch zu ermorden: Die Beinahe-Ausrottung der Bisonherden während des Eisenbahnbaus raubte den Reiternomaden ihre Lebensgrundlage. «Ein kalter Wind blies durch die Ebenen, als der letzte Büffel fiel – ein Todeswind für mein Volk», sagte Sitting Bull. Was den Indianern widerfuhr, war insgesamt kein Genozid, die Gewalt bewegte sich meistens unter der Schwelle des Völkermords.

Aber es war ein «Ethnozid», wie Mattioli schreibt: «Das Ziel war, ihre alte Lebensweise möglichst vollständig auszuradieren und die Macht der traditionellen Chiefs für immer zu brechen.» Am 4. September 1886 war es so weit: In einem letzten Showdown unterwarfen die US-Truppen im Skeleton Canyon den Apachen-Häuptling Geronimo und seine 36 Krieger. Damit endete der bewaffnete Widerstand gegen die weissen Siedler. Die Vereinigten Staaten kontrollierten fortan die ganze Landmasse zwischen Atlantik und Pazifik.

Den Pädagogen ging es darum, die «kulturelle Identität indianischer Kinder zu zerschlagen», schreibt Mattioli.

Damit nicht genug. Nun warf Washington die Amerikanisierungsmaschine an. Wer beim grossen Umerziehungsprogramm nicht mitmachte, erhielt keine Essensrationen mehr. Den Indianern, nun «Mündel der Regierung», wurden die Kinder weggenommen und in ferne Internate gesteckt. Einige dieser Schulen waren bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Betrieb. Den Pädagogen ging es darum, die «kulturelle Identität indianischer Kinder zu zerschlagen», schreibt Mattioli: «Die Internatsschulen waren Teil eines kolonialen Projekts, das, als die Schlachten um das Land entschieden waren, sich nun der Köpfe, Herzen und Körper der Indianer annahm.»

Kaum ein Elternpaar gab seine Kinder freiwillig her. Die Kinder erlitten beim Eintritt in die Boarding Schools einen Kulturschock, das Band zur Heimat wurde zerschnitten, die Muttersprache verboten. In den ersten Tagen wurden ihnen die langen Haare geschnitten. Ein traumatischer Vorgang etwa bei den Sioux, wo nur Trauernde oder Feiglinge kurze Haare trugen. Dazu kam die körperliche Züchtigung, was den Indianern völlig fremd war. Tausende Zöglinge überlebten den Kampf gegen ihre Kultur nicht. Sie folgten Sitting Bull: «Ich würde lieber als Indianer sterben, als wie ein weisser Mann zu leben.»

Bei allem, was ihnen widerfahren ist, erstaunt es, dass die Indianer noch da sind. Heute leben drei Millionen in den USA, zum Teil in den 300 Reservaten. Sie haben sich den Siegern angepasst.

Aram Mattioli: Verlorene Welten: Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700–1910. 464 S., ca. 37 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2017, 18:37 Uhr

Artikel zum Thema

Die Casino-Indianer, die mit Trump Geschäfte machen wollen

Der Stamm der Pequot entspricht in vielem nicht dem landläufigen Bild der benachteiligten amerikanischen Ureinwohner. Auch in seinen politischen Präferenzen. Mehr...

CS soll grösster Geldgeber von umstrittener Pipeline sein

Greenpeace wirft der Bank vor, mit der Mitfinanzierung einer Ölpipeline durch Sioux-Gebiet eigene Richtlinien zu verletzen. Die CS weist die Vorwürfe zurück. Mehr...

«Wir werden immer noch schlecht behandelt»

Interview Der Präsident der Sioux in South Dakota sagt, er werde alles tun, damit Donald Trump verliert. Trump habe ein schlechtes Herz und sei ein Gegner der Gleichberechtigung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...