Wie weit gehen Eltern für ihr Kind?

Krimi der Woche: Adrian McKinty lässt in «The Chain» Kinder entführen – plump und enttäuschend.

Adrian McKinty musste sich zeitweise als Uber-Fahrer verdingen, um das Schreiben zu finanzieren. Dann schaffte er den Durchbruch.

Adrian McKinty musste sich zeitweise als Uber-Fahrer verdingen, um das Schreiben zu finanzieren. Dann schaffte er den Durchbruch. Bild: Leah Garrett

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der erste Satz
Sie sitzt an der Bushaltestelle und überprüft in ihrem Instagram-Profil die Likes, deshalb bemerkt sie den Mann mit der Waffe erst, als er fast bei ihr ist.

Das Buch
Rund 20 Bücher hat der aus Nordirland stammende, heute in New York lebende Adrian McKinty in den letzten 20 Jahren veröffentlicht. Hervorragende Kriminalliteratur vor allem, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. «McKintys Duffy-Reihe gehört zu den besten Serien, die die Kriminalliteratur aktuell zu bieten hat», schrieb ich hier vor drei Monaten, als der siebte Roman der aufsehenerregenden Serie um einen katholischen Polizisten im von den Protestanten beherrschten Nordirland der 1980er-Jahre auf Deutsch erschien.

Doch all die Bücher hätten ihm nicht ganz den Durchbruch gebracht, den er sich erhofft habe, schreibt er im Nachwort zu seinem aktuellen Buch «The Chain». Er habe sich als Uber-Fahrer verdingen müssen, um seine Familie zu ernähren, wird kolportiert. Als Starautor Don Winslow das erfuhr, brachte er McKinty mit seinem Agenten Shane Salerno zusammen, der mit seiner Story Factory in Los Angeles Bestseller um Bestseller auf den US-Markt bringt.

Schon der Plot von «The Chain» ist abstrus. Es werden Kinder entführt.

Mit Salerno und Autorenkollegen aus dessen Stall entwickelte McKinty «The Chain». Und das Buch landete dieses Sommer in den Bestsellerlisten, McKinty bekam einen Buchvertrag mit einem Verlag, die Filmrechte sind für einen siebenstelligen Betrag verkauft. Der Erfolg ist Adrian McKinty zu gönnen. Bedauerlich nur, dass er diesen mit einem Buch erzielt, das die meisten Qualitäten, die seine Nordirland-Serie und auch seine frühere Trilogie über irischstämmige Gangster in Neuengland so faszinierend machten, missen lässt.

Schon der Plot von «The Chain» ist abstrus. Es werden Kinder entführt. Die Eltern müssen nicht nur Geld bezahlen, sondern selber ein anderes Kind entführen, um ihr Kind zurückzubekommen. Nach dem Modell von Kettenbriefsystemen läuft das so seit Jahren. Es sei ihm um die Frage gegangen, wozu Eltern fähig seien, wenn es um ihre Kinder geht, erklärt der Autor. Selbst wenn man dafür die Konstruktion akzeptiert, bleibt «The Chain» enttäuschend. Denn wo McKinty sonst mit subtilen Charakterzeichnungen glänzt, mit trockenem Humor und witzigen Anspielungen, benutzt er hier zu viele zu simple Klischees und zielt zu plump auf billige Effekte. Auf Ironie, die er sonst virtuos einzusetzen weiss, verzichtet er; Leser, die das nicht verstehen, sollen offenbar keinesfalls irritiert werden. Dass er das Handwerk beherrscht, scheint zwar durchaus auch hier durch, aber statt dieses mit spielerischer Leichtigkeit einzusetzen, wie wir es uns von ihm gewohnt sind, treibt er hier die actionreiche Handlung rational und ohne Augenzwinkern einem kinogerechten Showdown entgegen.

Die Wertung

Der Autor
Adrian McKinty, geboren 1968 in Belfast, ist im nordirischen Carrickfergus aufgewachsen. Nach einem Philosophie-Studium an der Oxford University zog McKinty nach New York, wo er unter anderem als Wachmann, Vertreter, Rugbytrainer, Buchhändler, Postbote und Journalist arbeitete. 2001 zog der nach Denver, wo er als Englischlehrer arbeitete und begann, Bücher zu schreiben. 2003 debütierte er mit dem ersten Band der starken «Dead»-Trilogie um den jungen Iren Michael Forsythe, der in die irische Gangsterszene in Boston eintaucht. 2013 erschien der erste Band der Sean-Duffy-Reihe auf Deutsch: «Der katholische Bulle» (Original: «The Cold Cold Ground», 2012). Inzwischen umfasst die Reihe sieben Titel, zwei weitere sollten eigentlich noch folgen, wie der Autor vor einiger Zeit angekündigt hatte. Doch nach dem Erfolg von «The Chain» ist unklar, ob er die Duffy-Reihe noch fortsetzt. McKinty zog 2008 nach Australien, wo er mit seiner Familie während rund zehn Jahren in Melbourne lebte. Inzwischen lebt er wieder in New York.

Hannelore Cayre: «Die Alte» (Original: «La daronne», Editions Métailié, Paris 2017). Aus dem Französischen von Iris Konopik. Ariadne/Argument Verlag, Hamburg 2019. 203 S., ca. 27 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 02.10.2019, 09:48 Uhr

Artikel zum Thema

Abgründiges Irland

Krimi der Woche: Krumme Deals und blutige Gemetzel liefert Autor Declan Burke in seinem Buch «Slaughter’s Hound», das ungewöhnlich beginnt. Mehr...

Er stiehlt Naziraubkunst zurück

Krimi der Woche: In «Hitze» schickt Garry Disher seinen faszinierenden Profigangster auf eine Diebestour. Mehr...

Die grosse Kunst des Agentenhandwerks

Krimi der Woche: Alte Spione, die sich jagen, Terror und Oligarchen – all das verpackt Mick Herron in «Dead Lions». Der Roman ist gespickt mit brillanten Dialogen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Das Bauhaus ist 100

Geldblog Nestlé enttäuscht den Markt

Profi-Killer sind auch nur Menschen

Krimi der Woche: «Das Killer-Kollektiv» in Barry Eislers neuem Thriller hat Kinderschänder im Visier. Mehr...

Wie weit gehen Eltern für ihr Kind?

Krimi der Woche: Adrian McKintys lässt in «The Chain» Kinder entführen – plump und enttäuschend. Mehr...

Abgründiges Irland

Krimi der Woche: Krumme Deals und blutige Gemetzel liefert der irische Autor Declan Burke in «Slaughter’s Hound». Mehr...