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«Wir sind eine traumatisierte Nation»

Veranstaltungen von ukrainischen Autoren werden an der Buchmesse in Leipzig besonders stark besucht. Ein Augenschein.

Die Nikolaikirche ist ein mythischer Ort in Leipzig. Von hier aus gingen die Montagsdemonstrationen aus, die zu einer Bewegung führten, vor der das DDR-Regime schliesslich kapitulierte. An der Nikolaikirche weht jetzt die blaugelbe Fahne der Ukraine: ein Zeichen der Solidarität. Juri Andruchowytsch ist gerührt, als er davon erzählt. Zwar ist die Schweiz das Schwerpunktland, aber wenn es ein inoffizielles Gastland der Herzen gäbe, wäre es die Ukraine. Veranstaltungen mit Autoren von dort sind stark besucht, auf der Podiumsdiskussion mit Andruchowytsch, Andrej Kurkow, Irena Karpa und Taras Lyutyj sitzen die Besucher dicht gedrängt auch auf dem Fussboden.

«Euromaidan» heisst das Thema. Im Zentrum stehen nicht die immensen Probleme von Gegenwart und Zukunft, der Druck aus Moskau, die vielleicht schon verlorene Krim, die gefährdete Einheit des Landes. Es ist, als trüge der Enthusiasmus des zentralen Platzes in Kiew bis hierher, auf das nüchterne Messegelände im Norden Leipzigs, in das grün ausgeschlagene Forum Ostsüdost. Die junge Irena Karpa, eine Autorin und Rockbandsängerin, die man sich auch auf einem Revolutionsbild wie dem von Delacroix vorstellen kann, die Fackel in der Hand, schwärmt noch immer von dem schichtenübergreifenden Einheitserlebnis, von Pelzmäntel-Damen, die Kranke pflegten, von Behinderten, die bei zwanzig Grad minus Tee ausschenkten.

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