Windfahne in der Weltgeschichte

Genialer Schriftsteller, grosser Opportunist: So erscheint Ivo Andric, jugoslawischer Nobelpreisträger, in einer Biografie des deutschen Journalisten Michael Martens.

Am 12. Dezember 1961 erhält Ivo Andric (rechts) von König Gustav Adolf von Schweden den Literaturnobelpreis. Foto: Imago

Am 12. Dezember 1961 erhält Ivo Andric (rechts) von König Gustav Adolf von Schweden den Literaturnobelpreis. Foto: Imago

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Wer sich für den Balkan interessiert, der sollte Ivo Andric lesen. In diesem Punkt sind sich fast alle einig: Kenner der Region, neugierige Enthusiasten und westliche Politiker, die mit der verworrenen Geschichte der Region oft überfordert sind. Mit seinem Roman «Die Brücke über die Drina» hat Andric Bosnien in die Weltliteratur eingeschrieben. An dieser Brücke lässt er vier Jahrhunderte Revue passieren: wütende Osmanen, einen serbischen Bauern, der grausam und für alle sichtbar auf der Bau­stelle gepfählt wird, muslimische Würdenträger, habsburgische Bürokraten. Für diese Chronik erhielt Andric 1961 den Nobelpreis für Literatur.

Wer war dieser Ivo Andric? Der deutsche Journalist Michael Martens hat sieben Jahre lang recherchiert, daraus ist eine glänzend geschriebene Biografie über Andric entstanden. Für manchen Leser mag das Werk zu umfangreich ausgefallen sein. Doch es gibt einiges zu erzählen über diesen Autor, der im 20. Jahrhundert beinahe alles war: Möchtegern-Revolutionär, Diplomat, Handlanger von Herrschern, Idealist und vor allem ein genialer Erzähler, der sich an der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident bewegte.

Fremde Eroberer

Geboren wurde Ivo Andric 1892 in Travnik, einer Kleinstadt in Zentralbosnien, in einer katholischen Familie. Wie aus einem Kroaten, der mit bosnischen Muslimen aufwuchs, ein überzeugter Jugoslawe wurde und mit den Serben sympathisierte – das schildert Martens akribisch und mit kritischem Wohlwollen. Als Andric zur Welt kommt, ist Bosnien eine osmanische Provinz unter österreichisch-ungarischer Verwaltung.

Ivo Andric studiert in Zagreb, Wien, Krakau und Graz. Seine Doktorarbeit trägt den Titel: «Die Entwicklung des geistigen ­Lebens in Bosnien unter der ­Einwirkung der türkischen Herrschaft». Darin wird deutlich, was Ivo Andric von der osmanischen Herrschaft hielt: Diese habe zur «Verrohung der Sitten und zu einem Rückschritt in jeder Beziehung» geführt. Die Türken beschreibt er als fremde Eroberer, arbeitsscheu und mit Lastern ­behaftet.

Auch in seinen literarischen Werken treten die Muslime ­häufig als Gewalttäter auf. ­Manche bosniakische (muslimische) Intellektuelle bezeichnen ­Andric deshalb als Islam­hasser und geistigen ­Brandstifter­. Serbische Nationalisten dagegen vereinnahmen ihn für ihre Ziele und verzerren sein Werk.

Bevor Ivo Andric ein anerkannter Schriftsteller wird, macht er ­Karriere als königlich­-­ju­go­slawischer Diplomat. Er ist stets diensteifrig, anpassungs­fähig und gegenüber Macht­habern oft servil. Als Vizeaussenminister schreibt er 1939 eine ­Abhandlung über die Eroberung Nord­albaniens. Er plädiert dafür, die Albaner in Kosovo entweder zu assimilieren oder in die ­Türkei zu vertreiben.

Danach tritt er seinen Dienst als Botschafter im nationalsozial­istischen Berlin an, wo noch grössere Vertreibungspläne vorbereitet werden. Am 19. April 1939, einen Tag vor Adolfs Hitlers 50. Geburtstag, überreicht Andric dem deutschen Diktator sein Beglaubigungsschreiben.

Schweigen und schreiben

Hier treffen sich zwei ehemalige Untertanen der Habsburger­monarchie. Andric, ein Schulfreund Gavrilo Princips, der 1914 den österreichischen ­Thron­folger in Sarajevo erschossen hatte, schüttelt Hitlers kalte und ein wenig feuchte Hand. Seine ­Regierung, so der Diplomat, wünsche sich gutnachbarschaftliche Beziehungen.

Nach dem Attentat von Sarajevo war auch Andric kurz hinter Gitter gekommen, er kannte die meisten Terroristen. In Berlin freundet sich der Schriftsteller mit Carl Schmitt an, der als Hitlers «Kronjurist» galt, und mit dem Käfersammler und Literaten Ernst Jünger, der für seine Nähe zum Nationalsozialismus bekannt war.

Im April 1941 – Hitler hat weite Teile Jugoslawiens mit einem Blitzkrieg erobert – endet die Karriere des Gesandten Andric in Berlin. Er, der den «Endsieg» der Nazis für möglich hielt, wird zusammen mit anderen jugoslawischen Diplomaten in einem Hotel in Lindau interniert. Es wird ihm angeboten, in die Schweiz auszureisen. Doch ­Andric will seine Kollegen nicht im Stich lassen.

Schliesslich werden sie alle in einem Sonderzug nach Belgrad zurückgebracht. In Berlin übernimmt die neutrale Schweiz die Vertretung der jugoslawischen Interessen. Vor seiner Abreise ­beauftragt Andric die helvetische Gesandtschaft mit dem ­Verkauf seines Mercedes. Im Bundesarchiv gibt es heute ­keine schriftlichen Belege zu dem Autoverkauf.

In Belgrad lebt Andric zurückgezogen, er schweigt und schreibt. Hier, unter dem Bombenhagel der Nazis, beendet er den Epochenroman «Wesire und Konsuln» und sein Hauptwerk «Die Brücke über die Drina».­ Im sozialistischen Jugoslawien wird aus «Gospodin» (Herr) Andric Genosse Ivo: Er unterzeichnet eine Petition zur Befreiung politischer Gefangener in Südvietnam, aber er kritisiert das kommunistische Regime in Belgrad nicht, und er lehnt es ab, sich für jugoslawische Dissidenten einzusetzen. Als Ernst Jünger Ende er 60er-Jahre versucht, mit ­Andric Kontakt aufzunehmen, reagiert er nicht. Eines bleibt ­Andric laut seiner Nobelpreis­rede aber bis an sein Lebens­ende 1975: ein Erzähler, der «seine eigene Geschichte erzählt wie das Kind, das im Dunkeln singt, um seine Angst zu lindern».

Erstellt: 06.09.2019, 18:10 Uhr

Michael Martens:

Im Brand der Welten. Ivo Andric. Ein europäisches Leben.

Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2019. 496 S., ca. 42 Fr.

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