«Wir müssen uns bewusst werden, was da passiert»

Die in St. Gallen lehrende Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel entwirft in ihrem neuen Buch «Next» ein Bild, in dem die Computer die Herrschaft übernehmen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Meckel, Ihr neues Buch «Next» heisst im Untertitel «Erinnerung an eine Zukunft ohne uns». Das klingt bedrohlich.
Der Titel soll natürlich ein bisschen provozieren. Er soll eine Anregung sein, darüber nachzudenken, ob es vorstellbar ist, dass wir uns überflüssig machen könnten. Das Buch geht der Frage nach, ob wir irgendwann einmal unser Denken vollständig dem Computer überantworten.

Im ersten Teil des Buchs spricht der erste humanoide Algorithmus, im zweiten Teil der letzte Mensch. Welcher Teil sprach Ihnen mehr aus der Seele?
Ich dachte natürlich zuerst, dass es für mich leichter sein würde, mich in den letzten Menschen hineinzuversetzen. Wenn ich heute das Buch lese, dann bin ich mir dessen nicht mehr so sicher, weil beide nicht mehr ganz rein sind – der Algorithmus ist vermenschlicht, und der Mensch ist technisiert. Ich kann heute nicht mehr sagen, wer mir von den beiden sympathischer ist.

Gewiss, wenn man die beiden Texte vergleicht, ist es schwierig, Ihre Vorliebe herauszulesen. Wollten Sie das vermeiden?
Ja, das habe ich bewusst so gemacht, denn es ging mir um das Verschmelzen beider Perspektiven.

Verstehen Sie das Buch als Sciencefiction im eigentlichen Sinn oder als Sachbuch?
Ich wollte zunächst ein Sachbuch schreiben. Aber dann habe ich gemerkt, dass das Thema sehr kompliziert ist und als reines Sachbuch wahrscheinlich schwierig wird. Ich war im vergangenen Jahr während eines Sabbaticals in Harvard und habe dort sehr viel darüber nachgedacht. Irgendwann am Morgen beim Joggen kam mir der Gedanke: «Warum erzählst du die Geschichte nicht einfach aus zwei Perspektiven?»

Und trotzdem ist es nicht eine rein fiktive Erzählung geworden, denn Sie haben viel recherchiert und einige wissenschaftliche Anmerkungen gemacht.
Ja, ich wollte alle Quellen sauber belegen, denn letztlich bin ich Wissenschaftlerin und keine Schriftstellerin.

Auf welche neuen Erkenntnisse sind Sie bei Ihren Recherchen gestossen?
Ich habe festgestellt, dass die sogenannte Personalisierung des Internets sehr viel weiter fortgeschritten ist, als wir das im deutschsprachigen Raum wahrnehmen.

Mit welchen Folgen?
Wenn Sie von algorithmischen Empfehlungssystemen wie Amazon oder Facebook vorgeschlagen bekommen, was Sie anschauen oder lesen oder mit wem sie sich befreunden sollen, dann beruht das auf Ihrem vergangenen Verhalten. Damit begeben wir uns in eine Art Trichter hinein, der immer stärker unsere eigene Perspektive fokussiert und alles andere weglässt. Das sind schon sehr gravierende Veränderungen, Prozesse, die unser Denken verändern.

Sehen Sie das als Bedrohung?
Nein, aber wir müssen uns bewusst werden, was da passiert. Und da sehe ich wirklich ein Defizit, weil diese Themen bei uns zu wenig diskutiert werden.

Wird im angelsächsischen Raum – Sie waren eben in den USA – anders über dieses Thema diskutiert?
Absolut. Die Diskussion ist in den USA weit fortentwickelt. Dadurch ist der Wissensstand grösser. Und es gibt dort eine engagierte Internet-Community, die sich eingehend mit diesen Themen beschäftigt und nicht nur rummosert.

Genau, wenn es bei uns zu solchen Diskussionen kommt, dann sind die gleich polarisierend.
Da haben Sie recht. Aber ich finde, es geht gar nicht darum, dass man sofort eine Negativhaltung zu einem Thema einnehmen muss. Man kann ja auch einen kulturkritischen Ansatz wählen, der nicht gleich sagt: «Das darf alles nicht sein.» Ich halte es für absolut illusorisch, dass wir nun alle wieder aus dem Internet und den sozialen Netzwerken rausgehen. Das will ich auch nicht, weil wir dort auch viel Gutes finden. Dort spielt sich ja auch ein Teil unseres Lebens ab. Deshalb bin ich der Ansicht: Verweigerung hilft nicht. Ich muss immer das, was ich liebe, aktiv gestalten. Wenn mir etwas nicht gefällt, dann muss ich sagen: «Da will ich einen anderen Weg wählen.»

Haben wir überhaupt eine Wahl?
Ich denke schon: Will ich zum Beispiel bei Google diese personalisierte Suche, bei der verschiedene Menschen bei der gleichen Stichwortsuche unterschiedliche Ergebnisse bekommen, oder will ich das nicht? Über solche Wahloptionen müssten wir nachdenken.

Und Sie wollen die Leser zum Nachdenken bringen.
Das ist natürlich immer ein hehres Ziel, aber es wäre schön, wenn es ein bisschen gelänge.

Sind wir nun tatsächlich an dem Scheidepunkt, an dem die Computer die Herrschaft übernehmen?
Ich denke, dass wir noch nicht an dem Scheidepunkt sind, deshalb heisst das Buch ja im Untertitel «Erinnerung an eine Zukunft». Und da ich keinen Schimmer habe, wie die Zukunft wirklich aussehen wird, kann ich sie nur aus dem Jetzt-Zeitpunkt beschreiben – mit viel Recherche und Forschungsergebnissen als Fundament, aber auch mit viel Fantasie. Ich finde es zum Beispiel spannend, wie man heute schon mit Gehirnströmen Computern Befehle geben kann. Die kognitiven Fähigkeiten und die Operationen in den Netzwerken gehen immer stärker zusammen.

Läuft die Welt Ihres Erachtens auf eine geistige Welt hinaus?
Ja, denn da wir einen Körper haben, der immer mühsam von Ort zu Ort befördert werden muss, kann ich mir schwer vorstellen, dass wir uns zukünftig im Internet als E-Mail-Attachment verschicken können.

Beamen wie bei «Raumschiff Enterprise».
Ich kann nicht behaupten, dass das nie möglich sein wird, aber ich kann mir eher vorstellen, dass wir unser Gehirn mit dem Computernetzwerk verbinden werden.

Im Buch sprechen Sie der Medizin die Möglichkeit ab, den Körper für die Ewigkeit zu schaffen. Aber könnte es nicht gerade umgekehrt sein, dass die Gentechnologie für ewiges Leben sorgt, der Geist aber nicht mehr mitkommt?
Ja, das ist durchaus möglich.

Wäre es also denkbar, dass da zwei Entwicklungen aufeinanderprallen – die geistige und die körperbetonte?
Das ist eine interessante Idee, dass sich da zwei Denkschulen entwickeln, wobei man sich dann irgendwann für eine entscheiden muss.

Läuft das auf Krieg hinaus?
Ich glaube nicht, dass dereinst auf so alte Methoden wie eine Kriegsführung zurückgegriffen wird. Da haben die Netzwerke dann subtilere Mittel.

Erstellt: 16.09.2011, 11:00 Uhr

Zur Person

Miriam Meckel, geboren 1967, studierte Kommunikations- und Politikwissenschaft, Jura und Sinologie und promovierte über das europäische Fernsehen. Sie war Regierungssprecherin des Ministerpräsidenten von Nordrhein- Westfalen, später Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien. Seit 2005 ist sie Professorin an der Universität St. Gallen. 2007 erschien ihr Buch «Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle»; 2010 folgte «Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout» und wurde zum Bestseller. Miriam Meckel ist die Lebenspartnerin der bekannten Fernsehmoderatorin Anne Will.

Miriam Meckel: «Next. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns», Rowohlt-Verlag, ISBN: 978-3498045234

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...