Zum Hauptinhalt springen

Wie Deutschland die Vergangenheit bewirtschaftet

Iris Hanika reflektiert in ihrem neuen Roman das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte. Und das geistreich – und witzig.

Vor zwei Jahren veröffentlichte Iris Hanika im kleinen Grazer Droschl-Verlag den Roman «Treffen sich zwei», eine Liebesgeschichte auf dem Reflexions- und Ironieniveau unserer Zeit. Er schaffte es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Jetzt ist, wieder bei Droschl, ihr neuer Roman erschienen, mit dem posaunenstarken Titel «Das Eigentliche». Und um auch in die Kritikerposaune zu blasen: Dieses Buch musste einmal, musste endlich geschrieben werden. Es ist die literarische Auseinandersetzung mit der deutschen «Vergangenheitsbewirtschaftung», wie es im Roman provozierend heisst. Die künstlerische Entsprechung zu Walsers berühmter Paulskirchenrede von 1998. Ihm brach die Rede damals beinahe das Genick; Hanikas Buch fällt auf fruchtbareren Boden. Die Verbrechen selbst rücken zeitlich immer mehr in den Hintergrund, die Beteiligten sterben aus, die Formen des Gedenkens verselbstständigen sich.

Iris Hanika reflektiert diese historische Situation, aber sie gestaltet sie auch ästhetisch, ähnlich kreativ, abwechslungsreich und – jawohl – komisch wie im Vorgängerbuch. Erzählung und Betrachtung wechseln sich ab, es gibt Dialoge, vermischte Meldungen und sogar Gedichte («Jedem Lied wohnt Auschwitz inne / jedem Baume, jedem Strauch. / Fiderallala»), immer mit wachem, nie fehlgehenden Sprachgefühl.

Um diesen Artikel vollständig lesen zu können, benötigen Sie ein Abo.