Wie Lenins Leichnam ein chinesisches Dorf retten sollte

Yan Lianke hat ein bitterböses Buch über den gierigen Kapitalismus in seiner Heimat geschrieben.

Er sollte Propaganda schreiben, das klappte nicht: Yan Lianke. Foto: John Phillips (Getty)

Er sollte Propaganda schreiben, das klappte nicht: Yan Lianke. Foto: John Phillips (Getty)

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Yan Lianke gehört zu den wichtigsten Autoren Chinas. Viel gelesen, preisgekrönt, verfilmt – und oft verboten. Geboren 1958, wuchs er in einem Dorf in der Provinz Henan auf. Die Chance, der bäuerlichen Armut zu entkommen, bot ihm die Armee. Er studierte an deren Universität Literatur und wurde anschliessend fest bestallter Berufsschriftsteller.

Seine Aufgabe, propagandistisch nützliche Werke zu produzieren, erfüllte er schlecht; schon sein erster Roman fiel durch, weil er, so das Urteil, die Armee verunglimpfe. Gezähmt hat ihn das nicht, auch nicht die sechs Monate verordneter Selbstkritik. Im nächsten Roman, «Dem Volke dienen», parodiert schon der Titel das Armeemotto, und im Buch selbst nutzt ein Paar Mao-Kult­objekte, um sich sexuell in Stimmung zu bringen. Auch dieser Roman wurde verboten. Ebenso der nächste, «Der Traum des Grossvaters», der einen authen­tischen Politskandal aufgriff: die Infizierung eines ganzen Dorfs mit Aids-verseuchtem Blut.

«Sie leben wie Hunde»

Den Segen des Zensors erhielt dagegen 2004 «Shouhuo», das jetzt unter dem unmotivierten Titel «Lenins Küsse» auf Deutsch erschienen ist. Erstaunlicherweise, muss man nach der Lektüre sagen. Yan Lianke bekam dafür sogar den renommierten Lao-She-Literaturpreis. Dafür entliess ihn die Armee: auf einen solchen «Propagandisten» konnte man gut verzichten.

Angestellter Autor ist er immer noch, nun beim Schriftstellerverband. Und tief deprimiert über die Zustände seines Landes, wie unter anderem in einem Interview mit der «New York Times» zu lesen war: Sein grosser Roman über die Hungerkatastrophe habe keine Chance auf eine Veröffentlichung. «Wie Hunde» lebten die Menschen in China: rechtlos, aber korrumpiert durch den bescheidenen Wohlstand.

Mit einem elegischen Vorwort – «die Schriftstellerei macht mir keine Freude mehr» – setzt auch «Lenins Küsse» ein, aber dann gehts rasant, satirisch und sarkastisch zur Sache: Mitten im Sommer fällt Schnee im Dorf Shouhuo, das «weitab vom Schuss» liegt und überwiegend von Behinderten bewohnt wird. Die Ernte ist vernichtet, eine Hungersnot droht. Da kommt dem Bezirksvorsteher Liu Yingque bei einem Besuch im Dorf die Idee, wie er der Region ewigen Wohlstand verschaffen kann: Er will den Russen den Leichnam Lenins abkaufen, für ihn ein prächtiges Mausoleum in den nahen Balou-Bergen errichten und damit Millionen Touristen anziehen.

Um Kauf und Bau zu finanzieren, soll eine Truppe von Behinderten auf Tournee gehen und ihre besonderen Künste zeigen: Ein Einbeiniger läuft mit einem elastischen Stab schneller als ein Gesunder, eine Gelähmte stickt Wunderdinge in Baumblätter, eine Blinde hört, was für eine Feder neben ihr zu Boden fällt und hebt sie an der richtigen Stelle auf.

Geld schöpft Geld: Liu kann mit seiner Freakshow zeigen, dass er den Kapitalismus, der für Chinas entlegene Provinzen noch recht neu ist, genau begriffen hat. Er ist die komische Figur des Romans, Herrscher über 810'000 Untertanen, die ihn wie einen Kaiser oder einen kleinen Mao verehren. Das einstige Findelkind hat über die Partei Karriere gemacht und träumt neben Bergen von Reis und Strassenbelägen aus Jade auch von der eigenen Unsterblichkeit. In seiner «Andachtshalle» hängen die Porträts von Marx, Engels, Lenin und Mao sowie von zehn chinesischen Marschällen, dazu sein eigenes, dessen Position er je nach Tagesform verändert. Sein grösstes Geheimnis: Unter dem für Lenin vorgesehenen Kristallsarg hat er einen zweiten platziert, der für ihn bestimmt ist.

Grotesk und köstlich wirkt neben diesem naiven Grössenwahn des Parvenüs sein absoluter Mangel an Realismus: Das Mausoleum ist schon fertig, als die Delegation, die den Russen Lenins Leichnam abkaufen soll, noch gar nicht abgereist ist – und klar, wissen die Russen nichts von der Sache. Mit Lius Zahlenfetisch­is­mus – er verstrickt sich in abenteuerliche Hochrechnungen über die Gewinnchancen seiner Behindertentruppe, wenn sie soundsoviel Vorstellungen in soundsoviel Städten gibt, mal Plätze, mal Ticketpreise – zielt der Autor direkt auf den Solarplexus der chinesischen Wachstumseuphorie (die ja auch die westliche Welt gefangen hält: Sinken die Zahlen dort, zittern die Börsianer hier).

Die tragische Gegenfigur zu Liu ist Grossmutter Mao Zhi. An ihr exerziert Yan Lianke die grausame Dialektik von «Sozialismus» und «Fortschritt» durch, beide muss man unter chinesischen Verhältnissen in Anführungszeichen schreiben. Einst die «jüngste Kämpferin» auf dem Langen Marsch, verschlägt es Mao Zhi ins Dorf der Behinderten, die dort in einer paradiesischen Ursprünglichkeit leben: Jeder hilft jedem, sein Feld zu bestellen – wie der sprichwörtliche Blinde, der den Lahmen trägt.

Von revolutionärem Idealismus getrieben, verschafft Mao Zhi dem Dorf einen Platz auf der Landkarte, indem es in die nächsthöhere Verwaltungseinheit eingegliedert wird und fortan alle von oben inszenierten Katastrophen der Politik erleiden muss. Die «Eisenkatastrophe» (alle Töpfe, Werkzeuge etc. werden für den «Grossen Sprung nach vorn» beschlagnahmt), den Grossen Hunger, die Kulturrevolution und, ja, das auch: die neue Gier nach Besitz und Konsum. Als Mao Zhi begreift, was sie dem Dorf mit ihrem Revolutionsimport angetan hat, kämpft sie mit allen Mitteln dafür, es wieder aus Gesellschaft und Geschichte herauszulösen.

Bei aller Freude an literarischer Hochkomik, die Yan Lianke genussvoll ausspielt, ist dies unüberlesbar ein bitteres, ein bitterböses Buch. Die «Ganzlinge» – also die Nichtbehinderten, aus der Perspektive der Dorfbewohner, die der Autor einnimmt – spielen den Blinden, Tauben und Lahmen übel mit; die Aussenwelt bricht in Gestalt von Dek­reten, Anweisungen, Knüppeln und Gewehren in den Dorffrieden, in die ganz eigene Form eines vorgeschichtlichen Urkommunismus ein.

Als wäre das Buch behindert

Yan Lianke brandmarkt nicht nur alle Phasen der chinesischen Parteilinie, eine mörderischer als die andere, er stellt auch deren ideologische Über­höhung gekonnt bloss. Und er schreibt seine eigenen Zensurerfahrungen und -erwartungen der Romanform ein: Es gibt nur ungerade Kapitel, als seien alle geraden herausgetrennt und der Roman selbst behindert. Die harten Fakten zur Geschichte werden in Fussnoten versteckt, die sich allerdings zu eigenen Kapiteln, auch diese nur ungerade, auswachsen können.

Wie oft in der Literatur aus China wirkt auch in diesem Roman manches befremdlich auf den westlichen Leser, von der eigenwilligen Fluchkultur – «Fick deine Ahnen» – bis hin zu dem ganz anderen Verhältnis zur Erzähl­ökonomie («Lenins Küsse» ist manchmal enorm weitschweifig). Der Übersetzer fügt diesem Befremden manchmal das seine hinzu, wenn er aus dem Namen des Dorfes, der etwa «bitter-süss» bedeutet, das Kunstwort «Freide» bildet und es auf alles Mögliche und Unmögliche anwendet. Aber trotz dieser Merkwürdigkeiten werden aufgeschlossene Leser schnell begreifen, dass sie es hier mit dem Roman eines grossen Autors zu tun haben. Für die «New York Times» war es gar «the book of the year».

Yan Lianke: Lenins Küsse. Roman. Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. Eichborn bei Lübbe, Köln 2015. 654 S., ca. 35 Fr.

Erstellt: 19.01.2016, 17:55 Uhr

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