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Wie Thomas von Aquin von Stan Laurel das Lachen lernte

Markus Orths' entzückender Roman «Picknick im Dunkeln» überbrückt sieben Jahrhunderte – und führt auf elegante Weise vor, wie Toleranz funktioniert.

Hallo, wer dran? Szene aus einem Sketch mit Stan Laurel. Foto: Alamy Stock
Hallo, wer dran? Szene aus einem Sketch mit Stan Laurel. Foto: Alamy Stock

Fehlt der Welt etwas, weil sie das zweite Buch der «Poetik» des Aristoteles nicht kennt? Schwer zu sagen. Es ist jedenfalls verschollen. Der Philosoph soll darin die Komödie behandelt haben. Ganze Kapitel der Kirchen-, Geistes-, ja Weltgeschichte wären anders verlaufen, hätten sie sich, mithilfe dieses Buches, mehr mit dem Lachen, dem Humor, der Wirkung des Witzes beschäftigt. Das glaubte jedenfalls Umberto Eco, der im «Namen der Rose» eine raffinierte Kriminalgeschichte um das zweite Buch der «Poetik» gestrickt hat. Bei Eco wird es von einem bösen Mönch versteckt, wer es berührt, stirbt am darauf angebrachten Gift; schliesslich geht es mit dem ganzen Kloster in Flammen auf.

Auch der junge deutsche Autor Markus Orths lässt sich von diesem verlorenen Buch inspirieren. Eco hatte die Struktur der Sherlock-Holmes-Detektivgeschichten ins späte Mittelalter verlegt; Orths treibt es noch toller. Er bringt Thomas von Aquin mit Stan Laurel zusammen, den Kirchenlehrer des 13. Jahrhunderts mit dem kleinen Schussel von «Dick und Doof». Wer das für eine Schnapsidee hält und das Buch erst gar nicht aufschlägt, dem entgeht ein famoses Vergnügen. «Picknick im Dunkeln» ist ein so tiefsinniger wie federleichter Roman, amüsant und geistvoll zugleich.

Sein Charme liegt darin, das Unmögliche möglich zu machen. Schriftsteller dürfen sowieso alles, in ihrer Welt sind sie Gott. Aber auch in der Fantasie gelten gewissermassen Naturgesetze, das heisst: Auch der verrückteste Einfall muss plausibel gemacht und folgerichtig weitergesponnen werden.

Gegenspieler im Geiste, Gesprächspartner, Geh-Begleiter: Thomas von Aquin, auf einem Gemälde von Carlo Crivelli, 15. Jh. Foto: Alamy Stock
Gegenspieler im Geiste, Gesprächspartner, Geh-Begleiter: Thomas von Aquin, auf einem Gemälde von Carlo Crivelli, 15. Jh. Foto: Alamy Stock

Wie macht man aber plausibel, dass zwei Menschen aufeinandertreffen, die in zwei entfernten Jahrhunderten gelebt haben? Indem man die Zeit ihrer Macht enthebt. Thomas von Aquin und Stan Laurel sind in einem Zwischenreich, nicht Leben, nicht Tod. Konkret befinden sie sich in einer dunklen Röhre. Die Dunkelheit ist so absolut, dass Stan – aus dessen Perspektive wir die Situation erleben – das Gefühl hat, «er atme sie ein, sie sickere allmählich von aussen nach innen».

Sie sehen, riechen und schmecken nichts, spüren keinen Schmerz, können aber tasten – Löcher in der Röhre, verschlossene Ausgänge – und vor allem hören. Also auch einander zuhören. Der Roman, der diese dunkle Röhre nur verlässt, um Erinnerungen an beider früheres Leben – also: an ihr Leben – aufzurufen, besteht ausschliesslich aus Gesprächen der beiden (das ist möglich und plausibel, weil Thomas einen englischen Lehrer hatte und sich nur etwas altertümlich ausdrückt, à la :«Haben Sie den Einbruch des Wissens verwunden»).

Es ist ein Kammerspiel, das man sich auch gut im Theater vorstellen könnte; allerdings müssten Bühne und Zuschauerraum stockdunkel sein. Die beiden trennen nicht nur Jahrhunderte. Die sind sogar noch einigermassen zu überwinden. Da die beiden ja endlos Zeit haben – sie befinden sich entweder schon in der Ewigkeit oder auf dem Weg dorthin –, kann Stan seinem Gefährten erzählen, was sich seit dessen Tod 1274 in der Welt alles getan hat; von der Entdeckung Amerikas über die Philosophiegeschichte (Kant! Wittgenstein!) bis zum Skifahren und zum Kino.

Er schickte Thomas von Aquin und Stan Laurel in die dunkle Röhre: Autor Markus Orths. Foto: Olaf Kutzmutz
Er schickte Thomas von Aquin und Stan Laurel in die dunkle Röhre: Autor Markus Orths. Foto: Olaf Kutzmutz

Grösser ist der Gegensatz der Weltanschauungen. Für Thomas gibt es nur eine, eine einzige Wahrheit, Stan Laurel ist Pluralist. Und hier gerät der Austausch einmal kurz an den Rand des Streits: «Manichäer», schimpft der eine, «Dogmatiker», der andere. Aber in dieser Ort- und Zeitlosigkeit aufeinander angewiesen, versuchen sie ihre extrem unterschiedliche Denkungsweise einander verständlich zu machen.

Für Thomas ist ein Leben ohne Gott nicht nur sinnlos, sondern unvorstellbar. Stan wiederum kann nicht glauben, dass der grosse Kirchenlehrer seit seinem fünften Lebensjahr nicht mehr gelacht hat. Das war bei einer Schneeballschlacht, bevor die Eltern ihn zu den Benediktinern steckten. Da «kroch eine knöcherne Hand von tief unten aus der Erde herauf und drehte den kleinen Thomas auf links». Aber im Kloster entdeckt er auch das Wunder der Wörter und Gedanken.

«Ich denke immer», sagt er von sich. Thomas kann alles erklären, auch, wo sie beide wahrscheinlich sind (auf dem Weg zum Jüngsten Gericht, wo die «Geistseele» mit dem Körper wieder vereint wird). Aber wozu Lachen gut sein, versteht er einfach nicht und bringt damit Stan in die Bredouille. Der versucht, was ihm selbstverständlich ist, zu erklären. Zur Ablenkung? Um sich mit dem Tod abzufinden? Damit etwas einmal ohne Sinn sein darf? Weil es keinen höheren Sinn gibt? «Die Sinnlosigkeit macht sich Luft im Unsinn», findet er schliesslich. Und versucht, Thomas die schönsten Sketche mit seinem Partner Oliver Hardy zu erklären. Allein: «Erklärt man das Lachen, so ist es tot.»

Stimmt. Mit Büchern verhält es sich genau andersherum: Erklärt man sie, so nimmt man ihnen nichts von ihrem Zauber, man macht potenzielle Leser «gluschtig», man macht womöglich tatsächlichen Lesern erst verständlich, warum sie ein Buch so mögen.

Markus Orths führt auf elegante Weise vor, wie man miteinander reden, sich verständigen und schliesslich verstehen kann, auch wenn man von denkbar weit entfernten Positionen herkommt.

Dieses Buch werden viele mögen. Es versetzt einen in eine «unmögliche» Situation und schafft es, dass wir sie als selbstverständlich wahrnehmen. Es lenkt die Neugier von der «action», also der Frage, wie es weitergeht, schnell auf die Dramaturgie des Dialogs. Es schwingt sich immer wieder zu stilistischen Glanzstücken auf und dreht kleine, virtuose Pirouetten – etwa, wenn es die Flucht von Thomas aus einem Turmgefängnis in einen Stan-&-Ollie-Slapstick überblendet.

Der eigentliche Zauber des Buches liegt in der Kollision zweier unvereinbarer Standpunkte und Weltsichten, die von völligem Unverständnis zum Begreifen, zum Ineinandergleiten führt. Jedem geht auf, wie der andere tickt, und lässt sich darauf ein. Stan wird klüger, Thomas offener; was er tatsächlich von Stan gelernt hat, erfahren wir in einem Rückblick auf sein wirkliches Leben. Dass er seinen Mitbrüdern einen Wittgenstein-Satz hinwirft, ist eine der vielen Pointen, die die Konstellation «13. trifft 20. Jahrhundert» hergibt.

Umberto Ecos «Name der Rose» war im Gewand des Kriminal- und Gelehrtenromans auch eine Warnung vor Dogmatismus. Markus Orths führt vor, wie man miteinander reden, sich verständigen und schliesslich verstehen kann, auch wenn man von denkbar weit entfernten Positionen herkommt. Eine in Zeiten wachsender Intoleranz und Abschottung höchst willkommene Lektüre.

Markus Orths: Picknick im Dunkeln. Roman. Hanser, München 2020. 236 S., ca. 33 Fr.

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