Zu Gast an Britanniens unendlicher Dinnerparty

«Ein Tanz zur Musik der Zeit»: Das zwölfbändige Romanwerk von Anthony Powell erscheint endlich vollständig auf Deutsch.

Mit altenglischem Charme: Anthony Powell in seinem Haus, 1983. Foto: J. Player (Dukas)

Mit altenglischem Charme: Anthony Powell in seinem Haus, 1983. Foto: J. Player (Dukas)

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Anthony Powell? Literaturfreunden, auch sehr belesenen, sagt der Name nichts. Anders in England. Dort ist der Autor zahlreicher Romane, Essaybände, Memoiren und Tagebücher, dessen Leben sich nahezu über das ganze vergangene Jahrhundert erstreckte (1905–2000), ein Teil des Kanons. Sein zwölfbändiger Romanzyklus «A Dance to the Music of Time» ist im Leserbewusstsein präsent, auch durch Radio- und Fernseh­adaptionen. Sein Rang ist allerdings umstritten; die einen halten «Dance» für das bedeutendste Werk englischer Sprache nach «Ulysses» und den Autor für den englischen Proust; die anderen meinen, dem Umfang stehe keine entsprechende Substanz gegenüber.

Auf Deutsch konnte man das lange nicht beurteilen. In den 80er-Jahren gab es den Versuch einer Übersetzung, die nach einigen Bänden im Sande verlief. Jetzt hat der kleine Elfenbein-Verlag die ersten vier Bände vorgelegt, und mit je einem Band pro Halbjahr soll es weitergehen, bis Ende 2019 der ganze «Tanz zur Musik der Zeit» vorliegt. Dann wird eine Lücke der Literaturgeschichte gefüllt sein; wie gross diese Lücke ist, kann nach Lektüre der ersten Bände natürlich nur vorläufig ausgemessen werden.

Mit vierhundert Figuren

Sagen wir es so: Die Lücke ist nicht klein, aber ein Proust ist Powell nicht, trotz mancher Ähnlichkeiten, gleichem Umfang (rund 3000 Seiten) und vergleichbarem Ansatz und Anspruch. Powells Zwölfender ist ein Gesellschaftsroman, der die Entwicklung Englands – genauer: dessen oberer Mittelschicht – von den 20er-Jahren bis zu den frühen 70er-Jahren nachzeichnet. Rund 400 Personen treten auf, begegnen einander, lieben, heiraten, betrügen und trennen sich, steigen auf, scheitern und sterben, vor allem aber: Sie reden miteinander und übereinander.

Powells Romanzyklus erscheint wie ein überdimensionales Konversationsstück, eine epische Mauerschau, eine ins Unendliche gedehnte Dinnerparty. Er hat, wie auch Prousts «Recherche», einen Icherzähler, Nick Jenkins, der (Punkt für Punkt wie der Autor) das Elite­internat Eton und die Eliteuniversität Oxford absolviert hat, dann ein paar Jahre bei einem Kunstverlag arbeitet, im Zweiten Weltkrieg Offizier beim Geheimdienst ist und sich nach einer vorteilhaften Heirat schliesslich als Schriftsteller aufs Land zurückzieht. Seinen Schul- und Studienkollegen, deren Freunden, Schwestern, Geliebten begegnet er immer wieder unter wechselnden Konstellationen; die Schauplätze sind die Londoner Finanzwelt, das Künstlermilieu, vornehme Landsitze.

Der ideale Beobachter

Jenkins ist eine eher blasse Figur, was dem Roman nicht schadet (so wie der unscheinbare Hans Castorp des «Zauberbergs» die starken Protagonisten erst richtig erstrahlen lässt). Ausgestattet mit wenig Temperament und ohne ein klares Lebensziel, ist er der ideale Beobachter. Die Selbstbezogenheit seiner Mitmenschen ist ihm ein ewiges Rätsel; für ihn als Erzähler ist alles relativ – und gleich interessant.

Powell lässt ihn, was er sieht und was ihm auffällt, auf zwei Ebenen registrieren: zeitnah mit einem Schuss Naivität, aus der Rückschau («später sollte ich begreifen . . .») mit tieferem Verständnis. Der junge Jenkins ist stark geprägt von den Urteilen und Vorurteilen seiner Zeit und Klasse; der alte versucht das Erlebte zu ordnen – nach Gesetzen und Prinzipien, die aus den Ereignissen selbst abgeleitet sind, nicht an starren Standes- und Verhaltensvorschriften.

Der ganze «Tanz zur Musik der Zeit» ist ein Grossversuch, das Leben zu begreifen – das Gewimmel in eine Ordnung zu bringen, Strukturen zu entdecken, damit das Ganze einen Sinn ergibt. Je länger Jenkins lebt, je mehr Stoff er anhäuft, je mehr man liest, desto stärker erweist sich dieser Versuch als unmögliches Vorhaben, zugleich aber auch als spannendes literarisches Unternehmen. Der naive Zeitgenosse und der kluge Romancier Jenkins ringen mit dem Stoff und miteinander um den Sinn: Das lässt man sich gern gefallen, zumal der Autor zwei sehr englische und sehr erfreuliche Qualitäten in hohem Masse aufweist: Understatement und Humor.

Der «Tanz» ist ein Werk der Hochkomik, aber eher im Sinne eines Loriot, dessen Komik ja Kennerschaft erfordert, um sie geniessen zu können.

Im «Tanz zur Musik der Zeit» – der Titel ist einem Gemälde Nicolas Poussins entlehnt – kommt es immer wieder zu Szenen, in denen die Tänzer gewissermassen ins Stolpern geraten oder zusammenstossen; Powell reizt das nie slapstickhaft aus, gibt seine Figuren nicht dem brüllenden Gelächter des Lesepublikums preis, allenfalls einem Lächeln des Verständnisses darüber, gegen welche Geschmacksregel da jemand wieder verstossen hat. Der «Tanz» ist ein Werk der Hochkomik, aber eher im Sinne eines Loriot, dessen Komik ja Kennerschaft erfordert, um sie geniessen zu können: die Kenntnis eines ausdifferenzierten Verhaltenssystems (wer weiss, ob künftige Generationen noch über «Ödipussi» oder die Steinlaus lachen können. Oder über Powell).

Gegen dieses System verstösst immer wieder Jenkins’ Schulkollege Kenneth Widmerpool, die faszinierendste Gestalt hier. Der Aussenseiter, der schon in Eton durch Geld- und Geschmacksmangel, einen «unangemessenen Mantel» und krampfhaften, also uneleganten Ehrgeiz aufgefallen ist, macht aber trotz dieser Handicaps eine beachtliche Karriere in Wirtschaft und Politik.

Dabei tritt er weiter in jedes Fettnäpfchen, das der Autor ihm vor die Füsse legt, gerät in Kalamitäten aller Art und erlebt öffentliche Demütigungen. Eine exaltierte junge Dame, der seine Avancen lästig sind, schüttet ihm bei einem Ball den Inhalt einer ganzen Zuckerdose über den Kopf; im Hof seines Arbeit­gebers rammt er mit seinem Auto einen Blumenkübel; durch Selbstgefälligkeit und pompöses Bramarbasieren zeigt er immer wieder, was ihm zum feinen Englishman fehlt.

Dennoch: Mit Hartnäckigkeit und unbedingtem Willen – und zur ständigen Verblüffung des Erzählers – erklimmt Widmerpool Stufe um Stufe. Ist das ein Zeichen für den Niedergang des alten Englands und seiner Tugenden? Oder vielmehr dafür, dass neue Zeiten angebrochen sind, anbrechen mussten? Das kann erst die Lektüre der folgenden Bände zeigen, die Widmerpool sogar in die Arme der Blumenkinder der 70er-Jahre führen wird.

Karl Marx erscheint

Zwölf Bände – da kann einem die Lektüre lang werden. Schon in den ersten gibt es neben fesselnden Passagen zum Beispiel über den Aufenthalt Jenkins’ und Widmerpools in einer französischen Pension auch Leerlauf. Stilistisch ist das Bild ebenfalls uneinheitlich; hier eine grossartige Metapher, über zwanzig Zeilen ausgebreitet, dort Umständlichkeiten und Allgemeinplätze. Vor allem, wenn es um Frauen geht oder darüber, was Jenkins über Frauen und die Liebe denkt, möchte man sich jeden Vergleich mit Proust verbitten. Da erweist sich sein Autor doch als sehr «old school» – was seinem Nachruhm und seinen Chancen bei einem jüngeren Publikum im Wege stehen könnte.

Andererseits hat gerade dieses Altenglische einigen Charme. In einer köstlichen Szene versuchen Jenkins und einige Freunde, auf einer spiritistischen Sitzung mit einer sogenannten «Planchette» einen Toten herbeizuzitieren. Der erweist sich als Karl Marx, gibt Rätselhaftes von sich und beschliesst die Konversation schliesslich mit einem «einsilbigen, unanständigen» Wort. Der Autor bringt es nicht über sich, es zu nennen, lässt aber einen Beteiligten kommentieren: «Ich bin überrascht, dass er ein solches Wort kennt.»

Erstellt: 28.01.2016, 18:46 Uhr

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Anthony Powell: Ein Tanz zur Musik der Zeit. Romanzyklus. Aus dem Englischen von Heinz Feldmann. Elfenbein-Verlag, Berlin. Bd. I–IV, je ca. 220 S., ca. 35 Fr.

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