«Die Schande Europas» – Jean Zieglers Grenze

Der 85-jährige Soziologe hat ein hervorragendes Buch über Europas Flüchtlingslager geschrieben. Es kann unser Denken über Migration verändern.

Soziologieprofessor und UNO-Gesandter: Jean Ziegler.

Soziologieprofessor und UNO-Gesandter: Jean Ziegler. Bild: Keystone

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Seine öffentlichen Auftritte erinnern manchmal an Fidel Castro, sind oft pathetisch und schweifend. Der grosse linke Ankläger Jean Ziegler, 85, ist der letzte seiner Art. Geboren ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung, befreundete er sich mit historischem Personal – Simone de Beauvoir, Che Guevara – und politisierte als Sozialdemokrat unter der Bundeshauskuppel. Später bereiste er als Sonderberichterstatter der UNO die schlimmsten Orte der Erde.

Am Montag veröffentlicht der Soziologieprofessor sein neues Buch, «Die Schande Europas». Ziegler schildert darin, wie er das Flüchtlingslager auf Lesbos besucht. Lesbos ist einer von fünf sogenannten Hotspots auf griechischem Territorium – Camps am Rand des Kontinents, in welche die EU und auch die Schweiz die Migrationskrise ausgelagert haben.

Ein Zivilisationsbruch

Vor seinem Besuch im Mai 2019 erzählt Ziegler Kollegen von seinem Vorhaben. «Du willst also die Konzentrationslager im Ägäischen Meer besuchen?», fragte der griechische Professor Meletis Meletopoulos zurück. Ziegler übernimmt diese drastische Bezeichnung nicht, er hält sie aber auch nicht für komplett falsch: «Die Übeltäter in Brüssel lassen zu, dass sich in den Hotspots Überlebensbedingungen entwickeln, die an die Konzentrationslager unseligen Angedenkens erinnern.» Auf jeden Fall beschreibt Ziegler Zustände, die in Europa nicht mehr für möglich gehalten wurden. Jean Ziegler beschreibt einen Zivilisationsbruch.

Ziegler schreibt von Kindern, die 24 Stunden ohne Wasser und Nahrung eingesperrt werden. Von Ärzten, die von Grenzwächtern daran gehindert werden, einem kranken Baby zu helfen, worauf es stirbt. Ziegler schreibt von Frauen, die missbraucht werden, wenn sie sich nachts nach draussen wagen. Von verstopften Toiletten und von Ratten in Abfallbergen, die niemand wegräumt. Von der Krätze, die sich auf der Haut der Lager-Insassen ausbreitet. Von fehlenden Duschen und von fehlenden Heizungen im Winter.

Ziegler war als Träger eines so sperrigen wie gewichtigen Titels auf Lesbos, als «Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats». Er dürfte einen besseren Zugang zu Orten und Menschen gehabt haben als die meisten Journalisten, die bisher über die Lager berichtet haben.

Flüchtlinge auf Lesbos. (Antonis Pasvantis/AP)

«Die Schande Europas» ist ein verblüffendes Buch. Es ist nüchtern und anschaulich, lediglich vereinzelte Ausbrüche erinnern an Zieglers barocke Mündlichkeit. Der Autor vermittelt dabei nicht nur seine Eindrücke, sondern dokumentiert auch die Hintergründe des grausamen Lagerlebens. «Die Schande Europas» ist ein Worst Of dessen, was Journalistinnen und Aktivisten über die Hotspots bisher in Erfahrung bringen konnten. Etwa, wie perfide sogenannte Push Backs funktionieren: Polizeischiffe umkreisen Flüchtlingsboote immer schneller, worauf diese zurückweichen oder im Wirbel untergehen.

Andernorts hetzen EU-Polizisten ihre Hunde auf die Gestrandeten, oder sie prügeln sie mit Eisenstangen zurück. Darüber hinaus erklärt Ziegler die Entstehung und Arbeitsweise von Schlüsselorganisationen wie Frontex und zeigt, wie Instanzen der EU mit der Rüstungsindustrie verbandelt sind.

Bittere Kritik an der UNO

Den Übergriffen in und vor Lesbos stellt Ziegler Auszüge aus der Flüchtlings- und der Kinderrechts-Konvention gegenüber:

«... dass das Kind zur vollen und harmonischen Entfaltung seiner Persönlichkeit umgeben von Glück, Liebe und Verständnis aufwachsen sollte …»

Voller Bitterkeit beschreibt Ziegler die jüngsten Feierlichkeiten zum 30-Jahr-Jubiläum der Kinderkonvention. Mit «pompösen Selbstbeweihräucherungen» wolle die UNO ihre Ohnmacht verschleiern.

Erstaunlich ist «Die Schande Europas» auch, weil es Zieglers Entfremdung von der UNO deutlich macht – jener Organisation, welcher der Thuner seinen Aufstieg zum global anerkannten Intellektuellen verdankt. Ein Treffen mit einer Funktionärin auf Lesbos verläuft frostig. Ziegler schreibt: «Das aseptische Vokabular der UNO geht ihr glatt von der Zunge.» Dass die UNO das Elend der Lager nicht verhindern und kaum mildern kann, beelendet Ziegler. Es sei «vollkommen unbegreiflich», dass sich der UNO-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi nicht auf Lesbos blicken lasse. Seine Meinungsverschiedenheit bekräftigt der Schweizer mit der Schilderung eines Streits zwischen ihm und dem späteren Generalsekretär, Antonio Guterres.

Auf Lesbos gestrandet, Oktober 2019. (AP, Petros Giannakouris)

Lesenswert ist «Die Schande Europas» aber vor allem, weil Jean Ziegler auf knappem Raum eine Prämisse umstürzt, die sich in den letzten fünf Jahren selbst bei regierenden Sozialdemokraten und liberalen Journalisten etabliert hat: die Annahme, dass Hotspots eine «Lösung» des Migrationsproblems und irgendwie akzeptabel sein könnten. Was derart grauenvoll ist, kann keine «Lösung» sein, so Zieglers Lehre, Europa verliert gerade seine moralische Glaubwürdigkeit. Der Autor beendet das Buch mit der Forderung nach einer «sofortigen und endgültigen Schliessung aller Hotspots».

Druck ausüben auf die Osteuropäer

Doch was kommt danach? Anruf in Genf: Haben denn Sie einen Plan, Herr Ziegler? Zu hören ist das bekannte, sonore, stets etwas pressante Berndeutsch: «Die EU muss ihre Relokalisierungspläne wieder aufnehmen.»

Für Ziegler ist klar, dass die Union sich von ihren osteuropäischen Mitgliedern nicht davon abhalten lassen darf, ankommende Migranten zu verteilen. Dafür sei Druck durchaus angebracht: «Die EU sollte den Osteuropäern die Subventionen streichen, wenn sie keine Flüchtlinge aufnehmen.» Auch die Schweiz solle ihre Kohäsionsmilliarde aussetzen. Selbstverständlich würde die Einwanderung nach Europa mit einer funktionierenden, solidarischen Umverteilung nicht kleiner werden, sagt Ziegler. «Doch die gepeinigten Menschen kommen ja ohnehin!» Die Umverteilung sei die beste Lösung, wenn man an den Genfer Konventionen festhalten wolle.

Die Konventionen sind unhinterfragbar? Kurze Pause in der Leitung, man scheint das stille Unverständnis geradezu zu hören. Dann: «Wir reden hier von universellen Menschenrechten, die absolut und nicht verhandelbar sind.» Jean Ziegler ist nach wie vor ein Mann der klaren Grenzen. Vielleicht braucht ihn die Linke deshalb heute mehr denn je.

Jean Ziegler: Die Schande Europas. C. Bertelsmann, München 2020. 144 Seiten. Ca. 25 Franken.

Erstellt: 18.01.2020, 11:21 Uhr

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