Wie stärkt man das Selbstvertrauen?

Die digitale Dauervernetzung mit anderen erhöht das Risiko, sich selbst aus den Augen zu verlieren. Ein philosophischer Ratgeber erklärt, was wir tun können, um uns selbst treu zu bleiben.

Ohne Übung keine Sicherheit: Das gilt auch für das Selbstvertrauen. Foto: Corbis (Getty Images)

Ohne Übung keine Sicherheit: Das gilt auch für das Selbstvertrauen. Foto: Corbis (Getty Images)

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In diesem Jahr erscheinen viele Sachbücher über Alltagsthemen mit philosophischen Untertiteln: «Zur Welt kommen» von Svenja Flasspöhler und Florian Werner adelt die «Elternschaft als philosophisches Abenteuer», «Midlife Crisis» von Kieran Setiya ist «eine philosophische Gebrauchsanweisung», und «Vom Glück des Wanderns» bietet sich als «eine philosophische Wegbegleitung» an.

Meistens ist der Hinweis auf die Philosophie kontraproduktiv – er schürt bloss Erwartungen, die die Bücher mit ihrer bescheidenen intellektuellen Ausbeute nicht erfüllen können. Die Ausnahme, die diese Regel bestätigt, bildet das Büchlein «Sich selbst vertrauen», das der französische Autor Charles Pépin als «Kleine Philosophie der Zuversicht» bezeichnet und das in seinem Heimatland ein Bestseller wurde.

Grundstein in der Kindheit

Im Zeitalter von Fake News stellt sich mehr denn je die Frage, wem ich vertrauen kann und darf. In der neuen Unübersichtlichkeit, die mit einer dauernden Skepsis einhergeht, drohen wir uns selbst zu verlieren. Der 46-jährige Schriftsteller und Philosophie-Lehrer Charles Pépin verschiebt den Fokus weg von der Aussenwelt aufs Individuum. Er fordert es auf, zuerst sich selbst zu vertrauen, bevor es anderen vertraut.

Der Grundstein für dieses Grundvertrauen wird, so der ­Autor, in der Kindheit gelegt. «Wir kommen nicht vertrauensvoll auf die Welt, wir werden es erst.» Für das kindliche Selbstvertrauen kommt den Eltern eine entscheidende Bedeutung bei. Im Idealfall lieben sie das Kind für das, was es ist, und nicht für das, was es tut.

Dieses Urvertrauen zu fördern, ist im Prinzip einfach – es zu stören oder gar zu zerstören, allerdings auch. «Je weniger unsere Kindheit uns ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt hat, desto häufiger müssen wir uns um Selbstver­gewisserung bemühen.» Was in späteren Lebensphasen also mühsam erlernt, manchmal auch erkämpft werden muss, lässt sich in der frühesten Lebensphase spielend erwerben.

Hat man die Kindheit, die mehr fremd- als selbstbestimmt ist, einmal hinter sich, stehen neue Herausforderungen an. Charles Pépin bespricht anschaulich Massnahmen zur Steigerung des Selbstwertgefühls. Neben der Pflege guter Beziehungen, unter denen es auch Vorbilder geben dürfe, empfiehlt er, stets auf sich selbst zu hören und die eigenen Interessen nicht kompromisslos, aber konsequent zu verfolgen.

Vergleich ist Gift

Anhaltendes Selbstvertrauen muss man sich, so der Autor, mit Mühe und Fleiss erarbeiten. Wer auf einem bestimmten Gebiet Überdurchschnittliches leisten wolle, müsse üben – und nochmals üben. Selbst Genies seien auf die wiederholende Tätigkeit angewiesen.

Wer zu früh aufgibt oder sich gehen lässt, hat in einer zunehmend kompetitiven Gesellschaft Schwierigkeiten, ein starkes Ich zu entwickeln. Der Vergleich und Abgleich mit anderen Menschen birgt allerdings auch Risiken – Gefahren, die im Zeitalter der Globalisierung zunehmen. «Wir haben heute unendlich viele Möglichkeiten, uns mit anderen zu vergleichen. Das ist das schlimmste Gift für unser Selbstvertrauen.» Da es immer jemanden gibt, der schneller, schöner oder reicher ist als wir selbst, stellt der Vergleich mit anderen laut Pépin eine «unerschöpfliche Frustrationsquelle» dar.

Anstatt zu vergleichen, sollten wir handeln. Selbstvertrauen hilft uns und anderen wenig, wenn wir nicht aktiv werden. Doch dem steht vieles entgegen: «Wir sind ultra-connected dank unserer digitalen Gerätschaften und immer mehr deconnected – abgetrennt – von der Welt des Machens.»

Pépin ist überzeugt, dass Intelligenz nichts Abstraktes ist, sondern etwas Konkretes, das sich in der Herstellung bewähren muss. Er teilt darum die Meinung des Philosophen Michel Serres, der den Untergang der bäuerlichen Welt als die einschneidendste Veränderung der jüngsten Zeit bezeichnete: Die Erfahrung, dass Begreifen von Greifen kommt, drohe uns langsam, aber sicher abhandenzukommen.

Wenn alles eins ist

So lobenswert das Büchlein mit den auf angenehme Weise vermittelten Ansichten und Thesen auch ist – an einigen Stellen geht es zu weit mit der Nivellierung. Bei der Frage etwa, ob es etwas uns Umfassendes, ja Göttliches gibt, vermengt Charles Pépin zu viel kategorial Verschiedenes miteinander.

Aus der im Untertitel erwähnten Philosophie wird dann Einheitsbrei: «Was Ralph Waldo Emerson göttliche Kraft nennt, heisst kosmische Energie bei den Stoikern und Gott bei den Christen. Für die Romantiker ist es die Natur, für Henri Bergson der Elan vital – im Grunde ist eins wie das andere.» Nein, das ist es nicht!

Trotz solcher Mängel bleibt das Buch lesenswert. Es belegt, dass gesundes Selbstvertrauen eine wichtige Voraussetzung ist für gedeihliches Wachstum. Indem der Einzelne einen sozialen Selbstbezug pflegt, läuft er auch weniger Gefahr, in die Falle der Opfer-Täter-Dialektik zu geraten. Von diesem Selbstbewusstsein profitieren auch die anderen.

Natürlich führt die Lektüre der  «Philosophie der Zuversicht» nicht automatisch zu mehr Selbstvertrauen. Aber sie macht uns bewusst, wie wenig es braucht, um mehr zu haben.

Wenn das nicht zuversichtlich stimmt!

Erstellt: 05.07.2019, 18:17 Uhr

Charles Pépin

Sich selbst vertrauen. Kleine Philosophie der Zuversicht.

Aus dem Französischen von Caroline Gutberlet. Hanser, München 2019. 223 S., ca. 28 Fr.

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