Er hat Hitler behandelt – und rettete meinem Vater das Leben

Durch Zufall sass der umstrittene deutsche Arzt im selben Zug nach Zürich wie die Grossmutter unseres Autors.

Manche halten ihn für einen Verbrecher, andere für einen grossen Mediziner: der Chirurg Ferdinand Sauerbruch. Foto: Ullstein/Getty Images

Manche halten ihn für einen Verbrecher, andere für einen grossen Mediziner: der Chirurg Ferdinand Sauerbruch. Foto: Ullstein/Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

1943 herrschte Krieg in Europa. Die Schweizer Armee war mobilisiert, der Gotthard ihre Festung. Dort, in Göschenen, lebte mein Vater, er war vier Jahre alt. Und er war krank, klagte über starke Bauchschmerzen und hatte hohes Fieber. Der Hausarzt im Dorf meinte, es könnte der Blinddarm sein, sicher sei er aber nicht. Deshalb rate er, den kleinen Heinz im Kantonsspital Zürich untersuchen zu lassen.

Also bestieg die Mutter mit dem kranken Kind den Schnellzug nach Zürich, der damals am Gotthard-Nordportal hielt. Sie hatte ein Billett für die dritte Klasse gelöst, die kleine Familie lebte in einfachen Verhältnissen. Doch sie fand keinen Platz, die dritte Klasse war überfüllt mit Soldaten, die im Reduit Aktivdienst leisteten.

Die erste Klasse war dagegen fast leer, und so nahm meine Grossmutter hier Platz, obwohl ihr das nicht gestattet war. Im Abteil nebenan sass ein vornehm gekleideter Herr mit Hornbrille und schaute hinüber, wobei seine Aufmerksamkeit dem kranken Buben galt. Da betrat der Kondukteur den Waggon: «Alle Billette bitte.» Meine Grossmutter zeigte ihre Fahrkarte für die dritte Klasse und bat um Entschuldigung, das Kind sei krank und drüben alles voll. Dem Kondukteur war das egal, er stauchte meine Grossmutter zusammen und forderte sie auf, den Wagen zu verlassen.

Widerspruch undenkbar

Da schaltete sich der vornehme Herr ein: «Lassen Sie die Frau, das Kind ist schwer krank. Sehen Sie das denn nicht!?» Als der Kondukteur etwas erwidern wollte, fügte der Fremde hinzu: «Ich bin Professor Sauerbruch.» Da hielt der Schaffner inne, von einem Sauerbruch hatte er gehört, das war doch der berühmte deutsche Doktor, der auch schon den Hitler verarztet hatte. Und dieser Sauerbruch fügte hinzu, wenn es sein müsse, komme er für die Fahrkarte der Frau auf. Der Kondukteur verschwand.

Weshalb Ferdinand Sauerbruch in diesem Zug sass, wissen wir nicht. Jedenfalls kannte er die Schweiz: Ab 1910 hatte er als Professor für Chirurgie an der Universität Zürich gelehrt und am angegliederten Spital operiert. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Sauerbruch als Freiwilliger und vermittelte Schweizer Ärzte für den Lazarettdienst in Deutschland. Danach folgte er einem Ruf nach München, und dann, 1928, an die Charité in Berlin.

«Zeigen Sie mir mal Ihren Jungen», wandte sich Sauerbruch nun an meine Grossmutter. Er untersuchte meinen Vater, drückte auf dem Bauch herum und stellte fest, dass der Blinddarm geplatzt war: «Wenn dieses Kind nicht rasch Hilfe bekommt, stirbt es.» Als der Kondukteur wieder vorbeischaute, inzwischen war er freundlich, wies ihn der deutsche Professor an, beim nächsten Bahnhof anzuhalten, er müsse telefonieren, ein Notfall. Widerspruch undenkbar.

Der Zug hielt unplanmässig in Flüelen. Sauerbruch rief im Zürcher Unispital an und bestellte eine Ambulanz an den Hauptbahnhof. Ohne Zweifel kannte man Sauerbruch hier: Als der Zug in Zürich eintraf, stand der Krankenwagen auf dem Perron. Der Professor half meiner Grossmutter mit ihrem Sohn aus dem Waggon, mein Vater wurde verladen und wenig später im Spital operiert. Sein Leben war gerettet.

Erstellt: 26.06.2019, 09:04 Uhr

Artikel zum Thema

So war es, mit dem prominenten Arzt des Hitler-Regimes zu arbeiten

Nazigegner oder Hitler-Anhänger? Was die Notizen eines Kollegen über Ferdinand Sauerbruch verraten. Mehr...

Das zweite Leben eines Monsters

Wie konnte Josef Mengele seinen Verfolgern 30 Jahre lang entkommen? Auf den Spuren der «Nazi-Society» von Buenos Aires. Mehr...

Die letzte Zeugin

Ida Bachner ist eine der letzten in der Schweiz wohnhaften Auschwitz-Überlebenden. Niemand in ihrer Nachbarschaft weiss, dass sie im Konzentrationslager war. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...