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Wien hats schon. Wann folgt Zürich?

Wien, Wien, nur du allein . . . Nein, das muss nicht sein. Auch Zürich ist eine literarhistorische Grossstadt. Hier blickt man auf eine ebenso lange und (fast) lückenlose literarische Tradition zurück. Vom Mittelalter mit Hadlaub über die Aufklärung (Klopstock, Gessner, Lavater), das 19. Jahrhundert (C. F. Meyer, Gottfried Keller, Johanna Spyri) und vor allem das 20. Jahrhundert (Robert Walser, Friedrich Glauser, Walter Serner, die Dada-Dichter, Hermann Hesse, Albin Zollinger, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt) wirkten hier Autoren, die die deutschsprachige Literatur bereichert haben.

Wie kurz aber wirkt diese Liste, wenn man ihr jene gegenüberstellt, auf der die Vertriebenen und Geflüchteten, die Emigranten, die Kurz- oder Mittelaufenthalter stehen. Dazu gehören Goethe und Büchner, Wagner und Rosa Luxemburg, Lenin und Tucholsky, Döblin und Musil, Joyce und die Familie Mann, Brecht, Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Elias Canetti.

Zürich war ein Hauptort der Welt­literatur, und es wäre an der Zeit, darauf gebührend hinzuweisen. Ein Literaturmuseum wäre das richtige Mittel dafür. Nun ist es vom Konjunktiv zum Indikativ ein weiter Weg, zumal in der Schweiz, wo gute Projekte gern zwischen den Zuständigkeiten (kommunal?, kantonal?, national?) versinken. Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand: Man müsste ein paar Millionen für die Bestückung des Museums in die Hand nehmen, für die Betriebskosten geradestehen, das richtige Gebäude finden. Und die vielen Institutionen, die über literarische Kostbarkeiten verfügen – von Briefen über Manuskripte bis zu Devotionalien (einen Spazierstock haben wir auch, von Thomas Mann!) –, zu Leihgaben überreden.

Mag sein, dass in Zürich, nachdem man sich mit dem Projekt «Jull in den Strauhof – Archivzentrum in der Bärengasse» die Finger verbrannt hat, in der Kulturabteilung ein entsprechender Ehrgeiz fehlt. Schon ein Zürich-Abteil im Landesmuseum einzurichten, ist offenbar nicht ganz einfach.

Aber drehen wir es doch um: Mit einem Literaturmuseum könnte die Administration Mauch/Haerle ein kulturelles Zeichen setzen, das länger währt als der Hafenkran. (Martin Ebel)

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