So ist der neue Houellebecq

Heute kommt «Serotonin» vom Skandalautor Michel Houellebecq in die Läden. Sein Held bietet die üblichen Provokationen, überrascht aber durch eine unerwartete Fähigkeit.

Ein Trump der Feder: Michel Houellebecq. Foto: Keystone

Ein Trump der Feder: Michel Houellebecq. Foto: Keystone

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Der Name Houellebecq ist vielen Menschen ein Begriff, die nie ein Buch von ihm gelesen haben, auch solchen, die sich gar nicht für Literatur interessieren. Nicht wenige können ihn sogar buchstabieren.

Das hat zwei Gründe. Erstens geht von seinen Romanen die Suggestion aus, dass Literatur auch heute «relevant» oder «seismografisch» sein könnte. Denn lässt Houellebecq nicht die Themen unserer Zeit aufmarschieren – die Krise der westlichen Zivilisation, die Bedrohung durch den islamistischen Terror, die Folgen des entfesselten Kapitalismus, Konsumismus, Individualismus?

Manche schreiben dem Autor gar prophetische Gaben zu. Hat er nicht Anschläge beschrieben, kurz bevor sie sich ereigneten? Hat er nicht in «Unterwerfung» die Vision einer Grande Nation gezeichnet, die sich freiwillig islamisiert? Und, grausige Koinzidenz, hat sich nicht das Massaker an der Redaktion von «Charlie Hebdo» an jenem Tag ereignet, als das Blatt mit einer Houellebecq-Karikatur auf der Titelseite erschien?

Rekordauflage in Frankreich

Der zweite Grund für Houellebecqs Popularität jenseits der Literatur ist die Verwandlung des Autors in eine Medienfigur, unter eigener tatkräftiger Mithilfe. Der Mann sorgt als Antityp zuverlässig für Schlagzeilen. Er, ein Trump der Feder, posaunt islamophobe, homophobe und sexistische Parolen in die Welt hinaus. Er baggert Interviewerinnen an oder schläft bei Auftritten demonstrativ ein. Er inszeniert sich im Literatenmilieu, das stilistisch von Schönlingen wie Bernard-Henri Levy dominiert wird, als «paumé», als eine Art Clochard mit strähnigen Haaren und erloschenem Blick.

Auch das Anti zum Antitypen beherrscht er: Im vergangenen September führte er in tadellosem Tenü, das Kreuz der Ehrenlegion im Knopfloch, seine chinesische Freundin Lysis zum Standesamt.

So kommt es, dass jeder neue Roman von Michel Houellebecq schon vor Erscheinen ein Ereignis ist, oder, wie der «Figaro» formuliert: «C’est déjà un événement.» In Frankreich startete «Sérotonine» mit einer Rekordauflage von 320'000 Exemplaren, begleitet von Jubelrufen der Kritik. Die deutsche Übersetzung, die auch das Glückshormon im Titel führt, liegt ab heute in den Buchhandlungen.

Der politische Konnex fehlt auch diesmal nicht: In einer Szene blockieren wütende Bauern, deren Höfe nicht mehr rentieren, eine Autobahn, und sie werden von der Bereitschaftspolizei CRS zusammengeschossen. Hat Houellebecq etwa auch die «gilets jaunes» vorhergesehen? Das wäre zu viel der Ehre für einen Mann, dessen politisches Weltbild mit «diffus und widersprüchlich» noch freundlich gekennzeichnet ist (kürzlich pries er etwa in einem Interview Donald Trump als einen der besten amerikanischen Präsidenten, nebenbei auch die Schweiz als «einzige Demokratie der Welt»).

Nun, die Bauern-Erschiessung ist nur eine Episode. «Serotonin» handelt vom langsamen Absinken eines Mannes in die Depression. Dieser Mann erzählt es uns selbst, wir begleiten ihn immer tiefer hinab, aber auch auf Erinnerungs-Ausflüge in eine Zeit, als es noch vage Aussichten auf ein mögliches Glück gab. Der Titel ist natürlich ironisch; der Roman könnte auch «Captorix» heissen nach jenem Antidepressivum, das der Held – Florent-Claude Labrouste heisst er und hasst, wie fast alles auf der Welt, auch diesen Namen – nimmt, um das Leben überhaupt irgendwie zu ertragen.

Allerdings senkt das Mittel auch die Libido, und damit sind wir im Zentrum des houellebecqschen Universums. Das Glück, dem der Held nachjagt, kann er sich, wie alle seine Vorgänger, nur in Form von Sex vorstellen, von dominantem männlichem, häufigem und heftigem Sex. Houellebecq-Leser finden sich auf vertrautem Territorium wieder; es ist, wenn das geometrisch möglich wäre, ein Gebiet mit nur einer Dimension. Frauen sind «Muschis» (so übersetzt Stephan Kleiner das nur um Nuancen freundlichere «chatte»), allein dazu da, dem Manne Lust zu bereiten; beziehungsweise «Schlampen», wenn sie das nicht oder nicht mehr tun.

Houellebecq scheut sich auch in «Serotonin» nicht, diese Weltsicht auch im pornografischen Register durchzudeklinieren. Seine letzte Gespielin, ein japanisches Luxusgeschöpf namens Yuzu, ist ein reines Klischee, aber bezüglich «ihrer sexuellen Leistungen auf einem sehr hohen Niveau, besonders was den entscheidenden Bereich des Blowjobs anging, sie leckte die Eichel hingebungsvoll, ohne dabei je die Eier aus den Augen zu verlieren, ihre einzige Schwachstelle war der Deepthroat», aber der werde ohnehin überschätzt.

Dennoch will Florent-Claude Yuzu loswerden, vor allem nachdem er Pornovideos von ihr entdeckt hat, auf denen sie es mit 15 Männern treibt (wozu noch ein «hündischer Mini-Gangbang» kommt). Wer Michel Houellebecq wegen seiner «Stellen» liest, wird gut bedient; später im Roman beschreibt der Held noch detailliert und durchaus kennerisch ein Pädophilenvideo.

Er hat Liebesglück erlebt

Es ist aber durchaus nicht alles in diesem Roman sexistischer Schrott, vorgetragen in provokanter Pose und nachlässiger Prosa, und das ist vielleicht das Erstaunlichste daran. Schon immer konnte man ja bei Houellebecqs Figuren unter der Maske des Misanthropen die Züge eines verzweifelten Romantikers vermuten. Das Männlichkeits­geprotze übertönte den stillen Schrei eines vernachlässigten, nie ganz erwachsen gewordenen Kindes nach Liebe.

Hier tönt der Schrei etwas lauter. Florent-Claude weiss, dass es Liebesglück geben muss – denn er hat es erlebt. Bei seinen Eltern, einem platonischen Idealpaar (allerdings ging die Liebe auf Kosten des Sohnes, was manches erklären könnte). Und selbst fünf Jahre lang mit Camille, die er wegen eines dummen Seitensprungs verlor. Die Zeit mit ­Camille verklärt sich in der Erinnerung bis zum Kitsch, nur ist Florent-Claude weit davon entfernt, die Ursache seines amourösen Scheiterns in seinem Frauenbild, in seinem schwanzfixierten Egoismus zu erkennen.

Immerhin: Diese blinde Verranntheit hat etwas Bewegendes, was auch die Leser spüren werden, die von der Monotonie des Lebensekels, dem pseudophilosophischen Jargon (der Phallus als «Voraussetzung für die Möglichkeit der Manifestation der Liebe» etc.), der Bildungsfuchtelei und den sonstigen houellebecqschen Stilmanieren angeödet sind.

Tatsächlich sind der Held und sein Erfinder gelegentlich nicht nur fähig zur Empathie, sondern auch in der Lage, sie auszudrücken. Diese Empathie gilt den Kühen auf einem normannischen Bauernhof, aber auch den Bauern, denen die sinkenden Milchpreise (also: «Europa») die Luft zum Leben abschnüren. In solchen Passagen wird die Suada des Icherzählers anschaulich und lebendig. Sie gewinnt sogar eine Wärme, die Houellebecq-­Leser überrascht – und vielleicht sogar den Autor selbst.

Michel Houellebecq: Serotonin. Roman. Aus dem Französischen von Stephan Kleiner. Dumont, Köln 2019. 335 S., ca. 35 Fr.

Erstellt: 07.01.2019, 09:45 Uhr

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