Wie Max Frisch von der Schweizer Armee demontiert werden sollte

Im Nachlass von Ernst Cincera und im Bundesarchiv sind Dokumente aufgetaucht, die zeigen, wie Militärs den Schweizer Starautor desavouieren wollten.

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Als 1989/90 der Fichenskandal und seine Dimensionen der Öffentlichkeit bekannt wurden – 800'000 Personen hatte der Schweizer Staatsschutz registriert –, platzte Max Frisch der Kragen: In einem geharnischten Brief wandte er sich an Bundesrat Kaspar Villiger, damals Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements, mit der Forderung, dass man ihm wahrheitsgetreu Auskunft geben solle, «ob ich in der Verräter-Kartei (oder wie immer man im Bundeshaus diese Einrichtung nennen mag) vermerkt bin». Max Frisch war sich nämlich sicher, dass er nach dem Erscheinen seiner «Kanonier-Erinnerungen» von Bundesrat Rudolf Gnägi «vermerkt» worden sei, wie es im Brief an Villiger heisst. Mit seinem Verdacht gegenüber dem Staat war Max Frisch nicht allein: Auch Peter Bichsel sollte sich nach Frischs Tod im April 1991 in Texten und gegenüber Zeitzeugen wiederholt daran erinnern, dass Bundesrat Willi Ritschard ihm ein aus Generalstabskreisen stammendes umfangreiches Dossier mit dem Titel «Max Frisch: Staatsfeind Nr. 1» gezeigt habe.

«Hochachtungsvoll»: Max Frisch schreibt einen geharnischten Brief an Bundesrat Kaspar Villiger. Quelle: Max-Frisch-Archiv.

Im vergangenen Oktober veröffentlichten wir im «Tages-Anzeiger» erstmals Max Frischs ungeschwärzte Staatsschutzfichen sowie eine Auswahl der dazugehörigen Akten: Aus diesen geht hervor, dass Frisch nie im Fokus des Schweizer Staatsschutzes stand und dass es in seinen Fichen zwar Einträge zu zwei Zeitungsartikeln, aber ansonsten keine Vermerke zu seinen «Kanonier-Erinnerungen» gibt – weder zu seinen «Blättern aus dem Brotsack» von 1940 noch zu Frischs «Dienstbüchlein» von 1974.

Also aller Verdacht gegenüber dem Staat nur Paranoia und falsche Eitelkeit? Nein, bei Recherchen dieser Zeitung sind zwei Dossiers aufgetaucht, die Frischs Wut nochmals mit Nachdruck verständlich machen – und auch zeigen, wie sich der Staat in teils übergriffiger Art und Weise mit Frischs Werk befasst hatte. Das erste Dossier stammt aus dem Sommer 1940. Es beschäftigt sich mit Frischs «Blättern aus dem Brotsack», also mit den Erinnerungen an seine Zeit als Kanonier, die er 1939 im Aktivdienst verfasst hatte: Auf Intervention eines Leutnants hatte das Armeekommando die Frage zu klären, ob Frischs Blätter «gegen die innere oder äussere Sicherheit» der Schweiz verstossen oder dem Ansehen «unserer Armee» schaden, wie es in einem Brief heisst, den wir hier erstmals veröffentlichen.

Kritik an der Armee? Nur in «männlicher Weise»!

Unbegründet waren diese Fragen nicht. War es doch «bekanntlich jedem Soldaten verboten, nach Entlassung aus dem Militärdienst in der Presse über Behandlung oder Dienstbetrieb oder Verpflegung im Dienst sich zu beklagen». Wie es insgesamt strengstens untersagt war, nach Dienstende «Zuflucht in die Presse» zu nehmen, wie es im Brief des Armeestabs heisst. Aber genau dies hatte Max Frisch gemacht: Bevor seine Erinnerungen in Buchform erschienen, hatte er sie in der Zeitschrift «Atlantis» veröffentlicht. Bei einer «Zuflucht in der Presse» befürchtete die Armee nicht so sehr, dass in Form von Publikationen militärische Geheimnisse verraten werden könnten. Vielmehr sah man darin einen Verstoss gegen die militärischen Tugenden: Wenn ein Soldat tatsächlich etwas zu kritisieren habe, sollte er dies «in männlicher Weise direkt anbringen». Und nicht wie Frisch ein kritisches Buch veröffentlichen.

Und so kam es, wie es kommen musste: Das Schweizer Armeekommando forderte bei Frischs Verlag zwei Exemplare der «Blätter aus dem Brotsack» an, die es zur Beurteilung an Experten verschickte. Die Wahl fiel auf den Verleger Eugen Rentsch, dem Frisch die Publikation seiner «Blätter» ebenfalls angeboten hatte, sowie auf einen Oberstleutnant der Infanterie. Der Verleger war der Meinung, dass es sich bei Frischs «Blättern» um «ein gutes Buch» handle, das «recht anschaulich und auf eine gute Art den Alltag des militärischen Aktivdienstes» vergegenwärtige. Von den Soldaten würde es denn auch viel und gerne gelesen. «Zu beanstanden ist daran nichts, weder aus militärischen noch aus Neutralitätsgründen», meinte der Verleger. Denn im Grunde genommen seien Frischs «Blätter aus dem Brotsack» ein «harmloses Buch».

«Ekelhafte Bagatellisierung des Fahneneides»

Etwas anders sah dies der Experte aus den Reihen des Militärs: Frischs «Blätter aus dem Brotsack» entspreche in «seinem geistigen Gehalt ungefähr dem abgeschmackten Titel», meinte der angefragte Oberstleutnant. Frischs Aktivdienst-Memoiren stünden damit «annähernd auf der Stufe des seligen Remarque», seien also vergleichbar mit Erich Maria Remarques pazifistischem Bestseller «Im Westen nichts Neues», auch wenn Frisch seine Angriffe gegen die Armee «mit patriotischen Allüren drapiere», wie der Oberstleutnant meinte.

«Wendet sich an die ‹Intellektuellen› (...). Dem Soldaten wird es nichts sagen»: Max Frisch im Urteil der Armee. Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv.

Besonders stossend fand der Oberstleutnant «die ekelhafte Bagatellisierung des Fahneneides» in Frischs Buch. Dem Leutnant war also nicht die Bösartigkeit entgangen, mit welcher Frisch die patriotische Heiligkeit dieses Eides mit einigen lapidaren Sätzen rahmte: «Leider ist keine Fahne da», heisst es gleich zu Beginn. Und am Ende steht die lakonische Beschreibung, wie zwei Soldaten den Eid nicht leisten wollen: «Der Hauptmann ruft sie vor, fragt unter vier Augen. Die Sache ist in Ordnung. Sie treten ein, und niemand fragt weiter.»

Letztlich war aber auch der Oberstleutnant der Ansicht, dass Frischs Bösartigkeit «nirgends besonders beachtet» werde, weshalb man dieses «Machwerk stillschweigend passieren lassen» sollte. Das war auch die Meinung der Zensurabteilung der Schweizer Armee. Auch sie entschied sich für eine Freigabe des Buches: «Wir haben die beanstandeten Stellen des Buches näher geprüft und sind zur Ansicht gekommen, dass der unbefangene Leser überhaupt nicht empfinden wird, dass einzelne Erlebnisse als persönliche Angriffe gemeint sind. Wenn der klageführende Offizier sich wirklich durch das Buch in seiner Ehre getroffen fühlt, so soll er die ihm zur Verfügung stehenden rechtlichen Mittel ergreifen.»

«Wir haben das Gefühl, dass wir uns eine sehr starke Blösse geben, wenn wir das Buch beanstanden»: Das Schweizer Armeekommando taktiert. Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv.

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Max Frischs Werk von der Schweizer Armee inspiziert wurde: Zu einer weiteren Auseinandersetzung kam es im März 1990. Und diesmal plante man einen Grossangriff: Ausgangspunkt war ein Manuskript eines deutschen Publizisten, der Frischs «Schweiz ohne Armee? Ein Palaver» filetieren wollte, das 1989 im Hinblick auf die Abstimmung zur Abschaffung der Armee entstanden war: Mit detektivischem Ehrgeiz versuchte der Publizist in einem zwölfseitigen Dokument nachzuweisen, welche Unstimmigkeiten Frischs «Palaver» enthalte und dass es sich bei dem Büchlein um «politische Demagogie» und «üble Kolportage» handle. Und dass Frischs «Ruf in der Schweizer Öffentlichkeit seit mindestens zwanzig Jahren ungerechtfertigt» sei.

Der deutsche Publizist, der früher für den «Nebelspalter» tätig gewesen war, hatte seine Rezension unter anderem an den Zürcher FDP-Nationalrat Ernst Cincera geschickt, der 1976 wegen seiner privaten Spitzelaktivitäten aufgeflogen war. Und der war begeistert: Bei der Rezension handle es sich um «ein Lehrstück analytischer Denkweise und könnte geradezu für entsprechende Schulungszwecke verwendet werden», heisst es in einem Brief, den Cincera an einen Brigadier schickte, der im Generalstab Klassenlehrer und zugleich stellvertretender Redaktor der «Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift» (ASMZ) war. «Übrigens: Könnte nicht einmal ein junger Historiker oder Absolvent der Militärschule anhand der Einteilung von Max Frisch eine genaue Liste der Aktivdiensteinsätze von Max Frisch machen?», fragt Cincera am Ende seines Briefes. Ein ehemaliger Fourier habe ihm einmal erzählt, dass Frisch im Aktivdienst «dank Abkommandierungen bequem gelebt» habe: Er sei meistens «in einem Einzelzimmer untergebracht gewesen – von Vorgesetzten mit gebührendem Respekt behandelt …» Sein eigener Respekt für Frisch sei «gleich null», schreibt Cincera etwas später in einem seiner Briefe.

Die Armee hat Angst vor Frisch

Wie Cincera war auch der kontaktierte Brigadier begeistert von der eingeschickten Rezension; er sah aber keine Möglichkeit, diese zu veröffentlichen, war Frischs Buch doch bereits in der ASMZ rezensiert worden und die Initiative zur Abschaffung der Armee, auf die hin Frisch sein «Palaver» geschrieben hatte, zudem schon vor einigen Monaten kläglich gescheitert. Der Brigadier hegte auch die Befürchtung, dass eine erneute Kritik für Frisch eine «willkommene Gelegenheit» darstellte, «sich nochmals mit dem gleichen Buch in der ASMZ, eventuell sogar in der Presse, zu profilieren». Damit hätte Frisch die Möglichkeit erhalten, die Armee «ein weiteres Mal» lächerlich zu machen, meinte der Brigadier. Deshalb lehnte er eine Publikation der eingereichten Rezension ab.

Die Kritik des deutschen Publizisten an Frischs «Schweiz ohne Armee», obwohl weiterhin unveröffentlicht, blieb nicht ungenutzt: Der Brigadier verwendete sie für die Schulung von Offizieren, die sich «bezüglich des weiteren Vorgehens folgende Überlegungen» machten, wie er schriftlich an Cincera berichtete. Und diese Offiziere, Spezialisten «der journalistischen Tätigkeiten und der Psychologie», hielten sich nicht zurück: Max Frisch sei ein Schriftsteller, der sich «widersprechende Texte leisten» könne, da er «absolute Narrenfreiheit» geniesse, heisst es in einem Dokument, das der Brigadier an Cincera schickte. «Grundsätzlich» wäre es daher gut, wenn man die «gutgläubige Bevölkerung» über den Wahrheitsgehalt von Frischs «Palaver» «informieren» könnte. Und allenfalls einen unabhängigen Historiker beauftragen könnte, «bei passender Gelegenheit in den Medien zum Wahrheitsgehalt des Buches Stellung zu nehmen und der Bevölkerung damit gleichzeitig etwas über das Gedankengut und die Gesinnung von M. Frisch zu berichten».

«Geniesst absolute Narrenfreiheit»: Vorschläge von Offizieren, wie man Max Frisch diskreditieren könnte. Quelle: Nachlass Ernst Cincera, Archiv für Zeitgeschichte.

Dazu sollte es nicht kommen. Dafür wurde das Dokument, das wir hier erstmals veröffentlichen, Max Frisch zugespielt. Wie es dazu kam, ist bis heute unklar – und gab auch seinen Gegnern Rätsel auf. Es waren aber wohl solche Dokumente und Vorgänge, die Max Frisch in seiner Ansicht bestärkten, dass er vom Staat als Feind angesehen wurde. Und dass man ihn diskreditieren wollte.

Max Frisch sollte die Publikation seiner ungeschwärzten Fichen nicht mehr erleben, die er bei Kaspar Villiger angefordert hatte und die einige seiner Ansichten revidiert hätten. Und auch nicht, wie das oben abgebildete Dokument dem «SonntagsBlick» zugespielt wurde, der es wenige Tage nach Frischs Tod im April 1991 zitierte – zusammen mit einer Stellungnahme von Ernst Cincera, der meinte: «Eine gezielte Aktion gegen Frisch hätte nichts geschadet. Er hat unser Land laufend schlechtgemacht.»

Wir danken dem Archiv für Zeitgeschichte, dem Schweizerischen Bundesarchiv und dem Max-Frisch-Archiv für ihre Hilfe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2017, 12:50 Uhr

Ein Rudel Hirsche in Zürich

Der Strauhof zeigt eine Schau zum Kalten Krieg, Max Frischs Fiche inklusive.

Am Anfang steht in dieser Ausstellung die Wut und zugleich das Ende des Kalten Kriegs; in Form eines geharnischten Briefs, den Max Frisch im Februar 1990 an Bundesrat Kaspar Villiger schrieb und mit dem er Auskunft verlangte, ob er in der «Verräter-Kartei» sei – «oder wie immer man im Bundeshaus diese Einrichtung nennen mag».

Die Ausstellung im Strauhof über «Frischs Fiche und andere Geschichten aus dem Kalten Krieg» lässt mit zahlreichen Originaldokumenten nachverfolgen, wie der krebskranke Frisch im Jahr vor seinem Tod mit seinem Anwalt um Einsicht in seine Staatsschutzfichen kämpfte. Wie er schliesslich mit Schere, Tacker und Schreibmaschine die Kopien der stark geschwärzten Karteikarten bearbeitete, um sich so seine eigene Biografie wiederanzueignen.

Die Bewegung, durch das Schreiben einen Zugriff auf die Wirklichkeit zu erlangen, ist durchaus charakteristisch für die neun Stationen, die Philip Sippel und Rémi Jaccard für ihre kluge Ausstellung ausgewählt haben: In Verschlägen, die mit einem schwarzem Netzstoff wie Zellen oder Bunker abgeschirmt sind, tragen Schauspieler in Videos die Texte vor, mit denen Autoren die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellen wollten.

Die russischen Panzer kommen

So etwa Franz Hohler, der in seiner Erzählung «Die Rückeroberung» angesichts des aufkommenden Umwelt­bewusstseins ein Rudel Hirsche durch Zürich galoppieren lässt (bis sie von «Polizeisoldaten mit Maschinengewehren» niedergemäht werden). Oder Urs Zürcher, der in seinem Roman «Der Innerschweizer» von 2014 den Albtraum der kalten Krieger wahr macht und russische Panzer durch Basel rollen lässt.

Neben den Textbunkern gibt es auch einen Werkstattbereich, wo man etwa sehen kann, wie Friedrich Dürrenmatt seine Buchstaben ins Manuskript seiner Novelle «Der Auftrag» hineinmalte, worin er die These aufstellte, dass wir nur dann existieren, wenn wir beobachtet werden. Gewicht erhält in der Ausstellung auch die Frage, wie man auf die Wirklichkeit zugreifen soll: In der Schweiz wurde sie in den 80er-Jahren als Realismusdebatte ausgetragen. Wahrscheinlich waren damals nur die wenigsten der Meinung von Laure Wyss, die im persönlichen Ressentiment einen «guten Ausgangspunkt» für Kunst sah.

Anders etwa Otto F. Walter, der von einem «linken Überichdruck» sprach, sich gegen alles zu engagieren; er votierte für eine Literatur, die «der Realität zum Verwechseln ähnlichsieht». Was Niklaus Meienberg zur Aussage verleitete, er sei «nicht einmal mehr frei, Selbstmord zu machen», seit er für eine Figur von Walters «Verwilderung» verwertet wurde. «Sonst würde es heissen, jetzt ist eingetroffen, was der Otti einmal voraussagte. Diesen Gefallen werde ich Dir nicht machen.» Hätte er doch nur Wort gehalten. (Andreas Tobler)

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