Er schlägt hart, aber fühlt zart

Krimi der Woche: Brutale Gewalt und menschliche Tiefe prägen Kevin Hardcastles rabenschwarzes Debüt «Im Käfig».

Das Erstlingswerk von Kevin Hardcastle ist düster und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Das Erstlingswerk von Kevin Hardcastle ist düster und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Bild: Katrina Afonso

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Der erste Satz
Im Cage kämpfte Daniel zum ersten Mal an seinem siebenundzwanzigsten Geburtstag.

Das Buch
Würde ich etwas von Kampfsport verstehen, würde ich vielleicht so etwas sagen wie, dass einen dieser Roman erwischt, wie ein unerwarteter, harter Haken. Aber da falsche Metaphern peinlich sind: Dieses Buch packt einen, zieht einen in einen Strudel von Gewalt und hinterlässt einen ziemlich mitgenommen.

Wenige Autoren schaffen so etwas. Dem Kanadier Kevin Hardcastle ist das mit seinem ersten Roman «Im Käfig» gelungen. Es ist die – nicht chronologisch erzählte – Geschichte von Daniel, einem extrem harten, sehr talentierten Mixed-Martial-Arts-Kämpfer. Jahrelang hat er als Amateur gekämpft, dann als Profi. Seine Tage bestanden aus Training.

«An manchen Tagen fuhr Daniel stundenlang, nur damit Boxer ihn auf verschlissene Matten und gegen gepolsterte Betonwände schmetterten. Immer kämpfte er sich wieder hoch. Er brach sich Finger und Zehen, erlitt eine Oberkieferfraktur und spuckte einen Monat lang Blut, rostbraune Klumpen, rot geäderten Schleim. Wischte er sich über die Augen, schmerzten die Schneidezähne. Daniel hatte keine Ahnung, ob sich die Beschwerden legen würden, aber irgendwann taten sie es, und er sparrte wieder in Gyms an irgendeinem Stadtrand, und in den meisten Hallen wollte bald niemand mehr mit ihm trainieren.»

Nach einer schweren Augenverletzung und um für seine junge Familie da zu sein, gibt Daniel seine Profi-Karriere auf. Doch das Leben in einem abgelegenen Landstrich in der kanadischen Provinz ist nicht einfach. Das Geld, das Daniel als Schweisser und seine Frau Sarah als Nachtpflegerin in einem Altersheim verdienen, reicht kaum zum Leben. Als Daniel seinen Job verliert, beginnt er, seine Fähigkeiten für eine lokale Drogenbande, die er seit seiner Jugend kennt, einzusetzen. Doch die Bandenaktivitäten arten in brutalstes Abschlachten aus. Daniel steigt aus. Versucht es zumindest. Und will zurück in den Kampfsport. Er trainiert wieder. Und ein Kampf soll grosses Geld bringen.

Vergleiche mit Grössen wie Cormac McCarthy in nordamerikanischen Rezensionen mögen etwas gar hoch gegriffen sein. Doch Hardcastles Erzählkunst beeindruckt. Er schildert die aufregende Geschichte ganz unaufgeregt. Gnadenlos genau. Sehr filmisch. Handlung. Dialoge. Kaum Erklärungen. Keine inneren Monologe. Emotionen nur, wenn sie sichtbar sind. Keine vordergründigen Dramatisierungen. Und trotzdem schüttelt einen dieses Buch durch.

Man spürt, dass nicht die scheinbar sanfte Sarah, sondern Daniel der Schwächere ist in dieser Beziehung. «Wir schaffen das schon», sagt sie, wenn er am Verzweifeln ist. Und dann greifen sie zum nächsten Bier. In seinem Umgang mit Frau und Tochter zeigt sich eine sehr zarte Seele. Daneben prägen Armut, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Gewalt, immer wieder Gewalt, in einer trostlosen ruralen Welt die Geschichte. Bezeichnend ist, dass eine Szene der lustigste Moment in diesem Buch ist, in welcher die kleine Tochter, die vom Vater gelernt hat, wie man richtig zuschlägt, ein paar total verblüffte Schulhofrabauken verprügelt.

Der Buchtitel ist mehrdeutig. Er bezeichnet den Käfig, in dem gewisse Kämpfe geführt werden. Aber Daniel steckt auch in anderen Käfigen, die keine Stäbe und Gitter haben. Armut. Alkohol. Die Gewalt, die ein fester Teil seiner Existenz ist. Und er ist gefangen in seiner Geschichte, die ihn am Ende unerbittlich einholt.

Die Wertung

Der Autor
Kevin Hardcastle, geboren 1980, stammt aus Midland, Simcoe County, in der kanadischen Provinz Ontario. Er studierte Schreiben an der University of Toronto und an der Cardiff University. 2012 war er mit einer Kurzgeschichte Finalist für den Journey Prize, einen bedeutenden Shortstory-Preis für aufstrebende kanadische Autoren. 2015 veröffentlichte er die Kurzgeschichtensammlung «Debris», die mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. Sein erster Roman «In the Cage» erschien 2017, ein Jahr darauf erschien er auch in Frankreich und nun auf Deutsch. Hardcastle wird von Literaturstars wie John Irving und Donald Ray Pollock unterstützt und gefördert. Er lebt in Toronto.

Kevin Hardcastle, «Im Käfig» (Original: «In the Cage», Biblioasis, Windsor ON [Kanada] 2017). Aus dem Englischen von Harriet Fricke. Polar-Verlag, Stuttgart 2019. 286 S., ca. 28 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 31.07.2019, 12:04 Uhr

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